Der handyfreie Monat

handyfrei

»Was für eine kranke Welt!« Diesen Satz bekam meine Frau Karin in den letzten Monaten oft zu hören. Und zwar immer dann, wenn ich mich über die Intensität der Mobiltelefonnutzung mancher Mitmenschen wunderte. Bei mir ist das natürlich alles anders – oder? Anlass genug für einen lehrreichen Selbstversuch: der handyfreie Monat.

Von allen, denen ich von meinem Vorhaben erzähle, erhalte ich in etwa dasselbe Statement: »Respekt. Ich weiß nicht, ob ich das durchhalten würde. Aber wieso machst du das?« Meine Motivation in einem Satz: »Ich bilde mir ein, dass früher manches besser war.« Vor einigen Jahren war’s zumindest nicht so, dass in einem vollen Restaurant Totenstille herrscht, da alle in ihre Smartphones glotzen. Früher mussten sich Kellner noch keine Gedanken darüber machen, ob sie den Gast besser über Facebook nach seiner Bestellung fragen, weil dieser keine Sekunde die Augen vom Gerät lösen kann. Man konnte sich noch mit Freunden unterhalten, ohne dass sie alle zwanzig Sekunden aufs Handy blickten. Meistens sowieso nur, um zu prüfen, ob nicht irgendjemand, der ihnen eh voll auf den Sack geht, irgendetwas völlig Unwichtiges mitzuteilen hat. Ein gutes Essen konnte man einfach genießen und musste es nicht kalt essen, weil zuerst alle ein Foto davon machen mussten.

Im kommenden Monat wird sich zeigen, ob ich nur ein klugscheißender Moralapostel bin oder ob ich durch den Verzicht auf’s Handy wirklich meine Lebensqualität steigern kann.
Für die Freunde der Esoterik unter euch: Seit meinem Entschluss, einen handyfreien Monat zu absolvieren, streikt der Akku des Geräts. Kaum geladen, pendelt sich der Akkustand nach 15 Minuten bei wenigen Prozent ein. Ist das schon die vorgegriffene Rache der Handy-Götter?

Die Vorbereitung

Muss man einen handyfreien Monat vorbereiten? Nein – aber man sollte. Normalerweise hat mein Smartphone schon früh morgens seinen ersten Einsatz: Sein penetrant lauter Weckton reißt mich täglich aus dem Schlaf. Nicht so die nächsten 30 Tage, also muss ein guter klassischer Wecker her. Positiver Nebeneffekt: Das ungewohnte Ticken hat etwas Meditatives.
Diverse Rechnungen werden vermutlich auch im handylosen Monat reinschneien. Diese einfach zu ignorieren ist mittelfristig keine Lösung, weshalb ich eine gedruckte TAN-Liste als Ersatz für die mobile-TANs angefordert habe. Mein Bankberater kann sein Zweifeln an meinem Verstand nur unschwer verbergen.

Außerdem will ich meine Sprachbox mit der Info, dass ich erst wieder in einem Monat erreichbar sein werde, besprechen. Nach über 15 Minuten und unzähligen Untermenüs à la »wenn Sie …, dann drücken Sie bitte die x …«, bin ich der Überzeugung, es geschafft zu haben. Vorsichtshalber mache ich einen Testanruf. Wenig später schallt ein gepflegtes »Ach leck mich doch!« von unserer Terrasse und ich finde mich damit ab, keine Sprachboxinfo zu haben. Wenigstens funktioniert der SMS-Versand mit der Abwesenheitsinfo an meine Freunde.

Jetzt geht’s los!

Die ersten beiden Tage laufen gut. Als Klolektüre werden nun wieder Zeitungen anstatt des Smartphones genutzt. Ansonsten sind im Alltag noch keine Mangelerscheinungen festzustellen. Doch dann kommt die Nacht auf Tag drei. Unsere 15 Monate alte Tochter beginnt um zwei Uhr früh zu schreien und an ihrem ganzen Körper sind rote Flecken zu sehen. Mein Frau Karin ruft beim Ärztenotruf an. Per Ferndiagnose tippt der Mediziner auf eine allergische Reaktion, welche auch Atemnot auslösen kann. Also so schnell wie möglich ins Krankenhaus fahren. Dort angekommen sind die roten Flecken fast verschwunden und wir machen uns wieder auf den Heimweg. Zuerst sollen wir aber bei der diensthabenden Apotheke Medikamente für einen möglichen Notfall abholen – sicher ist sicher. Die zuerst so logisch klingende Wegbeschreibung der Krankenschwester kann ich seltsamerweise nicht auf der Straße umsetzen. Ich würde ja gerne die verdammte Adresse googeln, aber ihr wisst ja. Ab hier übernimmt Karin den Fall und wir werden von einer App navigiert. Plötzlich sehen meine müden Augen, wie wir am grell leuchtenden Apothekenzeichen vorbeirauschen. Ich schimpfe über die Navi-App.
Ich bei der Arbeit am Schreibtisch, als Karin mich anruft und mir mitteilt, dass die roten Flecken wieder aufgetaucht sind. Die Ärztin meint, die beiden müssen die nächste Stunde vorsichtshalber in der Ordination bleiben. Meine Frau versichert mir, dass sie mich gleich anruft, sobald es Neuigkeiten gibt. Als ich Karin eine Stunde später nicht erreichen kann, spüre ich, wie ich langsam nervös werde – kleine Bemerkung am Rande: Ich bliebe standhaft und benutze das Festnetztelefon meines Büros.
Es nutzt jetzt nichts, ich muss heimfahren, denn genau heute Abend habe ich einen Grillkurs, die männlichen Leser unter euch wissen, was das heißt, alle anderen können es zumindest erahnen. Während der Fahrt hoffe ich, dass meine Mädels eventuell schon wieder daheim sind. Dem ist leider nicht so. Jetzt werde ich richtig nervös: Wie kann ich Karin erreichen? Festnetz haben wir zuhause keines. Zwar sollte ich schon Richtung Grillkurs aufbrechen, aber natürlich ist mir Gewissheit über den Gesundheitszustand unserer Tochter wichtiger. Ich hole das Telefon aus der Schreibtischschublade, schreibe Karin nach erfolglosen Anrufversuchen eine SMS, dass ich erreichbar bin und mach mich mit einem mulmigen Gefühl auf den Weg zum Grillkurs. Noch während der Hinfahrt ruft mich Karin zurück und gibt Entwarnung. Pflichtbewusst drehe ich das Telefon sofort wieder ab. An Tag drei schon das Handy benutzt … das kann ja noch lustig werden. Soll ich die Aktion besser gleich abbrechen? Schlussendlich bewerte ich die Geschehnisse als Ausnahmesituation und setze meine Handyabstinenz fort.

Bereits wenige Stunden später beschert mir diese Entscheidung geschwollene Zehen. Selten, aber doch kommt es vor, dass Karin und ich nicht gemeinsam schlafen gehen, sondern ich noch länger wach bleibe. Wenn mir irgendwann die Augen zufallen, schleiche ich mich mit katzen-ähnlicher Eleganz ins Schlafzimmer, wobei mir das Leuchten des Handydisplays normalerweise den Weg weist. Ich bin mir sicher, das auch ohne Taschenlampen-App hinzubekommen, doch die schmerzhafte Mauervorsprung-Zehen-Kombination beweist mir das Gegenteil.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ab und zu mal etwas vergesse. Ok, ehrlich gesagt, vergesse ich fast alles. Bisher hat mir das Smartphone als Gedankenstütze gute Dienste erwiesen. Normalerweise schreibe ich mir jedes »To Do« sofort selbst per Mail. In meiner freiwilligen Ausnahmesituation handhabe ich es nun so, dass ich jeden, der etwas von mir will, bitte, mir doch ein kurzes Mail als »Erinnerung« zu schreiben. Siehe da, meine zu erledigenden Aufgaben haben sich in diesem Monat wie von alleine drastisch reduziert. Daraufhin rede ich mir ein, auf dem richtigen Weg zu sein. Schließlich predigen doch zahlreiche Management-Päpste das Credo »Simplify your Life« und verdienen sich damit dumm und dämlich.

Die guten alten Zeiten

Ihr gehört wahrscheinlich nicht zu den Leuten, die sich in einem Geschäft tolle Sachen ansehen und dann auf ihrem Smartphone den Internetpreis raussuchen, um dann in Preisverhandlungen zu gehen. Ich schon. Ich bin genau so einer, der sich fragt, warum er wesentlich mehr bezahlen soll, wenn ein mühsam aufgefundener Verkäufer auf die Frage nach Infos zum Produkt die Daten auf der Verpackung vorliest oder mit den Schultern zuckt. Diese Preisrecherche spielt sich ohne Smartphone nicht. Aber auch dieser Entbehrung kann ich schließlich eine positive Seite abgewinnen: Ich kaufe weniger Sachen, die ich in Wirklichkeit ohnehin nicht brauche.

Ein paar Artikel werden natürlich trotzdem gekauft. Normalerweise fotografiere ich zwecks Gewährleistung die Rechnungen und lege sie in einer speziellen App ab. In diesem Monat wird die Schreibtischschublade wieder zu einer richtigen Ramschlade. Die ganzen Zettelchen werden einfach reingeworfen. Das papierlose Büro rückt wieder in weite Ferne. Die guten alten Zeiten eben.

Auch die bereits erwähnte TAN-Liste ist auf Papier gedruckt. Diesen Zettel hat man natürlich im Gegensatz zum Handy nicht immer bei sich. So muss ich des Öfteren Karin vom Büro aus anrufen, damit sie mir einen TAN-Code mitteilt, mit dem ich eine bereits im E-Banking ausgefüllte Überweisung freigeben kann.

Kurz vor dem Entschluss, dieses Experiment zu wagen, schloss ich noch ein Abo bei einem Musikstreamingdienst ab. Diesen lernte ich in Kombination mit einem hochwertigen Bluetoothlautsprecher, schnell sehr zu schätzen. Neben meiner Handyrechnung bezahle ich also auch das Musik-Abo diesen Monat leider für die Katz. Das allein wäre nicht so schlimm, leider bin ich dadurch auch wieder dazu gezwungen, mir das sinnfreie Gequatsche von Radio-moderatoren anzuhören. Nun blicke ich wehmütig auf die Schreibtischlade in der mein Telefon liegt. Ich hoffe inzwischen, dass mich dieser Monat zur digitalen Erleuchtung führt. Ansonsten haben sich die Entbehrungen nicht wirklich ausgezahlt.

Eines Abends telefoniert Karin mit der Frau meines guten Freundes. Dieser weiß zwar von meinem Selbstversuch, bittet mich aber über das Telefonat unserer Frauen, um einen dringenden Rückruf. Was würdet ihr da tun? Keine Ahnung worum es geht. Einen guten Freund lässt man nicht hängen – Bro Code und so. Deshalb bitte ich ihn nach langem Grübeln mittels SMS von Karins Handy um einen Anruf auf demselbigen. Ich erhoffe mir dadurch ein besseres Gewissen. Völlig bescheuert! Diese Erkenntnis kommt allerdings erst nach dem SMS-Versand. Es hat sich allerdings wirklich um einen wichtigen Themenbereich gehandelt – unsere gemeinsame Passion des Fliegenfischens – aber natürlich ist dies kein Grund meinen Selbstversuch zu gefährden. Also würge ich ihn kurz darauf höflich, aber bestimmt, ab. Langsam wird der handyfreie Monat anstrengend, aber es ist bald geschafft.

Die letzten Tage erinnern mich an die ersten. Soll heißen: keine besonderen Vorkommnisse. Daraufhin vergesse ich an den ersten beiden Tagen nach meinem abstinenten Monat sogar, das Handy wieder einzuschalten.

Fazit

In den vergangenen vier Wochen hat das fehlende Smartphone mein Leben zwar so manches Mal komplizierter gemacht, aber unterm Strich habe ich etwas Wichtiges gewonnen: Zeit! Zeit, die ich früher sinnlos mit sozialen Medien verbraten habe. Stattdessen habe ich ein Buch gelesen oder bin einfach mal früher schlafen gegangen. Deshalb gebe ich mir einen Ruck: Ich will in Zukunft zwar nicht komplett auf das Handy verzichten, lösche aber zumindest die Apps der sozialen Netzwerke.

Text: Bernhard Erath, Illustration: Chris Feurstein

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