Michael Kiwanuka: »God of lightning and thunder«

Michael-Kiwanuka-Beitrag

Michael Kiwanuka, ist mit »Love & Hate« am Start. Wir haben reingehört –  sowohl in die Platte als auch in Kiwanukas Gedankenwelt.

Wir wollten noch so viel mehr fragen, wir wollten noch so viel mehr hören, wir wollten am liebsten gar nicht mehr auflegen: die Stimme von Michael Kiwanuka klingt auch am Telefon wie eine Symphonie aus warmen Soultönen, funkigem Jazz, dunklem, sinnlichen Blues und einer Prise Bill Withers mit Van Morrison und den Temptations. Sie ist tief, tiefgründig um genau zu sein, sie erinnert an ein kunstvolles Sprudeln mit einem Hauch von leichter, zarter Schwere. Ein Reibeisen also, aber mit Sehnsuchtsfaktor. Trainiert habe er das nicht, wie er sagt. Zum Glück höre sie sich einfach so an. Da hat ja jemand wirklich musikalisches Schwein gehabt, denken wir uns. Und während wir im Klang seiner Stimmfarbe versinken, der Telefonhörer mit unserem Lauschorgan verschmilzt und wir uns vorstellen, dass wir am liebsten Kiwanukas Mikrofon wären, bricht unser Mitschnitt-Rekorder ab. Der britische Singer/Songwriter, der als UK-Stimme des Soul bezeichnet wird, zieht uns während des Interviews so in seinen Bann, dass wir den Aufnahme-Stopp allerdings erst beim Auflegen realisieren. Zurück bleiben eine emotional gefesselte Redakteurin, nachhallende Worte und das Gefühl, einen ganz besonderen Menschen in der Leitung gehabt zu haben.

Wer zum Funk, Blues & Soul bist du?

Doch wer ist dieser junge Mann, der sich mit seinem 2012 veröffentlichtem Debütalbum »Home Again« in ganz Europa hoch in den Charts platzieren konnte, die gleichnamige Single-Auskopplung in Großbritannien zu einem Radio-Dauerbrenner wurde und jetzt, nach vierjähriger Schaffenspause, sein zweites Album mit dem bezeichnenden Titel »Love & Hate« nachgeschossen hat? Der sich anfangs seiner musikalischen Laufbahn noch für lärmenden Garagenrock begeisterte, bevor er der Soulmusik der 60er Jahre komplett verfallen ist? Der seine Gitarre derart beherrscht, dass einem heiß und schwindelig zugleich wird? Um das herauszufinden, hatten wir exakt 15 Minuten Zeit. Wenn man bedenkt, dass uns gefühlte 200 Fragen auf der Zunge brannten und wir uns im Vorfeld die Köpfe über die folglich richtigen zerbrochen haben, ist das natürlich… ? Richtig, nix! Apropos »nix«: Das ist etwas, was Michael Kiwanuka auch kann. Nämlich nichts tun, sich Auszeiten schaffen, sich bewusst zurückziehen. Klingt logisch, kennen wir auch. Aber was hat er genau getrieben in den letzten Jahren – sozusagen von einem Album zum nächsten, seinem aktuellen?

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Michael-Kiwanuka

Für dein neues Album hast du dir Zeit gelassen, vier Jahre um genau zu sein. Was für deine Fans sicher zu lange war, ist für dich richtig und wichtig gewesen. Was würdest du sagen: Hat sich das Warten gelohnt? Plus: Wie sahen deine (All-)Tage aus?
Ja, das Warten hat sich gelohnt – zumindest hoffe ich das! Vier Jahre – das klingt lang, ist es aber nicht, denn die Zeit vergeht einfach rasend schnell. Ich habe Gigs gespielt, war auf Tour, habe Songs geschrieben, mich mit Freunden getroffen, tolle Begegnungen gehabt, mich inspirieren lassen oder auch mal ›nichts‹ getan. Das gehört dazu, denn man muss seine Batterien wieder aufladen, damit Neues entstehen kann.

Dein Debüt-Album »Home Again« hat riesige, positive Wellen geschlagen. Wie hoch ist der Erfolgsdruck, dass dein neues,  zweites Album »Love & Hate« genauso durch die Decke geht?
Der Druck ist hoch, allerdings meine ich damit nicht einmal den von außen. Sondern den eigenen Druck, den man sich macht. Das ist das eigentliche Ding. Man will, dass es das beste Album ever wird, alles soll möglichst perfekt sein. Die eigenen Erwartungen erfüllen, ihnen gerecht werden, das ist als Künstler alles andere als einfach.

Hättest du es jemals für möglich gehalten, dass ein Sound, der seine Glanzzeiten in den 40er Jahren hatte, heute derart einschlägt? Saxophon, Bass & Orgel-Soli begeistern durch dich wieder hunderttausend Menschen. Auch solche, die mit Jazz & Soul nix am Hut haben, eigentlich …
Ich wusste selbst nicht, dass mich diese Welt einmal so fesseln würde. Mein Start in die Musik war um einiges rockiger, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn’s gescheppert und gerockt hat, war ich glücklich. Als ich die Soulmusik der 60er-Jahre entdeckte, war es um mich geschehen. Ich vergrub mich während meines Studiums der Jazzmusik immer tiefer in diesen Sound, er ließ mich nicht mehr los. Mit diesem Gefühl im Gepäck bin ich angetreten. Ich denke, das berührt die Menschen. Die Leute sehnen sich heutzutage nach Musik, die aus dem Herzen kommt.

Du wirst verglichen mit Curtis Mayfield, Terry Callier oder Van Morrison. Ehre oder Fluch? Und was macht den eigentlichen Michael Kiwanuka aus?
Das ist für mich definitiv eine Ehre! Aber Michael Kiwanuka ist Michael Kiwanuka. Vergleiche sind gut und schön, aber halt eben nur das: ein Gegenüberstellen. Ich will überall ich selbst sein.

Dein neues Album trägt den Namen »Love & Hate«. Zwei Gegensätze, die scheinbar untrennbar miteinander verbunden sind?
Das eine existiert nicht ohne das andere. Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, wie nah beides beinander liegt. Zudem sind es zwei zentrale Themen, Gefühle, die im Menschen vorherrschend sind. Also mit ein Grund für den Titel meines neuen Albums.

Wann hast du das letzte Mal »Love« und wann »Hate« so richtig gespürt und bei was?
Liebe fühle ich jeden Tag, egal, ob bei Freunden, in der Natur, meiner Umgebung. Eigentlich bei sehr vielen Dingen oder Begegnungen. Dafür bin ich auch wahnsinnig dankbar. Hassen in dem Sinne tue ich gewisse Eigenschaften von mir, wie zum Beispiel, dass ich von Haus aus eher unordentlich bin. Oder, dass ich gerne Dinge verliere. Da könnte ich jetzt noch x-Sachen mehr aufzählen …

Was mich richtig runterbringt: Life Hater. Also Menschen, die das Leben an sich hassen.

Neue Songs bedürfen vor allem eines: Inspiration. Wo holst du sie dir? Was gibt dir Kraft und was raubt dir selbige?
Inspiration hole ich mir vom Leben an sich, von Freunden, von den schönen Dingen und von dem, was rund um mich passiert. Was mich hingegen richtig runterbringt: Life Hater. Also Menschen, die das Leben an sich hassen. Depressionen mag ich nicht.

Die erste Single-Auskopplung aus deinem neuen Album trägt den Namen »Black Man In A White World«. Ein politisches Statement oder was verbirgt sich hinter dem Titel? Wir haben gelesen, dass du als junger Musiker auf der Straße wegen deines Instrumentenkoffers angesprochen wurdest: »Ist das nicht was für Weiße?« Was hat das mit dir gemacht?
Dieses Erlebnis hat mich in erster Linie nachdenklich gemacht, vielleicht noch mehr, als ich es vorher schon war. Ich fragte mich, was in den Menschen vorgeht, woher das kommt, weshalb sie so reagieren. Also was genau deren Mind-Set ist. Es hat mich geprägt, aber dahingehend, dass ich gelernt habe. Und zwar, noch mehr »out of the box« zu denken.

Deine Eltern flüchteten aus Uganda, daher bist du in London aufgewachsen. Schlagen hier zwei Herzen in einer Brust und inwiefern berührt dich ganz persönlich die aktuelle Flüchtlingsthematik?
Es schlägt nur ein Herz in meiner Brust. Ich bin die Summe aus beiden Teilen, aus beiden Welten. Aber ich bin in Großbritannien geboren und aufgewachsen. Ich unterscheide hier nicht, liebe den Mix der Kulturen generell. Aufgrund der Historie meiner Eltern berühren mich die Schlagzeilen sehr. Klar ist: niemand verlässt seine Heimat, seinen Hafen, einfach so. Wer gibt Familie, Freunde, das eigene Zuhause auf, wenn es andere Wege gäbe? Politik hin oder her –die Menschen, die flüchten müssen, brauchen einen sicheren Platz, egal wo das ist. Sie müssen zur Ruhe kommen können, das Erlebte verarbeiten, einen Neubeginn starten. Sie brauchen Hilfe und die sollte ihnen nicht verwehrt werden!

Key-wa-noo-ka – dein afrikanischer Name bedeutet »God of lightning and thunder«. Wieviel lightning and thunder steckt in dir und deiner Musik?
(lacht) Wow, ihr seid gut informiert. Auf jeden Fall eine Menge – und zwar von beidem. Und ich hoffe, dass die Zuhörer das merken, dass dieser Spirit rüberkommt.

Klingeling

Die Uhr ist abgelaufen, die 15 Minuten mit Michael Kiwanuka sind rum. Immer noch leicht beduselt von Kiwanukas Hammer-Stimme können wir kaum glauben, dass der heute 28-Jährige von seinem wertvollsten »Instrument« zu Beginn seiner Musikkarriere alles andere war, nur nicht überzeugt. Er hätte seine Songs sogar lieber »weggegeben« als sie selbst zu singen. Ob das stimmt, konnten wir ihn nicht mehr fragen. Aber es scheint so, als ob der sympathische, zurückhaltende Michael auch damit heute im Reinen ist. Als wir uns wieder gefangen haben, stellt sich für uns aber noch eine zentrale Frage: Wann und wo ist dieses Ausnahmetalent, der Sänger, der Songwriter und Gewinner des renommierten »BBC Sound of 2012«-Polls demnächst live in unserer Nähe? Glück gehabt: Er kommt im November 2016 nach München. Und das ist für uns Vorarlberger Gott sei Dank praktisch um’s Eck. Wir freuen uns auf Kiwanukas eigene Ästhetik, die bis ins letzte Detail an die gefühlvolle Großartigkeit des Sixties-Soul angelehnt ist. Die Betonung liegt auf ›angelehnt‹. Denn Michael Kiwanuka macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt. Wer eine solche Stimme hat, kann das machen. Nein, er muss, finden wir.

Interview & Text: Patricia Erne
Foto: Handout 
Universal Music

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