Wie soll man euch Idioten das erklären?

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Die Sterne gibt es schon fast so lange wie mich. Das erste Sterne-Lied, das es auf eines meiner (letzten) Mixtapes geschafft hat, war »Big in Berlin«. Vor kurzem waren sie in Dornbirn und steltlen ihr Album »Flucht in die Flucht« vor, aus dem auch die Textzeile unserer Headline stammt. Frank Spilker, Sänger und Gitarrist hat uns ein paar Fragen beantwortet – natürlich ohne wüste Beschimpfungen.

Worüber schreibst du am liebsten?
Ich schreibe am liebsten – wie wahrscheinlich jeder – über das, was mir am nächsten ist, was mir oder in meinem unmittelbaren Umfeld gerade passiert. Die klassischen Songthemen (Boy meets girl, Trennung, Sehnsucht) versuche ich nicht zu vermeiden, aber immer mit anderen Themen zu verbinden.

Wie entsteht ein Song bei euch? Habt ihr zuerst einen Text, zu dem dann die passende Melodie gefunden werden muss oder läuft es umgekehrt?
Die Sterne-Songs gehen fast immer vom Groove aus. Das muss man sich wie eine Fahrspur vorstellen, der Gesang, der Text, die Instrumente, alles muss in diese Rille. Dann kommt der Text, oder zumindest wesentliche Teile davon, wie der Refrain und dann das Arrangement.

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Wo schreibst du die meisten Songs?
Sie beginnen im Kopf und enden am Schreibtisch. Dazwischen wird oft geprobt und an den Grooves gefeilt. Wenn die Begeisterung für einen Groove da ist, bringt man auch die Energie für die arbeitsintensiven Teile auf: das Arrangement, die finale Textversion. Texte können überall dort entstehen, wo das leere Blatt nicht zurückstarrt, d.h. auch gerne in Cafés oder in Parks.

Die Sterne gibt es seit 1987. Hast du nach so langer Zeit manchmal das Gefühl, dich in deinen Texten zu wiederholen?
Ich wiederhole mich nicht, ich mache Sachen noch einmal. Und dann hoffentlich besser. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand etwas dagegen hat, sonst würde es das normale Radioprogramm nicht geben.

Apropos Wiederholung: Nervt es eigentlich, 30 Jahre lang die immergleichen Fragen zu beantworten?
Ich wiederhole mich nicht, ich mache Sachen noch einmal. Und dann hoffentlich besser. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand etwas dagegen hat, sonst würde es das normale Radioprogramm nicht geben.

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Wann war für dich der Punkt erreicht, an dem du beschlossen hast, von deiner Musik leben zu können?
Oh, ich wusste nicht, dass man das beschließen kann. Wenn das m.glich ist, dann beschließe ich jetzt einen Porsche zu fahren. Ich glaube, dass man sich mit ziemlichem Schwung in die künstlerische Arbeit stürzen muss, da man wegen der überdurchschnittlichen Konkurrenz keine halben Sachen machen kann. Eine Feierabendband ist nur selten, eigentlich nie, erfolgreich.

Ist es heute leichter oder schwerer als Musiker finanziell zu überleben? Was hat sich geändert? 
Es ist leichter bzw. billiger seine Ideen zu verwirklichen und verfügbar zu machen. Damit ist dann aber noch lange kein künstlerischer oder finanzieller Erfolg verbunden. Den zu haben, ist heute genauso schwierig wie vor dreißig Jahren. Die Neunzigerjahre haben es mit ihren überdurchschnittlich hohen CD-Verkäufen ermöglicht, dass auch kleinere Indie Bands wie wir von ihrer Arbeit leben konnten. Heute haben selbst Bands Probleme, die die Charts stürmen, weil sie zum Beispiel live nicht funktionieren. Mit Tonträgern ist so gut wie kein Geld mehr zu verdienen.

Habt ihr in der Band diskutiert, ob ihr eure Alben auf Spotify veröffentlichen wollt? 
Ja. Auch wenn Spotify den Künstlern nicht viel zahlt, wie alle Streaming Dienste, kann man so wenigstens ermitteln, wie viel man gehört wird. Im Unterschied zu den nicht registrierten Downloads ist das immerhin ein Erfolgsfeedback.

Habt ihr noch definierte Ziele, die ihr erreichen wollt? So etwas wie xy Albumverkäufe, eine Straße, die nach euch benannt wird oder einen lebensgroßen Bravo-Star-Schnitt?
Ich finde, das sind alles gute Vorschläge und insbesondere die Straße halte ich für ein realistisches Ziel. Tatsächlich gibt es in Hamburg ja schon eine „Sternstraße“ in der „Sternschanze“. Aber Albumverkäufe und Applaus sind nur ein Symptom, dem gute Ideen vorausgehen. Um die kümmern wir uns hauptsächlich. Das nächste Album ist immer das wichtigste.

Wie stehst du zu Preisverleihungen à la Echo? Selbstbeweihräucherung der Branche oder eine willkommene Wertschätzung?
Ganz klar ersteres. Der Echo ist ganz eindeutig eine Branchenveranstaltung, die „Erfolge“ auf Basis von Verkäufen bewertet. Es gibt auch einen internen Teil der Veranstaltung vor der großen Show, die dann ausgestrahlt wird: Dort werden die Preise für Marketing und Timing vergeben. Eine Ausnahme ist da nur der Kritikerpreis, der aber auch langweilig ist, weil den jedes Jahr der angesagteste Newcomer bekommt.

Euer aktuelles Album heißt „Flucht in die Flucht“ – wovor bist du zuletzt geflüchtet?
Meistens flüchte ich vor Menschen. Ein paar von ihnen finde ich aber auch ganz OK. Es geht auf dem Album aber auch um die kleinen Fluchten, wenn man zum Beispiel während der Arbeit private Webseiten aufruft oder das Handyspiel auf dem Klo.

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Und gegen wen oder was würdest du dich stellen bzw. wofür würdest du kämpfen?
Die Bigotterie und die Verlogenheit der Menschen, wenn es um die Verteidigung der eigenen Interessen geht. Aktuell stehen die Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer zur Debatte. Die Turnschuhe, die an den Stränden der Ägäis angespült werden, stammen von Menschen, nicht von „Flüchtlingen“ oder „Fremden“.

Euer letztes Album „24/7“ war ein musikalischer Ausreißer – elektronische Klänge statt Indiepop. Warum seid ihr bei „Flucht in die Flucht“ wieder zu euren Wurzeln zurückgekehrt? 
24/7 funktioniert nach den klassischen Disco-Regeln, nach denen alle Teile doppelt so lang sind, als bei einer klassischen Radio Single. Sie ist nicht elektronischer als das neue Sterne Album, bei dem wir viel auf psychoakustische Effekte gesetzt haben. Wir reden dann übrigens immer lange darüber, was Hörer als elektronisch empfinden und was nicht. Das scheint immer recht willkürlich zu sein. Jedenfalls sind es eher tradierte Zeichen, wie sie auch im Kino eine Rolle spielen, wenn der Bösewicht eine schwarze Jacke trägt, als dass es irgendetwas mit Physik zu tun hätte.

24/7 bezieht sich auf die – mittlerweile fast schon geforderte – ständige Erreichbarkeit. Wann schaltest du dein Handy bewusst aus?
Eigentlich nie, aber ich gehe zwischendurch nicht ran.

Liest du dir Reviews durch?
Das kommt drauf an. Normalerweise schon, aber manchmal bildet sich so ein Tenor, der es im positiven wie auch im negativen Sinn unnötig macht, Reviews zu lesen.

Wir sind auf Amazon auf eine spezielle Rezension gestoßen: „[…] Hatte vorher absolut nix mit dieser Band am Hut. […] Leute, ich muss sagen, diese Scheibe schiebt so dermaßen an, dass es einen vom Hocker haut. Doch du stehst sofort wieder auf, denn dieser Beat frisst sich in deine Knochen – und das ist gut so! Dreh das Licht in deinem Zimmer ab – den Volume-Regler hoch – und du wirst merken, wie dich dieser Sound mit voller Wucht erwischt. Du bist im Sternenhimmel. Eine wahre Freude! Ein Tipp noch zum Schluss an die Band: Schickt doch ein Gratisexemplar an die Pet Shop Boys – die werden euch lieben. Volltreffer! Danke!“ Kannst du dir vorstellen, ein Album zu den Pet Shop Boys zu schicken?
Ich habe die Pet Shop Boys bisher nur ein Mal ungeschminkt gesehen. Das sind sehr nette, gebildete ältere Herren, von denen ich auf jeden Fall sofort einen Rat annehmen würde. Ich habe übrigens bisher kaum blasierte Diven kennen gelernt. Die Pop-Musiker, die ich mag, scheinen alle nett zu sein.

… jede einzelne Entscheidung, die man im Leben trifft, bestimmt, wer und was man ist.

Glaubst du, ihr würdet anders klingen, wärt ihr nicht aus Hamburg?
Ich glaube, dass jede einzelne Entscheidung, die man im Leben trifft, bestimmt, wer und was man ist. Das trifft auch auf die Musik zu. Insofern ja. Allein das Vorhandensein großartiger inspirierender Soundtüftler vor Ort beeinflusst natürlich unsere Arbeit. Wir machen das ja nicht alleine.

Gibt es eine bessere Stadt als Hamburg?
Es gibt keine „beste“ Stadt. Die Beste ist die, wo die Menschen wohnen, die einem am wichtigsten sind. Davon abgesehen bietet Hamburg schon eine hohe Lebensqualität, die aber auch nicht gerade günstig zu haben ist.

Welchen Stellenwert hat für dich das Wort Alltag?
Einen großen. Und da bin ich nicht anders als andere Menschen auch, ob ich nun gelegentlich auf Tour gehe oder nicht. Die meisten Tage verbringe ich von 9 bis 5 an meinem Schreibtisch.

Gibt’s wirklich Unterschiede beim Publikum in den verschiedenen Städten oder sagt man das nur auf der Bühne, damit die Konzertbesucher sich gut fühlen?
Natürlich gibt es Unterschiede, aber man weiß auch nie genau, ob es am Publikum oder an einem selbst liegt. Also macht man dem Publikum Komplimente, wenn es gut läuft und wenn nicht, hält man lieber die Klappe.

Bist du nervös vor Auftritten?
So lange bis klar ist, dass alle Kabel heile und die Batterien noch geladen sind. Wenn die ersten Songs gespielt und der Kontakt zu den Leuten aufgebaut ist, bin ich auch nicht mehr nervös.

Warst du schon einmal in Vorarlberg?
Wir waren das erste Mal 1994 in Dornbirn und seitdem so circa alle fünf Jahre. Wir kommen immer gerne und haben auch Freunde in der Gegend.

Der Vorarlberger Dialekt ist sehr eigen. Was könnte dieser Satz bedeuten: „D’Liabe isch a hura Secklarei.“?
„Die Liebe ist ein seltsames Spiel“? Oder „…harte Arbeit.“? Wir haben keine Ahnung.

Foto: Handout Die Sterne, © Max Zerrahn

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