Im Interview: Grossstadtgeflüster

Grossstadtgeflüster, Foto: Kai Müller

Als wir die Interview-Zusage von Grossstadtgeflüster bekamen, freuten wir uns wie Honigkuchenpferde. Als Frontfrau Jen Bender ihr Management um mehr Zeit bat, da sie unsere Fragen so toll fand, freuten wir uns wie Honigkucheneinhörner. #FanGirl #FanBoy

Grossstadtgeflüster, Foto: Kai Müller

Wie beschreibst du die Musik von Grossstadtgeflüster?
Es ist kompliziert.

Na gut. Der Vergleich mit Deichkind liegt nahe: Synthies, Beats und wahnwitzige Wortspiele. Kannst du das nachvollziehen oder nicht mehr hören? Warum seid ihr cooler bzw. sexyer als Deichkind?
Gibt schlimmeres wa!? Uns gibt es jetzt seit 13 Jahren, wir wurden schon so viel mit so vielen verglichen, mein persönlicher Lieblingsvergleich war »ihr seid so’n bisschen Rosenstolz auf Crack!«. Grundsätzlich kann ich den Vergleich mit DK nachvollziehen. Voll ok für uns. Ich mache auch immer wieder gerne Schubladen auf, um Musik zu beschreiben. Macht es einfacher.
Aber auch wenn das Ding mit der Selbstwahrnehmung meistens in die Hosen geht, wir sind weder so sexy noch so cool wie die Babes vom Deich, aber dafür sind wir voll krass süß!

Süßer gehts kaum. Ihr habt euch nach einem eurer eigenen Songs benannt. Zählt das schon als Selbstplagiat? Und war der Song wirklich so gut?
Ja, absolutes Selbstplagiat, unser Anwalt hat uns auch davon abgeraten. Und nein, der Song is’ ne Nummer auf’m Debüt von uns. Was soll ich sagen, is’ halt ne Debüt wa? Und wär ja alles nicht so, wie es ist, wäre es damals nicht gewesen wie es war, Blabla-blubb. Ich war ja damals für »Kaktus und Kaktussi« als Bandname … wurde demokratisch abgewählt …

Ein Hoch auf die Demokratie. Und als Fans der deutschen Rechtschreibung fragen wir uns, so wie viele Andere auch, warum ihr Grossstadtgeflüster mit drei »s« schreibt? Eigentlich sogar vier … Du merkst schon, das Thema ist uns echt wichtig.
Was glaubt ihr, wie es mir ging, als ich den ersten Delfin mit »f« gesehen habe? Bin bis heute fix und fertig … da hat mich auch keiner gefragt, wie es mir damit geht und so?!
Wenn das Leben kein Wunschkonzert ist, muss man den Musikern halt die Instrumente aus den Händen reißen und selber »We will rock u« spielen!

Das Hauptthema unserer aktuellen Printausgabe heißt »illegal«, darum werden wir jetzt etwas darauf rumreiten müssen. Hast du schon mal etwas Illegales gemacht?
Ja.

Und was genau? Wurdest du erwischt oder warst du schlauer als das System?
Wenn man jedes Blitzerfoto berücksichtigt: Beides.

Siehst du ein, dass man für manche Vergehen bestraft werden muss?
Ich bin das Ergebnis einer halbwegs antiautoritären Erziehung, ich finde diese Frage irritierend und überfordernd. Ich tanze dir die Antwort einfach irgendwann mal vor, ok?

Darauf kommen wir bei Gelegenheit zurück. Nächste Frage: Habst du Lieblingsdrogen? Die Antwort »Umarmungen« zählt nicht.
Kommt auf die Situation drauf an. Was für den gemeinen Geistes- oder Kulturwissenschaftler das Glas Rotwein am Abend ist, is’ für mich meine Abkacktüte. Ich finde Weed ist eine ganz ganz tolle Erfindung und glaube, wir hätten Weltfrieden, wenn einfach alle (die es vertragen) mehr kiffen würden. Auch wenn dann alles total verballert wäre, wäre das ja egal, weil es allen egal wäre, weil ja alle total verballert wären. Ich hebe auch ganz gerne mal einen und liebe ausgedehnte Kneipenabende. Dem ganzen Chemo-Zeug kann ich nicht mehr so viel abgewinnen. Ich glaube aber auch, dass sich die Wirkungsweisen der Partydrogen verändert haben. Es geht mehr ums Durchhalten und Durchknallen als ums Glücklichsein und Farbensehen und freie Liebe und so.

Gibt es sonst noch Jugendsünden, von denen wir wissen sollten? Wir verraten es auch (fast) niemandem.
Oh, na dann ist ja gut. Ich finde unser gegenseitiges Vertrauensverhältnis wirklich einzigartig! Gott und mich verbindet ja vor allem unsere gemeinsame Vorliebe für Blasphemie. Aber zurück zur Frage, also Sünden … Jugend … mhm … ich glaube, die Jugend an sich ist eine Sünde. Wer sich zurückerinnert und keinen »Ach-du-Scheiße-Moment« findet, der hat sie irgendwie verpasst, diese Jugend.

Apropos Jugend: Habt ihr auch etwas Anständiges gelernt oder wart ihr schon immer darauf aus, ein Dasein als Künstler zu fristen?
Wir haben alle mal aus vollem Herzen studiert, aber aus Imagegründen abgebrochen. Oder war es umgekehrt? Die Jungs haben tatsächlich Musik studiert, der Chriz sogar auf Lehramt, wenn das ma nicht anständig ist. Und um jedes Klischee, das von mir erwartet wurde, zu erfüllen, habe ich Kommunikationsdesign studiert. So richtig mit Eignungsprüfung und Trallala. Aber dann dachte ich, kein Geld kann ich auch weiter mit Musik verdienen.

Stimmt. Du schreibst viele selbstironische Texte – wie wichtig ist es, dass man über sich selbst lachen kann? Nehmen wir uns alle viel zu ernst?
Keine Ahnung, aber wenn man über sich selbst lacht, kann keiner mehr über einen, sondern nur noch mit einem lachen. Das gilt auch für das Schicksal, die Realität und das ganze Universum.

Fluchst du privat auch so viel wie in deinen Texten und was sagen eure Mütter dazu und noch interessanter: Wie laufen Elternsprechtage ab (also falls ihr Kinder habt, die Katze zählt nicht)?
Mein Biolehrer hat damals mal gesagt, er würde ein Sparschwein mit in den Unterricht bringen, wo ich immer, wenn ich fluche, 50 Pfennig reinwerfen müsste und am Ende des Jahres fahren wir davon mit dem ganzen Jahrgang in den Urlaub.

Dann warst du bestimmt die beliebteste Schülerin deiner Klasse. Themenwechsel: Im Video zu »Fickt-Euch-Allee« sind eine Menge bekannter Gesichter zu sehen, z. B. Jennifer Weist (Jennifer Rostock), Marteria, Torsun (Egotronic) oder Miss Platnum. Das machen ja momentan fast alle, z. B. Deichkind und Beginner. Ist man diesen Künstlern dann einen Gefallen schuldig, so wie bei der Mafia?
Ja, auf jeden Fall. Irgendwann wird ein toter Fisch in einem Pferdekopf in meinem Bett liegen und dann weiß ich Bescheid, dass es soweit ist!

Und welcher Musiker darf nicht in einem eurer Videos auftreten und warum?
Bei Künstlern, die sich durch Sexismus, Homophobie, Faschismus (Fremden-) Hass und ernst gemeinte Gewaltaufforderungen definieren, mache ich freiwillig einen Schritt zurück – aus Rücksicht, um ihnen nicht auf die Schuhe zu kotzen. Aber ich werde hier keine Namen nennen, denn dann würde ich ja Arschlöchern etwas von der für mich bestimmten Aufmerksamkeit und Publicity abgeben.

In eurer Biografie wird eine interessante Frage gestellt: Warum machen erwachsene Menschen, die selbst zu alt für Party sind, Partymusik für andere Erwachsene, die ebenfalls zu alt für Party sind? Und?
Na, weil wir es können, Mann! Boah ey … Pfff.

Mit »Fickt-euch-Allee« und »Ich boykottiere dich« habt ihr schon zwei Episoden veröffentlicht. Was war der Hintergedanke dabei? Ist das auf den momentanen Serien-Hype zurückzuführen? Auf wieviele Episoden dürfen wir uns noch freuen?
Das mit den Serien ist ein guter Gedanke, merke ich mir fürs nächste Interview.
Wir haben einfach Bock gehabt, den Scheiß rauszuhauen so lange er noch dampft und sich auch für uns noch frisch anfühlt. Nicht ewig an Dingen rumschrauben und mit Erwartungen aufladen. Raus damit, einfach weil’s bockt. Und wenn’s jemanden interessiert, freuen wa uns und wenn nicht, denn freuen wa uns halt alleine. Wenn in nächster Zeit ma 12-14 Tracks am Stück rauskullern, gibt es eventuell wieder ’n Album, wenn es nur ein Track wird, gibt es halt nur ’n Track und wenn’s ne EP wird usw. Wir machen das ja vor allem zum Spaß und was kommt, kommt und was nicht kommt, wird auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Aber so wie ich uns kenne, wird auch 2017 irgendwas passieren.

Gibt es zum Schluss ein Album auf dem alle Songs sind? Oder vielleicht sogar ein Tape? Kommt ja wieder …
Gibt es schon. Wir haben Episode 1+2 auf ne limitierte Vinyl geballert. Die heißt abgefahrener Weise auch Episode 1+2. Crazy.

Mit Hymnen übers Scheitern Erfolg zu haben birgt doch eine gewisse Ironie, oder?
 Jupp, geil wa?!

Total. Was macht ein Grossstadtgeflüster-Konzert besonders?
Es verbindet. Ein großes, kollegiales Abgefeier der allgemeinen und ganz persönlichen Beschissenheit der Welt. Ein gemeinsames Huldigen der eigenen Existenz fernab von Leistung und Perfektion. Ein bunter Strauß Hassliebe für die ganze Familie. Mit BumBumBum und Rattatapeng! Und geschmust wird auch!

Letzte Frage, aber jetzt wirds etwas knifflig. Wir Vorarlberger haben einen für Außenstehende etwas schwer zu verstehenden Dialekt. Was heißt der folgende Satz, in schönstem Hochdeutsch: »Eigatle muas i nünd dua, ussa schnufa, ihe schoppa odr onara an Goggl ihe rüttla.«?
»Eigentlich muss ich garnichts, außer schnupfen, ihren Schoppen oder onanieren an Google ihre rütteln.« Is richtig oder?

Ja, ganz bestimmt.  

GSGF live

14. Jänner: Altes Hallenbad, Feldkirch

 

Interview: Cornelia Bachträgl & Chris Feurstein, Fotos: Kai Müller

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