#LäuftBeiMir: Der Tatortreiniger

tatortreiniger

AMC, HBO, Showtime, und Netflix – das ist der Stoff, aus dem Serienträume gemacht sind. In diese Liste reiht sich nun der NDR ein. Wie das? Ganz einfach: aus Versehen.

Mit dem Tatortreiniger ist dem Norddeutschen Rundfunk etwas gelungen, was viele für unmöglich hielten: eine lustige deutsche Comedy Serie. Bjarne Mädel, der Stromberg Fans als Ernie bekannt sein dürfte, spielt darin Heiko Schotte von der Reinigungsfirma Lausen. Sein Job ist es, Spuren menschlichen Ablebens zu beseitigen. In jeder Folge kommt der Reinigungsspezialist an einen anderen Schauplatz, um Blut, Resthirn und andere Sonderflüssigkeiten zu entfernen.

Internet did it’s thing

Zugegeben, die Befürchtung des Senders, dass diese Prämisse zu krass oder schlicht langweilig sein könnte, lässt sich schon nachvollziehen. Da der NDR diesen Programmfleck nicht entfernen konnte, versteckte er ihn einfach ohne Ankündigung im Nachtprogramm. Doch wie bei jedem Fleck wurde er dennoch bemerkt und breitete sich im Web aus, wie es sich viele virale Kampagnen nur wünschen können. So hatte die Wiederholung des Piloten plötzlich zehn Mal mehr Zuschauer als die Erstausstrahlung.

Erfolgsrezept

Im Grunde sind es zwei Dinge, die den Tatortreiniger zu einer herausragenden Unterhaltungssendung machen: die Autoren und die Darsteller. Mit Bjarne Mädel ist eine wahre Topbesetzung gelungen. Er spielt den Schotty, wie Heiko von seinen Freunden genannt wird, überragend. Zu keiner Zeit hat man das Gefühl, einen Schauspieler zu sehen. Das ist aber nicht nur Bjarne, sondern auch Drehbuchautorin Mizzi Meyer zu verdanken. Sie schafft es, sämtlichen Figuren nachhaltige Tiefe zu geben. Sätze wie Schottys zurechtgelegte Vorstellung: »Meine Arbeit fängt da an, wo andere sich vor Entsetzen übergeben«, wirken in der Serie aus dem Leben gegriffen und passen immer zum jeweiligen Charakter.

Tarantino in lustig

Der Ablauf der einzelnen Folgen ist immer gleich, daher ist der Tatortreiniger nicht unbedingt für »Binge Watching« geeignet. Schotty kommt an einem Tatort an, um seiner Arbeit nachzugehen. Diese nimmt er durchaus ernst und verlangt auch Respekt dafür. Menschen, die ihn als Putzkraft abstempeln, entgegnet er: »Das wäre ja so, wie wenn man sagen würde, ein Pilot ist einfach nur ein fliegender Busfahrer.«

Nach kurzer Zeit kommen weitere Personen dazu. Das reicht von der Prostituierten, die in der ersten Folge einen Termin beim Verstorbenen hatte, bis zum psychopatischen Ehefraumörder. Anschließend entwickelt sich eine grandiose Dynamik zwischen Schotty und den jeweiligen Charakteren. Die Handlung wird dann von Dialogen vorangetrieben. Dabei ähnelt der Tatortreiniger einem cineastischen Kammerspiel, wie es schon bei Tarantinos Kultfilm »Reservoir Dogs« der Fall war.

Den Vergleich mit den Machwerken des Oscar Preisträgers muss der Tatortreiniger dabei nicht scheuen. Die vorhin erwähnte Tiefe der Charaktere gibt scheinbar unwichtigen Dialogen enormen Unterhaltungswert. Das weltberühmte Gespräch über den »Royale with Cheese« von Vincent und Jules aus »Pulp Fiction« könnte ebenso gut mit Schotty stattfinden. Einziger Unterschied: Beim Tatortreiniger wurde das Blut bereits davor vergossen.

Fazit

Der Tatortreiniger ist komisch, in manchen Momenten sogar philosophisch. Nur sehr wenige Folgen fallen qualitativ ganz leicht ab, sind aber dennoch absolut sehenswert.

Foto: © Studio Hamburg Enterprises GmbH

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