Der Rampen-Bauer

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Man kommt sich ein wenig vor wie in einem Bergwerksstollen. Es ist dunkel, staubig und das Atmen fällt schwer. Gebückt stolpert man zwischen massiven Bohlen aus Buchenholz einen kleinen Gang entlang, bis eine Holzleiter den Weg nach oben markiert. Rechts und links türmen sich meterhohe Heuberge, die träge und doch majestätisch in die Höhe ragen.

Dass es sich nicht um eine Höhle im tiefsten Erzgebirge handelt, sondern um den Stadel eines alten Bauernhofs, merkt man am Heu – und am Geruch.

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Es stinkt bestialisch. Es ist dieses charakteristische Odeur, süßlich beißend und schwer wie Blei, welches sich wie ein nasser Lappen an die Kleider heftet und diese nicht mehr loslässt. Vorsichtig tastet man sich an Holzsprossen nach oben, achtet auf jeden Tritt, bis man auf einer hölzernen Empore steht, die durch grobe Holzleisten und Balken wie ein Balkongeländer eingegrenzt ist. Man tritt aus der Dunkelheit heraus und es offenbart sich die Aussicht auf eine große Halle, deren schräg abfallendes Dach von schweren Holzpfeilern getragen wird und an deren Ecken und Kanten meterlange graue Spinnweben nach unten baumeln. Auf beiden Wandseiten des Stadels stehen auf rauem Estrich steile Rampen, breite Banks, Kicker, Obstacles und sogar ein kleiner Wallride. Der Anblick könnte stilbrechender nicht sein.  Ein selbstgezimmerter BMX-Park im Stadel eines Bauernhofs, direkt oberhalb eines Kuhstalls.

BMX und Mistgabel

Josef Greithammer, den hier alle nur Seppi nennen, ist der Erbauer dieses hölzernen Kleinods. Inmitten voralpenländlicher Idylle, an der letzten Pobacke der Welt, hat der 21-Jährige den Dehner oberhalb des Kuhstalls seiner Eltern zweckentfremdet, um seiner wahren Leidenschaft, dem BMX Fahren, nachzugehen.

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Ein wenig surreal sieht es dann allerdings schon aus, wenn Seppi mit NY-Nicks Mütze, Vans Pulli und Skinny Jeans inmitten von Kühen stehend die Mistgabel schwingt. Dennoch: Genau dieser Widerspruch weckt Neugier und man stellt sich unweigerlich die Frage, ob Seppi nun Landwirt, BMX-Fahrer, Rampenbauer oder Hallenbetreiber ist. »Nein, nichts von alledem. Ich habe eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht und bin jetzt auf der Technikerschule in München«, sagt Seppi, lacht und wischt sich mit dem Handrücken den Staub aus dem Gesicht. Rampenbauer oder Landwirt – beides steht nicht auf seiner Liste der Traumberufe. Ein dumpfer Knall hallt durch den Raum, unterbricht unser Gespräch. Seppi grinst und blickt lässig in Richtung der Rampen. Der BMX Park befindet sich direkt über dem Stall und ist seitlich an das Wohnhaus angebaut. Seppi erklärt: »Wenn man oben im Park fährt, dann hört man das im gesamten Haus. Das Klo hat eine Entlüftung und die leitet den Lärm direkt durch die Rohre nach unten in den Stall.« Direkte Nachbarn, die sich über den Lärm beschweren könnten, gibt es zum Glück nicht. Wohl aber Seppis Familie, die direkt nebenan wohnt. Wirklich zu stören scheint den Lärm allerdings niemanden.

Eine Alternative musste her

Als die Arbeit im Stall ist erledigt ist, stolpern wir erneut durch die Dunkelheit, vorbei an Heuballen, landwirtschaftlichen Maschinen und die kleine Sprossenleiter hinauf, zu Seppis privatem BMX-Mekka. Wovon andere träumen, hat er umgesetzt. Angefangen mit ein paar alten Belegplatten, baute Seppi mit ein paar Freunden die ersten kleinen Rampen. Als dann durch einen Neubau ein großer Teil des alten Hofs nicht mehr genutzt wurde, war dies der Startschuss für den eigenen Park. »Als der Kuhstall vergrößert wurde, hat das plötzlich jede Menge neuen Platz geschaffen. In München gab es mal eine Halle, die hat allerdings dicht gemacht. Das war der Auslöser, den alten Scheunenteil auszubauen. Ursprünglich wollten wir nur ein bisschen was zum Rumcruisen bauen. Ist halt jetzt etwas mehr geworden.«

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In nur wenigen Monaten entstand eine ganze Fülle an selbstgezimmerten Rampen und Obstacles.
Das meiste davon musste allerdings aufgrund mangelnder Erfahrung wieder abgerissen werden. Seppi lacht und erzählt mit einem breiten Grinsen »Wir hatten keinerlei Erfahrung im Rampenbau. Das war reine Improvisation. Die Banks zu bauen sind kein Problem, aber die Transitions, das ist echt eine Kunst für sich. Da braucht man Erfahrung.« Erfahrung, die man sich erst erarbeiten musste. Seitdem wurden sieben Rampen gebaut, modifiziert und stetig verbessert. »Diese lassen sich inzwischen auch halbwegs fahren«, schmunzelt Seppi verlegen.

Wenn sie nicht gerade waghalsige Tricks und halsbrecherische Airs machen oder an neuen Rampen basteln, dann trifft sich die BMX-Clique auch öfter nur zum Zeitvertreib in der Halle. Auf ein paar alten Couches, die mehr dem Zweck als der Ästhetik dienen, sitzen sie dann beisammen, trinken Bier, fachsimpeln oder schwelgen in amüsanten Erinnerungen. Zum Beispiel über den gemeinsamen Freund, der nach einer Session mit dem Zug nach Hause fuhr und von den andern Fahrgästen aufgrund seines strengen Geruchs angesprochen wurde. Oder über diverse kleinere Unfälle, die glücklicherweise immer glimpflich ausgingen. Bis auf einen Nasenbruch ist noch nie ernsthaft etwas passiert, sagt Seppi und setzt sich einen zerschrammten Helm auf den Kopf.

Etwas gegen seine Leidenschaft einzuwenden hat eigentlich niemand von Seppis Familie, auch wenn BMX fahren nicht ganz ungefährlich ist. »Der Opa sagt immer, ich soll endlich gscheid Radl fahren. Das habe ich auch schon gemacht. Alpencross letztes Jahr. Das reicht erstmal«, sagt Seppi und stürzt sich mit seinem BMX die Rampe hinunter – in die Dunkelheit.

Text: Maximilian Marquardt, Fotos: Julian Hartwig

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