Calisthenics

CALISTHENICS-beitrag

Durchtrainierte Körper trotzen mit scheinbarer Leichtigkeit der Schwerkraft – sie hängen waagrecht in der Luft oder führen kunstvolle Bewegungen aus. Was auf den ersten Blick aussieht wie Akrobatik, ist in Wirklichkeit Krafttraining, von dessen Anhängern »Calisthenics« genannt, das es in sich hat.

Bereits den Namen auszusprechen ist eine Herausforderung, noch anspruchsvoller sind die verschiedenen Übungen in der Umsetzung. Hinter Calisthenics steckt die Idee, das Krafttraining nach draußen in die Natur bzw. die Stadt zu verlegen. So Einiges, was ihr dort vorfindet, eignet sich als Trainingsgerät – solange es euer Körpergewicht trägt. Denn genau darum geht’s im Prinzip. Auf Hanteln wird verzichtet, stattdessen setzt man seine eigenen Pfunde ein. Dabei handelt es sich um klassische Zug- oder Drucktechniken, wie z. B. Liegestütz oder Klimmzüge – nur ein paar Level höher.

Dieses Street Workout ist mit gewöhnlichem Training im Studio kaum vergleichbar und erfordert eine gewisse Umstellung. Wichtig ist die eigene Kreativität und Spontaneität. Ob Klimmzüge auf dem Spielplatz, Dips an der Bushaltestelle oder Push-Ups im Park – oft ist Improvisieren angesagt.

Calisthenics Pro

An einem verregneten Freitag treffen wir uns mit Andi Lutz, Andreas Kalteis und Tom Ulmer. Calisthenics Pro ist die Adresse, wenn’s um Parkour, Functional Training oder eben Calisthenics geht. Schnell machen sie uns klar, dass die Moves, die in diversen Videos leicht und lässig wirken, in Wahrheit ziemlich anstrengend sein können. Die Übungen richtig zu machen, erfordert intensives Training und einen eisernen Willen.

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andi-power-CALISTHENICS

Andreas berät sich mit seinen Kumpanen, welche Positionen sie uns zeigen könnten, die auch für Fotos taugen. Bei Calisthenics muss es schnell gehen, deshalb eignen sich die Übungen eher für das Medium Video. Die drei unterhalten sich in Begriffen wie »Front Lever«, »One Arm Pull« oder »Muscle up« – wir verstehen dabei nur Bahnhof.

Schön und stark

»Kalos« bedeutet im Griechischen »schön«, »sthenos« heißt so viel wie »Kraft«. Und genau so sehen die Übungen auch aus. Das LändleFit-Team bewegt sich langsam und präzise, mit einer gewissen Eleganz – das macht Calisthenics für Zuschauer ebenfalls faszinierend.

Calisthenics ist ein kreatives Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht. Klassische Zug- und Druck-techniken ermöglichen uns ein sehr effektives Training.

Andi Lutz

Es sieht alles ganz leicht aus, ein »das kann doch nicht so schwer sein« geht mir durch den Kopf. Ich versuche mich kurz an den von der Decke hängenden Ringen hochzuziehen und eine der Figuren nachzumachen. Nach kurzer Anstrengung muss ich aufgeben. Selbst Andi und Tom können nur wenige Sekunden in ihrer Position verharren, dann müssen sie mit schmerzverzerrten Gesichtern den Körper entspannen.

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Back-Lever-CALISTHENICS

Doch warum trainieren immer mehr junge Kraftsportler lieber auf der Straße als im Club? »Mir ist dabei auch die Community wichtig«, erzählt Tom, »man macht den Sport gemeinsam und hat immer eine kleine Competition am Start. Ganz im Gegensatz zum Fitnessstudio, wo man eher für sich allein trainiert.«

Wer hat’s erfunden?

»Ganz genau kann man das nicht sagen«, erklärt Andi Lutz. »Diese Techniken zählen aufgrund ihrer Einfachheit zu den ältesten Krafttrainings überhaupt.« Angeblich haben schon die alten Spartaner so etwas in der Art gemacht.

Weiters erzählt Andi, dass in Russland und Osteuropa das Training an der Stange eine lange Tradition hat. Spielplätze sehen dort etwas anders aus als hier. Auf die traditionelle Kinderrutsche wird weniger Wert gelegt, stattdessen findet ihr großzügige Stangen-setups und statt »Verstecken« stehen Turnübungen auf dem Plan. »Das hat mit der Mentalität dort zu tun, da hat körperliche Kraft einen hohen Stellenwert«, fährt Andi fort.

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Andi-Kalteis-CALISTHENICS

Auch in den ärmeren Gegenden von New York, wo sich den monatlichen Beitrag fürs Fitnessstudio nicht jeder leisten kann, können Sportbegeisterte auf vorhandene Sportparks zurückgreifen. Der richtige Hype ist aber erst vor ein paar Jahren mit YouTube entstanden. Hier konnten die Athleten der Welt zeigen, was sie drauf haben.

Bevor ihr nun den Spielplatz eurer Kinder stürmt, solltet ihr wissen, dass für Moves wie einen »Back Lever« (siehe linke Seite unten) die Basics wie Klimmzüge, Liegestütze oder Dips beherrscht werden sollten. Calisthenics bietet aber auch für Anfänger entsprechende Übungen. Mit steigendem Können wird dann einfach der Schwierigkeitsgrad angepasst.

In diesen Sport spielen Aspekte wie Kraft, Koordination oder Balance hinein. Die Kombination aller Faktoren ist für mich die größte Herausforderung.

Tom Ulmer

Unsere drei Sportler beherrschen die Basics bereits, deshalb versucht sich Andi gegen Schluss noch an einer Meister-Übung, dem »Iron Cross«. Man hängt dabei wie Jesus mit ausgestreckten Armen in den Ringen. Er schafft es, sich für wenige Sekunden in dieser kräfteraubenden Stellung zu halten – leider waren wir zu langsam für ein Foto.

Street Workouts sind im Kommen. Nach und nach schwappt die Calisthenics-Szene aus den urbanen Stadtvierteln der Großstädte auf die Spielplätze und Sportparks Vorarlbergs. Es wird wahrscheinlich kein Massensport werden, aber es hat das Potenzial, im Bereich von Freerunning oder Parkour anzukommen. Und wenn ihr euch mal eine Session geben wollt – seid ihr hier richtig: calisthenics-pro.com

Fotos: Cornelius Lorünser – photögraphy.com, Models: Andreas Lutz, Andreas Kalteis & Tom Ulmer

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