Beim Tontaubenschiessen …

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Es ist früh am Morgen, wir befinden uns auf einer Grafschaft am hinteren Zipfel des Bodensees. Nebelschwaden liegen über der Wiese. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch. Ein schönes Fleckchen Erde. Die Stimmung lädt zum Nachdenken ein. In Gedanken versunken vernehme ich den Ruf einer Person – ein markerschütternder Knall folgt. Unsanft werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der Geruch von Schießpulver erfüllt die Luft. Jan Lucas Härle ist Koch – ein verdammt guter und in seiner Freizeit schießt er auf Tontauben.

Zu diesem nicht alltäglichen Hobby ist der Lustenauer Gastronom durch seinen Großvater gekommen. Der Schütze hat den jungen Jan hin und wieder zum Tontaubenschießen mitgenommen. »Es ist wie ein Virus«, erklärt er mir. Die Faszination darüber, Scheiben in der Luft zu zerschießen, ist schwer in Worte zu fassen. »Es sind mehrere Dinge, die Präzision, die man braucht, aber auch der laute Knall und, dass man was kaputt machen kann. Das ist aber auch eher ein Männer-Ding«, sagt Jan mit einem Lächeln.
Mit knapp über 30 gehört er eher zu den Jüngeren, die diesen Sport betreiben. Das liegt zum einen daran, dass es ein klassischer Altherren-Sport ist, und zum anderen, dass dieses Hobby nicht ganz günstig ist. Für eine gute Flinte, Munition, Tontauben, Gebühren usw. muss man schon was einplanen.

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Entstehung

Wir kennen das Tontauben-Schießen aus den James Bond-Filmen, die Bösewichte machen das meistens.
Der Sport kommt aus England. Früher diente er dazu, die Treffsicherheit außerhalb der Jagdsaison zu trainieren. Anfangs ließ man noch echte Tauben aus Körben aufsteigen und feuerte dann auf selbige. Diese grausame Praxis wurde später durch tönerne Scheiben ersetzt.
Ab 1822 etablierte sich das Schießen auf die fliegenden Scheiben als Sport, blieb aber lange Zeit ein Privileg der Reichen.

Heute

Wir befinden uns auf einem riesigen Gelände, das Platz für mehrere Schießstände bietet, sowohl auf der Wiese als auch im Wald. Wenn man hier nicht ständig Schüsse hören würde, könnte man meinen, man sei auf einer Wanderung.

Bei einem Schießstand sind mehrere kleine Katapulte statio-niert. Einfache Autobatterien liefern den nötigen Strom, damit die orangen Scheiben bis zu 100 Meter über das Feld geschleudert werden können. Diese haben einen Durchmesser von lediglich elf Zentimetern. Trifft der Schütze, zersplittert die Scheibe in tausend Stücke, wobei eine deutlich sichtbare Farbwolke entsteht.

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Die Flinte bietet Platz für zwei Patronen, die, wenn abgeschossen, automatisch aus dem Lauf geschleudert werden, begleitet von einer Rauchfontäne und dem Geruch von Schwarzpulver. Wir sind bei sogenannten Jagdparcours,  das heißt, bei der Flugbahn der  Tontauben wird das Verhalten von Tieren imitiert.

Es muss schnell gehen. Wenn die Tontaube gestartet ist, hat man keine Zeit für meditationsartige Zielvorgänge, man muss handeln, schnell und präzise. So trainiert man seine Auge-Hand-Koordination und die Reaktionsschnelligkeit.

Safety first

Unsere drei Schützen werden an diesem Vormittag bescheidene 500 Schuss Munition den fliegenden Scheiben hinterherjagen. Die Gefahr schwingt immer mit, schließlich wird hier mit echten Waffen hantiert. Deshalb werden die Sportgeräte auch immer mit einem gewissen Respekt behandelt. Die Flinte wird ausschließlich offen getragen, d. h. der Lauf ist abgeknickt, damit der Bolzen nicht auf die Patrone treffen kann, falls einer vergessen hat, sie herauszunehmen.

Der Schießsport an sich genießt keinen sonderlich guten Ruf, irgendeiner bringt immer das Thema »Amoklauf« auf den Tisch.

»Ich kann auch mit dem Messer jemanden umbringen, aber das ist ein blödes Argument. Fakt ist, dass man einen Waffenschein machen und die Flinte speziell weggesperrt haben muss. Die Polizei kon-trolliert das drei Mal im Jahr. Man muss verantwortungsvoll damit umgehen«, meint Jan dazu.

Auch beim Thema »Umwelt« gilt »Safety first«, vor allem am Dornsberg, wo wir uns gerade befinden. Hier darf seit einiger Zeit nur mehr Weichmetallschrot anstelle des belastenden Bleis verschossen werden. Durch diese Umwelt-Maßnahme ist die Anlage natürlich auch nicht mehr für Wettkämpfe geeignet, bei denen ausschließlich mit Blei geschossen wird.

Die Tontauben selbst sind nicht mehr aus Plastik und schon gar nicht aus Ton, heute bestehen Sie aus einer Sand-Harz-Mischung, die biologisch abbaubar ist.

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Kimme und Korn

Aus Recherchegründen muss ich auch mal ran. Eine kurze Einweisung erfolgt und dann kommt die wichtigste Regel. »Drück die Flinte fest gegen deine Schulter. Wenn da nur ein Zentimeter Platz ist, gibt’s ’nen blauen Fleck. Dem Schuss folgt ein Rückstoß mit ca. 70 Kilo Kraft, den musst du mit deinem ganzen Körper auffangen.« Ja, mach mir nur Mut. Bei »Pull« fliegt die Scheibe, diesmal die leichte Variante, einfach nach oben.

»Pull!« Schuss. Mein Herz rast. Daneben, aber wie. Ich bin zwar erschrocken, doch sofort wieder konzentriert, die Tontaube befindet sich noch in der Luft. Ich drücke das zweite Mal ab. Wieder daneben.

Nervös lade ich nach. Es ist ebenfalls keine leichte Aufgabe, den an sich einfachen Mechanismus zu handeln, doch die Einweiser haben Geduld mit mir. »Pull!« Das Ergebnis bleibt dasselbe, also nochmals von vorne. »Pull!« Treffer! Ich vernehme anerkennendes Grölen aus dem Hintergrund, dank des Gehörschutzes bekomme ich nicht viel mit. Wir versuchen eine andere Flugbahn, beim zweiten Schuss zerspringt die Tontaube in hunderte Einzelteile. Es beginnt, mir Spaß zu machen, das Fieber hat mich gepackt. Den Rückstoß der Waffe bemerke ich nicht mehr. Der Nervenkitzel, das laute Knallen mit der einhergehenden Zerstörung und das sich einstellende Erfolgsgefühl faszinieren mich. Jan hat Recht, ein Sport für Männer eben.

Fotos: Zim.K PhotoGraphic

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