»Stahl und Bier« oder »Daniel mit den Messerhänden«

rasiermesser-Beitrag

Über 500 Millionen Euro geben Männer im deutschsprachigen Raum jährlich für Rasierklingen aus. Daniel Lingg ist keiner von ihnen.

Wuchtiger Vollbart, großflächige Tattoos, raue, geschwärzte Arbeiterhände und der nächste Oneliner nur wenige Lippenbewegungen entfernt. Der Besitzer dieser Attribute, ein junger Mann mit breiten Schultern, wirkt keinesfalls wie ein klassischer Restaurator. Wo das Klischee nach Alter, Ruhe und Besinnung ruft, schreit Daniel mit jugendlicher Attitüde und dem eigenen, selbstbestimmten Weltbild zurück.

Eine schmale Treppe führt zu einem Zimmer mit Dachschräge. Sanftes Licht fällt durch das große Fenster und spiegelt sich im klassischen, teils von Teppich bedeckten Vogewosi-Parkettboden. »Linggs Messerschmiede« informiert ein Schild auf der holzumrahmten Glastür. »Therapiestätte« würde es wohl Daniel nennen. Im alten Kinderzimmer seiner Ehefrau haben sich sein Schwiegervater und er einen Rückzugsort geschaffen. Einen Bastel- und Tüftelraum für den Ingenieur im Ruhestand und eine Werkstatt für Daniel. Hier geht er seiner größten Leidenschaft nach: dem Restaurieren und Umbauen von hochwertigen Rasiermessern.

Holz-Sommelier

Eines dieser Rasiermesser ist das von unserem Chefredakteur Chris. Mit diagnostischem Blick mustert Daniel das in Hornoptik gehaltene Stück. Er prüft den Griff, die Haptik, die Verarbeitung, öffnet die Klinge, betrachtet sie von beiden Seiten und fährt routiniert mit dem Daumen über die Schneide. »Es ist noch scharf«, sagt er. »Ein Zwilling-Messer aus Solingen. Die Stadt ist bekannt für ihre hervorragenden Messerschmieden.«

Unten weiterlesen

rasiermesser01

Doch der Griff gefällt weder Restaurator noch Besitzer. Das Plastik wirkt billig, als hätte das Interieur eines 80er Jahre Zuhälter-Cabrios als Vorlage gedient. Den Ersatz wird Daniel selbst herstellen. Unzählige Griffe hat er schon gefertigt und dabei unterschiedlichste Materialien verwendet. Von Metall über Horn bis zu Plexiglas, aber sein liebster Werkstoff bleibt Holz.

An der Rückkante des Tisches aufgestapelt, findet sich eine Vielzahl verschiedenster Holzplättchen in Kinderlinealgröße. Chris greift zu einem Stück, das sich deutlich von den anderen abhebt. Es ist viel dunkler, nahezu schwarz und deutlich schwerer als die anderen – Ebenholz. Ähnlich einem Sommelier, aber mit kräftiger Stimme und schnellen Sätzen teilt Daniel sein Fachwissen: »Es ist eines der wertvollsten Hölzer der Welt. Stammt aus Südost-Asien. Hart, schwer, anspruchsvoll bei der Verarbeitung, aber vor allem poliert sieht es verdammt geil aus.«

Was ist ein »Wanda«?

Es ist die Diskrepanz aus seinem ruhigen, freundlichen Gemüt und seiner rauen Aussprache, die beim zweifachen Familienvater sofort auffällt. Er ist kein typischer 29-Jähriger des 21. Jahrhunderts. Seine Tattoos zeigen die Gesichter vergangener Helden: Elvis Presley und Johnny Cash schmücken seinen linken Arm. Aktuelle Chartstürmer kennt er nur als störende Hintergrundbeschallung aus dem Radio. Ihm ist alte, handgemachte Musik lieber und einen schönen Oldtimer zieht er jedem modernen Hightech Auto vor.

Unten weiterlesen

rasiermesser02

Schon in seiner Teenagerzeit und damit lange vor dem Aufkommen von »Mad Men« und »Masters of Sex« hatte Daniel eine Vorliebe für den Stil und das Lebensgefühl der 50er und frühen 60er Jahre. Lang gezogene, Chrom verzierte Autos, Diners, Barber Shops und natürlich Rock ’n’ Roll – das ist seine Welt. In dieser nutzen Männer keine »Mach 9 Fusion Super Turbo Fresh Power Rangers« Plastikrasierer. Der Rockabilly-Style verlangt nach einem Rasiermesser.

Unsere Verbrauchsgesellschaft kotzt mich an.

Rasur als Ritual

»Unsere Verbrauchsgesellschaft kotzt mich an«, sagt Daniel. »Egal was man kauft, man muss davon ausgehen, es bald durch etwas Neues ersetzen zu müssen. Ein gutes Rasiermesser hingegen, das wird nicht nach wenigen Rasuren entsorgt. Richtig gepflegt kann es Generationen überdauern.«

Unten weiterlesen

rasiermesser03

Mit Ende des Satzes schaltet er die Dekupiersäge ein. Auf den beiden mit Klebeband verbundenen Ebenholzplättchen hat er sich die Form des Rasiermessers angezeichnet. Mit der Präzision eines Uhrmachers führt er das Holz an die Säge. Der Arbeitsschritt mag Routine sein, die Konzentration sieht man dem Handwerker dennoch an. Erst als die Säge wieder stillsteht und die Musik von Janis Martin wieder aus den Boxen schallt, erzählt er weiter: »Für mich ist die Rasur zum Ritual geworden: guter Rasierschaum mit einem Dachshaarpinsel aufgetragen, dazu geile Musik. Während der Schaum einwirkt, wird das Messer abgezogen und dann angesetzt.«

Messerparty

Dieses Ritual macht Daniel nicht immer alleine. Nachdem sich seine Rasurgewohnheiten rumgesprochen hatten, zeigten auch Freunde Interesse. »Manche Männer haben etwas Angst, ein Rasiermesser zu verwenden«, erzählt er. »Sie sind sich nicht sicher, ob sie damit umgehen können. Die lade ich dann zu mir nach Hause ein. Ich hab genug Messer und da kann es jeder ausprobieren. Im Prinzip wie eine Tupperparty, nur statt Plastik und Sekt gibt es Stahl und Bier.«

Unten weiterlesen

rasiermesser04

Mit dem ausgesägten Griff geht er zur Bohrmaschine. Mit einer Sorglosigkeit, welche die Möglichkeit von Fehlern vollständig ausschließt, versenkt Daniel den Bohrkopf im wertvollen Holz. Zwei Sekunden und einen zufriedenen Kontrollblick später sitzt er an der Schleifmaschine. Auch wenn das Holz länger Kontakt mit dem Schleifband hat, passiert nicht viel. Da zeigt das Ebenholz, wie robust es ist. Über eine Viertelstunde schleift Daniel alle Seiten sorgfältig in die richtige Form, bevor er mit Schleifpapier von Hand das Finish erledigt.

Wenn jemand von mir ein Messer möchte und kein Arschloch ist, dann bekommt er es.

Nichts für Arschlöcher

»Mir geht es nicht darum, damit Geld zu verdienen. Mir geht es darum, den Kult nicht aussterben zu lassen«, erzählt er, während er die Klinge zum ersten Mal zwischen die beiden Griffteile setzt. »Ich tu das, weil es mir Spaß macht. Ich möchte es nicht machen müssen, sondern nur in meine Werkstatt kommen, wenn ich es will. Wenn jemand von mir ein Messer möchte und kein Arschloch ist, dann bekommt er es. Aber ich sag nicht, wann. Das kann zwei Wochen dauern, das kann in einem Jahr sein. Manchmal sitze ich nur hier und schau mir das Holz an. Wenn eine Idee oder eine Inspiration kommt, ist gut und sonst lass ich’s. Aber die zwei Wochen sind deutlich wahrscheinlicher. Für mich ist das schließlich eine Art Therapie.«

Unten weiterlesen

rasiermesser54

Auf Messers Schneide

Während Johnny Cash mit dem stampfenden Sound seiner frühen Songs den Raum erfüllt, macht sich Daniel an die letzten Arbeitsschritte. Griff und Klinge müssen zusammengeführt werden. »Das heißt nicht Hochzeit oder Paarung – ich nenne das Montage«, scherzt der Restaurator und macht sich ans Werk. Vorne wird der Griff geklebt, sodass das Gelenk die einzige Niete im Messer ist. Vorsichtig, die Augen weit geöffnet, fängt Daniel an, den Nietkopf mit dem Hammer zu bearbeiten. Wenn er jetzt einen Fehler macht, war sämtliche Arbeit umsonst. Denn müsste er die Niete abschleifen, würde er dabei das Holz verletzen. Mit präzisen Schlägen formt er einen kleinen Schirm, bis dieser perfekt sitzt.

Unten weiterlesen

rasiermesser6

Nachdem der Leim getrocknet ist, muss das Messer beweisen, wie gut es funktioniert. Mit schnellen, kreisenden Bewegungen rührt Daniel Rasierschaum an, dessen angenehmer Duft sich über den ganzen Raum legt. Er bepinselt seinen Kopf, setzt das Messer an und ein sanftes Geräusch, wie das Öffnen eines winzigen, feinen Klettverschlusses, legt sich über die Musik. Wo vorhin noch Haare waren, ist nur mehr glatte Haut.

Fotos: Kevin Zimmermann – Zweimann Kreativbüro

Kommentar verfassen