Interview: Voodoo Jürgens

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Mit »Heite grob ma Tote aus« hat er sich einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Voodoo Jürgens singt im Wiener Dialekt, erzählt gerne Geschichten und gibt den Interviewern auch mal einen Tschick aus.

Wie wurdest du zu Voodoo Jürgens?
Das hat sich entwickelt. Ich hatte zehn Jahre lang eine andere Band, Die Eternias, dort habe ich den Namen bereits verwendet. Dann gab es eine Zwischenphase, als ich ein Impro-Orchester organisierte, das Krachmandlorchester – zu dieser Zeit hat sich auch das mit dem Dialekt herausgebildet. Es war sowieso eine Sache, die ich schon sehr jung machen wollte. Damals fürchtete ich allerdings, dass ich es nicht so rüberbringe, wie ich es gerne hätte.

Nun ist die Zeit aber reif, man sieht es an den Kollegen von Wanda oder dem Nino aus Wien. Warum fahren die Leute so darauf ab?
Keine Ahnung. Aber Wanda singen meiner Meinung nach nicht so sehr Dialekt. Deren Musik funktioniert auch im deutschen Markt sehr gut. Da ist zwar hin und wieder ein »Oida« drin, aber der Dialekt ist für den deutschen Markt so dosiert, dass die Leute den Großteil verstehen. Deshalb ist für mich bei Wanda nachvollziehbarer, woher der Erfolg kommt.

In meinem Fall kann ich es mir nicht wirklich erklären. Ich dachte, es wird in Deutschland höchstens bis zum »Weißwurst-äquator« reichen, dann wäre Schluss. Das Interessante ist, es geht weit darüber hinaus. Es fällt zwar größtenteils das Textverständnis weg, welches mir eigentlich sehr wichtig ist. Trotzdem versteht man ungefähr auf was ich hinaus will und den Rest macht die Musik.

War es für dich je eine Option hochdeutsch zu singen?
Früher hab ich es ausprobiert. Auch weil es mich sowieso interessiert hat, wie man mit der Sprache umgehen kann. Aber im Dialekt zu singen ist schon was anderes. Ich kann noch viel mehr hinter der Bedeutung meiner Texte stehen.

Denkst du die Austro-Welle wird noch ein wenig anhalten oder ist sie sowieso nur gehypt?
Man kanns natürlich nicht voraussagen. Viele Leute sagten mir schon: »Es kommt cool, was du machst, aber den anderen wirds nicht gefallen oder auf Ö3 werdens sowas nicht spielen.« So eine Band, wie wir es sind, hat man seit Jahren nicht auf Ö3 gespielt. Aber das sind Dinge, über die ich im Vorhinein nicht nachdenke. Wenns passiert ist es schön, aber damit spekuliere ich nicht.

Also keine strategische Karriereplanung?
Naja, manche Leute machen das. Ich kann’s mir aber nicht vorstellen. Es hat halt viel mit Glück zu tun.

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Man muss den Zeitgeist treffen. Vor ein paar Jahren hätte wohl niemand gesagt, dass im tiefen Wiener Dialekt gesungen werden sollte, vielen reicht schon das Reden.
Ja, es gibt immer wieder so Phasen in denen es gut ankommt. Es gab früher schon eine Austropop-Welle, aber dann war’s so ausgereizt, dass man es in den 90ern überhaupt nicht brauchen konnte. Nun hat’s so lange nix mehr gegeben, dass es die Leute wieder interessiert.

Dazu kommt, dass der Dialekt langsam ausstirbt. Man muss die Leute, die einen krassen Spruch drauf haben, heute eher suchen. In 40 Jahren wird wohl kaum einer mehr so sprechen – schätze ich mal.

Vielleicht kriegst du mal einen Orden als Hüter des Wiener Sprachkulturguts.
Es ist schon auch die Frage, ob mir das wichtig ist. Ist es nicht. Es geht eher um eine Liebe zu den Wörtern. Außerdem fängt es hier schon wieder an mit »stolz drauf sein« und »Werte hochhalten«.

Wir sind also schon wieder in der Heimatfraktion gelandet?
Ja, bei den ganzen Lederhosencharlies. Aber in Wien hat die Lederhose nie zur Kultur gehört. Und jetzt rennen die alle in der Lederhose herum und machen auf »traditionsbewusst«. Das verstehe ich dann auch nicht.

Kommst du bei älteren Semestern auch gut an – also musikalisch?
Die eine Nummer »Au weh« ist angelehnt an Volkslieder, die meine Großeltern im Weingarten gesungen haben. Manche Dinge sind negativ behaftet, die es aber nicht sein müssten. Ein Volkslied an sich ist ja nichts schlechtes. Natürlich gibt’s viel, das »a Schas« ist, aber es gibt genauso schöne Sachen.

Aber nicht nur deine Musik erinnert an vergangene Zeiten, sondern auch dein Kleidungsstil …
Das hat ziemlich früh angefangen und war ein Grund, warum ich mich in Tulln nicht mehr wohl gefühlt habe. Ich hab immer schon ausgeflippte Sachen angezogen, die nicht unbedingt trendig waren. In einer Kleinstadt schauen dich die Leute dann einfach deppert an. In der Großstadt sticht man da nicht so raus.

Mich interessiert generell immer, was eine Geschichte hat. Ein H&M-Leiberl ist uninteressant für mich, ich geh da lieber auf den Flohmarkt.

Was fasziniert dich an der Vergangenheit?
Für mich ist sie der beste Fundus, aus dem ich schöpfen kann. Ich verarbeite dann Sachen für mich.

Die Musik an sich ist momentan in einer Revisionszeit. In den Sechzigern war jeder Song von den Beatles was neues, die Situation hat man heute nicht mehr. Ich schöpfe lieber aus dem Bestehenden und stelle es irgendwie neu zusammen. Bei Liedern wie »Auf da Strossn« geht’s schon darum, wie es heute ist, nur mit alten Worten beschrieben.

Aber verkrampft etwas »Neues« zu suchen interessiert dann auch keinen.

Da du vorhin deine Heimatstadt Tulln angesprochen hast, wer hat dich dort musikalisch beeinflusst? Eine Beislkultur, wie in Wien, gibt es wahrscheinlich nicht?
Das kommt viel von den Eltern und deren Freundeskreis, an die ich oft denke beim Liederschreiben. Wie haben sie gesprochen, wie haben sie ausgesehen?

Beim Schreiben bin ich sowieso immer irgendwie in der Vergangenheit. Hab auch ständig ein kleines Büchlein mit, da sammle ich verschiedenste Phrasen zusammen. Aber meine Familie hatte schon viel in Wien zu tun, wir waren sicher zweimal in der Woche da.

»Grundsätzlich denke ich, man muss manche Gesetze brechen, wenn man findet, dass etwas nicht richtig ist oder wenn etwas geändert gehört.«

Die Magazin-Ausgabe in der dieses Interview erscheint, steht unter dem Thema »Illegal«. Hast du schon mal etwas Verbotenes gemacht, wie z. B. Tote ausgegraben?
Naja, ich hab sie legal ausgegraben. Ich hab nämlich eine Zeit lang auf einem Friedhof gehackelt.

Es ist jetzt wahrscheinlich nicht das Klügste, meine ganzen illegalen Taten aufzuzählen. (lacht) Grundsätzlich denke ich, man muss manche Gesetze brechen, wenn man findet, dass etwas nicht richtig ist bzw. wenn etwas geändert gehört.

Welches Lied würdest du gerne klauen?
Es ist heute eh irgendwie alles geklaut. Aber von Covern ansich halte ich nicht so viel. Die richtig guten Lieder, die will man dann eh nicht nachspielen, denn sie sind ja gut so, wie sie sind. Und bei den schlechten zahlt es nicht auch nicht aus.

Apropos Covern: Hast du hin und wieder ältere Damen im Publikum, die sich total auf Udo Jürgens-Cover freuen und dann bitter enttäuscht sind?
Ältere Damen nicht, aber von der AKM (Anm. d. Red.: die Gesellschaft für Musikverwertung) waren mal zwei Typen in einem Konzert. Die wollten es aber einfach nicht wahrhaben, dass ich keine Udo Jürgens-Cover spielen werde, deshalb haben die wirklich bis zum letzten Lied gewartet.

Aber es kommen schon auch ältere Leute zum Konzert und die wissen im Großen und Ganzen schon, was ich mache. Oder sie sagen nix und gehen wieder. (lacht)

Würdest du mal bei Eurovision Songcontest mitmachen?
Das kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Das ist so ne Geschichte, die reizt einen oder nicht. Mich törnt das von Haus aus ab. Da hab ich nix verloren. Mit der alten Band sind wir sogar mal gefragt worden, ob wir beim Vorentscheid mitmachen möchten. Haben aber dankend abgelehnt.

Da gibt es andere Sachen die mich interessieren. In Richtung Theater- und Filmmusik mache ich nächstes Jahr mal was.

Was hast du sonst für Ziele?
Sich Ziele stecken ist immer gut. Mein Ziel ist es vorerst, nicht ständig größer werden zu müssen. Natürlich ist eine gewisse Größe schon angenehm. Man verdient ein bisserl Geld. Das ist sowieso neu für mich, ich hatte nie wirklich Kohle, von daher ist es ganz ok.

Um wieder politisch zu werden: Wer  immer größer werden möchte, muss gleichzeitig immer glatter werden. Wenn man das will, soll man das machen. So wie ich jetzt hier sitze, sage ich, dass es Grenzen gibt. Die 10.000er Hallen werden sich wohl nicht ausgehen. Da weigere ich mich.

Zum Schluss noch ein paar sehr spezifische Fragen: Warst du jemals in New York?
Nein. Bis jetzt nicht geschafft.

Wohnst du in einem ehrenwerten Haus?
Nein, ich wohne in ner ziemlich abgefuckten Bude. Ich hab zwar vor umzuziehen, aber nicht in ein Haus.

Kuchen lieber mit oder ohne Sahne?
Ich bin gelernter Konditor, also mit Sahne.

Was machst du mit 66 Jahren?
Jetzt hab ich grad mal die Hälfte geschafft, ich bin 33. Ich hoffe, kein Rock ’n’ Roll-Opa sein, aber schauen wir mal. Man weiß ja nie, was man macht, wenn’s mal nicht mehr so rennt. Vielleicht fahr ich dann doch zum Songcontest. (lacht)

Fotos: © Ziegfried 2017

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