Wildschütz aus Leidenschaft

wildschütz-Beitrag

Bild oben: Krickerl, Büchsen und Trophäen: Woher das ganze Zeug stammt, weiß keiner so genau. Das ist aber vielleicht auch besser so.

Es gibt Geschichten, die sind so unglaublich, dass man damit ganze Bücher füllen könnte. Bei denen jedes Wort so fesselnd, jede Zeile so spannend ist, dass man selbst nur noch demütig verstummen kann. Das Leben vom Jensei dem Wilderer ist so eine Geschichte.

Die sanften Strahlen der Frühlingssonne tauchen den kleinen Hof in ein blasses Licht. Als hätte ihr jemand ein Stück Milchglas vorgeschoben. Der Boden taut nur langsam auf und heißt die neue Jahreszeit mit kalten Nebelschwaden willkommen. Diese wabern träge über den schlaglöchrigen Hofplatz, ziehen an den Holzlatten des kleinen Zauns vor dem alten Bauernhaus in den milchigen Himmel empor. Hier im Chiemgau, am Fuße des Hochfelln, hat Jens Friese seine Heimat gefunden. Oder zumindest den Ort, an dem er lebt und arbeitet. Zuhause ist er überall dort, wo es Berge gibt – und Wild.

»Schleich’ dich!«

Jens Friese, oder Jensei, wie er von den Meisten genannt wird, ist einer der Letzten seiner Art. Er ist einer, dem man nichts vormachen kann. Einer, der Schneid hat und sich von nichts und niemandem verbiegen lässt. Doch wirklich begreifen kann man ihn wohl erst dann, wenn man in seine stahl-blauen Augen geblickt hat, die so hell leuchten, dass sie schier seinen Kopf zu durchbohren scheinen. »Einer wie der Jensei – das ist ein ganz wertvoller Mensch«, sagt sein Nachbar, der mich begrüßt als ich aus dem Auto steige. Jensei ist wohl noch im Haus. Er ruft laut seinen Namen, der bebend über den Hof hallt. »Jensei, da ist jemand für dich da. Jemand vom Fernsehen!« Er deutet auf das Presseschild, das in der Windschutzscheibe meines klapprigen Dacia hängt. Ein kleiner, aber stämmiger Mann mit weißem Vollbart öffnet die Haustür und schaut in unsere Richtung. Noch bevor ich einwenden kann, nicht vom Fernsehen zu sein, wird mein Erklärungsversuch von einem sonoren »Schleich’ dich!« abgeschmettert.

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Jenseis Hof. Drei Dinge braucht ein Wilderer: Selbstbewusstsein, Mut und eine ruhige Hand.

Meine erste Begegnung mit dem Jensei, sie beginnt mit zittrigen Knien und einem Fauxpas.

Wie schreibt man also über jemanden, über den schon so viel geschrieben wurde? Die Boulevardzeitungen nannten ihn in den Achtzigerjahren ehrfürchtig den »bekanntesten Wilderer Deutschlands«. Das Magazin »Muh« titelte vor ein paar Jahren in einer Ausgabe mit »der letzte boarische Outlaw«, doch das Wort ist zu schwach, zu bedeutungslos, weil es bei Weitem nicht ausreicht, einen Mann wie Jens Friese zu beschreiben. Wie schafft man es, dass dieser Mann, der schon so viel erlebt hat, einem ihm Unbekannten seine Zeit schenkt? Einem, der die Wilderei nur aus Büchern und Erzählungen kennt? Der anstelle eines bayrischen Dialekts astreines Hochdeutsch spricht und plötzlich vor seiner Haustür steht? Ich lege meine Kameratasche behutsam auf die Holzbank vor seinem Haus und setze mich schweigend zu ihm.

Widersetzt hat sich Jens schon immer. Gegen seine Eltern, gegen die Obrigkeit, eigentlich gegen alle. Selbst der Vergänglichkeit widersetzt er sich:  Durch seine Ausbildung zum Tierpräparator konserviert er das für die Nachwelt, was ihn am Leben hält. Das, was ihn schon viel gekostet, aber ihm auch so viel zurückgegeben hat, seit mehr als 60 Jahren schon. Seiner Leidenschaft, dem Wild.

»Rauchst du gar nix?«

»Was hab ich davon, mit dir zu reden?«, raunt er achselzuckend und lehnt sich zurück. In der Tat – eine gute Frage, auf die ich auch erst mal keine Antwort weiß. Er blickt in Richtung der Berggipfel. Es ist ein erstaunlich milder April-Tag. »Zu warm für April«, seufzt er. Wir sitzen uns gegenüber, schauen uns prüfend an. Auf dem Tisch liegt eine Packung Ernte23. Seine Hand schiebt die Zigaretten langsam in meine Richtung. »Rauchst du gar nix?« Zögernd schnappe ich mir eine Kippe und stecke sie an. Knisternd glimmt der Tabak. »Die müsste es auf Rezept geben, so gut sind die«, sagt Jens und inhaliert genussvoll den Rauch. Dann fangen wir doch an zu reden. Langsam bricht das Eis, der Kloß in meinem Hals löst sich. Jens Augen fixieren meine Kameratasche, die immer noch neben mir auf der Bank liegt. »Wenn du es wagst ein Foto zu schießen, dann brennt’s im G’sicht«, droht er und ballt die rechte Faust. Von der Presse will er nichts mehr wissen. Bei ihm waren schon so viele und alle hatten sie nur eines im Sinn: Eine echte Wilderer-Story machen. Und weil sich im Gegensatz zu Jens die wenigsten interviewen lassen oder überhaupt zeigen, und weil er viel zu erzählen hat, aus seinem langen spannenden Leben, haben ihn auf seinem Hof schon zahlreiche Medien-Vertreter besucht. Es wurde fotografiert, nachgebohrt, immer wieder dieselben Fragen – wie in einem Verhör. Vieles wurde gesagt und noch mehr versprochen – nichts blieb ihm davon, außer erneuter Ärger mit den Gesetzeshütern, die ihn kurze Zeit später mit einem Durchsuchungsbefehl anstelle eines Servus begrüßten. Fast jeder Artikel sorgte für neue Furore. Dann wurde das komplette Haus von der Polizei auf den Kopf gestellt. Am Ende blieb es dann aber doch nur wieder bei Drohgebärden, weil das gesuchte Corpus Delicti lediglich ein Gewehr aus Holz war, das zur Dekoration an der Wand in der Stube hing. Dort hängt es noch immer, zusammen mit unzähligen Trophäen. Wo das echte Gewehr ist, weiß keiner so genau. Katz und Maus: Jens kennt das alte Spiel und er ist ein Meister darin. Auch das Fernsehen war schon bei ihm zu Gast. Ein Portrait wurde gefilmt. Dreimal war das Kamerateam bei ihm, zweimal fuhren sie unverrichteter Dinge wieder zurück nach München –  mit einem Mordsbierrausch im Gesicht und der Erkenntnis, dass es für eine Story manchmal etwas mehr braucht, als das Wedeln mit einem Presseausweis. Das bekomme auch ich zu spüren. Und es ist gut so. Beim Jensei herrschen nun mal andere Gesetze, das war sein ganzes Leben lang so und heute ist es nicht anders.

In die weite Ferne

Jens wird 1941 auf der Ostseeinsel Rügen in eine Arztfamilie geboren. Bei Kriegsende folgt die Flucht nach Niederbayern, wo Jens behütet, aber stets unter der strengen Hand der Eltern aufwächst. Später kommt er ins Internat. Für Jens eine harte Zeit. Er will weg, sich dem strengen Diktat von Elternhaus und Schule widersetzen. Mit einem Freund haut er ab. Bis Hamburg wollen sie sich durchschlagen, dann auf ein Schiff nach Kanada. Ab durch die Mitte. Nach drei Tagen werden die beiden Buben von der Polizei geschnappt. Es folgen weitere Versuche, die allesamt scheitern. Mit 16 bricht Jens die Schule ab, für seine Eltern ein Schock, die stets darauf gehofft haben, dass Jens in die Fußstapfen seines Vaters tritt. »Draußen wollt’ ich sein, bei den Viechern, nicht hinter den Büchern«, kommentiert der inzwischen 75-Jährige diese Zeit. Der junge Jens macht eine Lehre zum Tierpräparator im niederbayrischen Pfarrkirchen. Er ist begabt, bekommt schnell Anerkennung – auch weit über Niederbayern hinaus.

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Doch Jens’ Drang nach Freiheit und Abenteuer ziehen ihn wieder in die Ferne, weg von Genügsamkeit und Alltag. Mit 22 zieht er um die Welt, dabei immer wieder in den Norden. Kanada, Lappland, Norwegen. Über zwanzig Mal ist er dort. Mal zusammen mit seiner damaligen Partnerin und einem klapprigen Citroen R4, ein anderes Mal mit einem Freund, mit dem er ein paar schöne Trophäen schießt und frech die Beute, an den Grenzen vorbei, nach Hause bringt. Kurze Anekdoten aus einem Leben, das einem die Sprache verschlägt. Bei denen man, sobald man sie hört, beschämt den Kopf senkt und sich selbst die Frage stellt, warum man denn nicht auch ein bisschen so wie der Jensei sein kann. Es sind Geschichten von Wagemut, Abenteuer, Leidenschaft. Der alte Wildschütz hat viele davon. Unzählige.

Abenteurertum par excellence

Das dunkle Blau der Dämmerung hat inzwischen die Frühlingssonne abgelöst. In Jens’ kleiner Stube ist es warm, das Feuer im Ofen knistert und es gibt Selbstgebrannten aus Einmachgläsern. Die Wände sind geschmückt mit unzähligen Trophäen, Gamsschädeln, Hörnern und Geweihen. Von der Decke baumeln Zinnkrüge, Geweihenden, Mitbringsel aus aller Herren Länder. Woher das ganze Zeug wirklich kommt, weiß nur Jens selbst. Das ist aber vielleicht auch besser so.

»Draussen wollt’ ich sein, bei den Viechern, nicht hinter den Büchern.«

1963 pachtet er eine Hütte in Reit im Winkel, wo er viel Zeit verbringt. Dort entdeckt er die Liebe zu den Bergen im Chiemgau. Schon davor hat er mit dem »Büchseln« angefangen, der Schwarzgeherei. Er baut sich Kleinkalibergewehre mit Klappschaft, um sie besser verstecken zu können. Es wird mit Schalldämpfern experimentiert, damit der finale Schuss den Schützen nicht verrät. Gelebte Rebellion, Abenteurertum par excellence. Mit der Büchse unter der Jacke, eingeklemmt unter der Achsel, geht es raus in die Bergwälder, besonders bei »richtigem Sauwetter, wenn’s regnet, schneit oder stürmt.« Mal getarnt als Spaziergänger, mal als Tourist. Immer dann, wenn Nebel und schlechtes Wetter aufziehen und die Forstaufseher daheim auf dem Kanapee liegen, geht es raus. Es ist ihm dann so, als würden ihn seine Beine von alleine in den Wald tragen. Fast 40 Jahre lang. Knapp 1000 Gämse schießt er in dieser Zeit. Das Auflehnen gegen die Autorität avanciert zur Wilderei. Diese wird zur Obsession. Manche Menschen, die ihn lieben, wird er später damit unglücklich machen.

Mit den Trophäen schmückt er sein Haus, das Fleisch isst er oder verschenkt es. Gamsbärte sind teuer, bis über 2.000 Euro kosten diese stolzen Trophäen, die in ganz Bayern als Bestandteil der Tracht, meistens am Hut, getragen werden – zumindest wenn man sie sich leisten kann. Wegen dem Geld hat Jens aber nie gewildert, beteuert er. Er hat halt getan, »was man früher so gemacht hat, als junger Bursch.« Dann sagt er: »Zuerst war’s nur ein Karpfen vom Nachbarn, dann ein Huhn, irgendwann dann eine Gams – das wurde immer mehr. Eine Sucht halt.«

»Ich hatte einfach kein gutes Gefühl.«

In den Siebzigern lernt Jens eine Frau kennen, sie verlieben sich und heiraten schließlich. 1980 kommt seine Tochter zur Welt. »Gebetet habe ich, dass es kein Junge wird«, sagt er und fügt hinzu: »Bloß nicht noch so einer wie ich, der so einen Schmarrn im Kopf hat.«  Die kleine Familie lebt auf dem Hof seiner inzwischen verstorbenen Eltern.

Es ist ein grauer Tag, im September 1984. Jens erinnert sich noch genau daran. Es regnet, in den höheren Lagen schneit es bereits – feinstes Wetter für Schwarzgeher. Zusammen mit einem Freund ist er zu dieser Zeit in Bayrischzell. Es juckt ihn in den Fingern, er ist unruhig, rastlos. Doch Jens zögert. »Ich wollt’ an diesem Tag nicht raus. Ich hatte einfach kein gutes Gefühl.« Schließlich brechen die beiden doch auf, tauchen ab in die Wälder, werden vom Nebel verschlungen – wie schon so oft.

Kurze Zeit später löst sich ein Schuss aus einem schallgedämpften Kleinkalibergewehr. Ein Gamsbock fällt zu Boden, kugelt den verschneiten Berghang hinunter, wo er schließlich am Waldrand liegen bleibt. Es ist Jens 998ste Gams. Hastig laufen die beiden Wilderer zum erlegten Tier, der leblose Körper ist noch warm. Sie zerteilen die Beute, packen sie in ihre Rucksäcke. Der Schnee absorbiert das Blut, färbt das kalte Weiß in tiefes Rot. Hastig werden die Spuren beseitigt, dann geht es zurück, bergabwärts, vorsichtig und so leise wie möglich. Kaum im Tal angekommen, gehen ein Dutzend Taschenlampen an. Der kalte Stahl eines Gewehrlaufs drückt sich an Jens Rücken. Man hat sie erwischt, der Hall ihrer Büchse und ein geparktes Auto am Waldrand haben die beiden Freunde verraten. Nun sind sie von Forstaufsehern und Polizisten umzingelt. Eine Flucht ist ausweglos. Der Tatbestand: Wilderei und unerlaubter Waffenbesitz.

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Auf der Polizeiwache wird Jens verhört, am nächsten Tag nur mit Hemd und Unterhose am Leib wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Obrigkeit rächt sich für die jahrelange Demütigung des Katz- und Mausspiels. Es ist der Triumph des kleinen Mannes, Jens schert sich nicht darum. Er kann bis zu Prozessbeginn wieder zurück zu seiner Familie. Ihm drohen drei bis fünf Jahre Gefängnis. Doch Fluchtgefahr, so die Annahme der Polizisten, bestehe nicht. Jens hat schließlich Frau und Kind. Kaum zu Hause angekommen, packt Jens seine sieben Sachen. Wenige Stunden später ist er im Flieger nach Kanada, zusammen mit seinem Freund. Die Familie will er zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. In der Zwischenzeit bittet er seine Frau, seine Habseligkeiten, sowie den Hof zu verkaufen. Mit dem Erlös wollen sie sich eine neue Zukunft in Kanada aufbauen. So der Plan. Kaum in Vancouver angekommen, schickt Jens dem Staatsanwalt in Bayern eine Ansichtskarte. »Ich hab den Hund alles geheißen, die schlimmsten Beleidigungen hab ich da rauf geschrieben«, erinnert er sich. Ein Zurück soll es nicht geben. Für seine Familie ist bereits alles arrangiert, sogar einen Schulplatz für seine Tochter. Doch um problemlos in Kanada einwandern zu dürfen, muss das Strafverfahren gegen ihn in Bayern offiziell beendet sein. Nach über einem Jahr kehrt er auf abenteuerlichem Weg im Frachtraum eines Flugzeugs zurück. Er schmuggelt sich unbemerkt an den Grenzkontrollen vorbei. Danach streift er ziellos durch die Wälder im Oberland, im Chiemgau und im Werdenfelser Land, ohne Bleibe, ohne Hab und Gut. »Ein Jahr und sieben Monate« ist er unterwegs. Solange, bis sein Anwalt aushandelt, dass die Gefängnisstrafe in eine Geldbuße umgewandelt wird. Dann lässt er sich wieder blicken – und stellt sich. Das erste, was er vor Gericht zu Gesicht bekommt, ist seine Ansichtskarte aus Vancouver und das maliziöse Grinsen des Staatsanwalts. Jens bekommt eine Geldstrafe von 5000 D-Mark. Viel Geld für die damalige Zeit. Der Haftbefehl ist jedoch vom Tisch und Jens wieder ein freier Mann.

Doch das eigentliche Drama beginnt erst jetzt. In Jens’ Abwesenheit hat seine Frau wie vereinbart den Hof verkauft, inklusive seiner Habseligkeiten, alles was ihm lieb und wert ist. Die Scheidung hat sie gleich miteingereicht. Erneut zieht Jens vor Gericht, kämpft um seine Tochter und das Erbe seiner Eltern. Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen diese »Komplizen«, wie er selbst sagt. Er meint damit seine Ex-Frau und ihren Vater. Um den Prozess zu gewinnen, fehlen ihm die nötigen Dokumente, Papiere, Beweise. Für einen vorbestraften Wilderer stehen die Karten der Glaubwürdigkeit schlecht. Am Schluss lässt er sich auf einen Vergleich ein. Das Geld hat er bis heute nicht gesehen, ebenso wenig wie seine Tochter – das letzte Mal sah er sie 1985. »Is des ned schee?«, fragt Jens. Das tut er meist dann, wenn etwas besonders schrecklich ist. Der Satz fällt oft an diesem Abend.

Das tun, was ihm im Sinn steht

Der kleine Hof am Fuße des Hochfelln wird sein neues Zuhause. Hier lässt er sich nieder, fängt wieder an als Tierpräparator zu arbeiten. Doch die Zeiten haben sich geändert. Es ist nicht mehr schick, sich ausgestopfte Tiere an die Wand zu hängen. Selbst im tiefsten Chiemgau verdrängt die moderne Veränderung die alte Tradition. Das Geschäft läuft dementsprechend. Jens zieht sich zurück, lebt eher bescheiden – aber dennoch frei. Wenn er nicht dem Präparator-Handwerk nachgeht, widmet er sich dem Holzdesign. Er baut Holzmöbel, schnitzt Spielzeug  oder drechselt Schüsseln, Teller – alles Erdenkbare. In der Zwischenzeit malt er, Portraits, Berglandschaften, Tiere, Erinnerungen. Er hat nicht viel – aber er kommt über die Runden und genießt das, was ihm niemand nehmen konnte: die Freiheit. Und das ist für den stolzen Jens das höchste Gut. Auch wenn seine Rente winzig ist. Er beugt sich weit nach vorne, holt tief Luft und sagt: »Des doa kenna, wos i mecht.« Das tun, was ihm im Sinn steht: Ein wertvolles Privileg, welches Jens wahren will, bis zum Schluss. Ich schiebe die Schachtel Zigaretten nickend zurück in seine Richtung.

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Kleinkalibergewehr vom Model »Schleching«Natürlich nur ein Imitat aus Holz.

Nach einem Pressebericht der Polizei gab es in Deutschland im Jahr 2014 noch über 1.000 erfasste Delikte der Jagdwilderei. 2015 ist die Zahl wieder leicht gesunken. Diese Daten berufen sich allerdings auf alle polizeilich erfassten Fälle. Die Dunkelziffer liegt bei Weitem höher. Besonders in den abgelegenen Bergregionen Oberbayerns werden die Wildschützen oftmals von den Dorfbewohnern gedeckt. Man kennt sich eben – und hält zusammen. Der heroische Aspekt der Wilderei, sich dem Diktat der Obrigkeit zu widersetzen und das Schwarzgehen als einen selbstlosen Akt zu heroisieren, bis heute hat sich dieser Glaube erhalten. Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert ist das Wildern in Bayern eine Art Volkssport. Hunger und Not treibt bis in die 60er Jahre die Menschen in den Wald, wo sie mit Gewehren und Fallen versuchen, ihren Kochtopf oder ihren Geldbeutel zu füllen. In manchen Regionen ist es heute noch gelebte Tradition. Ganz zum Leidwesen der Jäger und Förster.

»Is des ned schee?«

Doch Jens hat der Wilderei inzwischen den Rücken gekehrt. Seine Knie machen nicht mehr mit. »Und draußen in den Wäldern muss man gut zu Fuß sein.« Jens’ Sucht, die Leidenschaft draußen bei den Tieren zu sein, ist dennoch geblieben. Vor ein paar Jahren ist Jens wieder rastlos geworden. Als der puderzuckrige Schnee auf den Berggipfeln langsam wieder ins Tal hinunterkroch und den Winter einläutete. Wieder ging es gen Norden, zurück zum Lebenssinn. Mit seinem alten Eicher Traktor zuckelte er nach Lappland. Mit sechs Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit, auf Landstraßen und Feldwegen, bis hoch an den Polarkreis. Ein beschwerlicher und abenteuerlicher Weg, geprägt vom ungestümen Freiheitsdrang draußen zu sein, niemals Wurzeln zu schlagen. Die Reisen mit dem Eicher als Metapher für ein ganzes Leben.

Das Feuer im Kamin ist erloschen, draußen zwitschern bereits die ersten Vögel, um den neuen Tag zu begrüßen. Es wird hell, der Morgen graut. Unsere Köpfe hängen schwer zwischen den Schultern. »Is des ned schee?«, fragt Jens, grinst und steckt sich eine eine Zigarette an. Er blickt durch das Stubenfenster nach draußen, in Richtung der Berggipfel.

 Text & Fotos: Max Marquardt

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