Rückblick: Fifteen Seconds Festival – Internationaler Flair in Graz

fifteen-seconds-Beitrag

»Das Festival für neugierige Geister« weckte auf Facebook mein Interesse. Die Gründer des Events sagen über sich, sie wollten einen mit Kreativkraft und Innovationsgeist aufgeladenen Rahmen für modernen, praxisorientierten Wissenstransfer schaffen, der die Neugier an lebenslangem Lernen weckt und fördert. Aha! Die Werte auf der Unternehmensseite lesen sich da schon flüssiger: innovate or die, fail fast oder work together heißt es da beispielsweise. Am 8. und 9. Juni fand das Fifteen Seconds Festival zum vierten Mal in Graz statt – zum ersten Mal mit uns. Die Liste der Vortragenden war hochkarätig und auch das Drumherum machte einen guten Eindruck.

Vor dem Fifteen Seconds Festival

Wenn ich etwas noch weniger mag als Spam, dann sind es Newsletter a la »einer geht noch, einer geht noch rein«. Spam ist wenigstens ehrlich: »Schmeiß mich weg, ich bin unwichtig«. Nachdem ich mich für Pressetickets beworben hatte, kamen die Mails vom Fifteen Seconds Festival in einem sehr angenehmen Abstand. Nie war ich genervt, ich kann sogar sagen, jeden Newsletter gelesen oder zumindest überflogen zu haben. Es war ja auch interessant zu verfolgen, wie sich die Liste der Redner verlängerte. Anders als es sonst oft vorkommt, wurden die Vortragenden nicht kleiner und unwichtiger, die Qualität blieb konstant.

Fifteen Secons Speaker-Update

Ein paar Tage vor dem Kongress wurde die App FS Match gelauncht, außerdem konnte man auf der Website des Veranstalters sowohl am Computer als auch mobil ganz simpel das Programm durchforsten und Favoriten markieren. Viele für mich spannend klingende Vorträge bzw. Speaker gleichzeitig zwangen mich dazu, mich vor Ort spontan für oder gegen eine Präsentation zu entscheiden.

Am Tag vor dem Event bekam ich plötzlich Angst, ob wir unsere Tochter wirklich wie geplant mitnehmen konnten. Ich kontaktierte den Chatservice und bekam von Dominik sehr sympathisch zugesichert, dass es kein Problem sei.

Fifteen Seconds Chat

 

Vor Ort

Meine Schwester bot uns Unterschlupf, denn wir reisten extra aus Vorarlberg an. Am ersten Vormittag zur großen Registrationswelle (»Kommt pünktlich, damit wir die über 4.000 Teilnehmer rasch durchbringen.«) nahmen wir unsere Tochter mit.

Schlangestehen

Etwas verunsichert, ob wir mit unseren Pressepässen auch wirklich richtig standen, fragte ich immer wieder, ob wir einen extra Eingang hatten. Manche der Mitarbeiter waren überfragt, manche lotsten uns in die andere Richtung. Schlussendlich landeten wir in der ganz normalen Schlange. Normal = lang.

Das Anstehen verging trotzdem fast wie im Flug, was zum einen an unserem entzückenden Kind lag und zum anderen am großen Zufall Julia aus der Heimat in der Schlange vor uns zu treffen. Diese unterhielt unser Kind und alle waren zufrieden.

fifteen-seconds01
Beim Counter angekommen wurden wir allerdings zu einem anderen Schalter geschickt – angeblich zu dem für Pressefuzzis (kein O-Ton). Dort wiederum fragte man uns nach unserem Problem. Etwas verwirrt sagten wir, es sei alles in Ordnung, wir hätten aber Pressekarten. Es stellte sich heraus, dass wir nicht beim Presse-Spezialeingang standen, sondern beim Problemschalter – dort konnte z. B. man seine Tickets auf einen anderen Namen umwidmen lassen. »Wahrscheinlich hat man euch zu uns geschickt, damit ihr mit eurer süßen Tochter nicht so lange ansteht.« Netter Gedanke, leider hat es nicht ganz geklappt. Da ich aber die Optimistin von uns Dreien bin, versuchte ich meine Familie bei Laune zu halten und schwirrte mit ihnen durch den Indoor-Zirben-Wald. Das Ziel war das versprochene Frühstück und ein guter Kaffee.

Messebereich

Das Erste, was uns beim Betreten des Fifteen Seconds Festivals in die Hand gedrückt wurde, waren süße Gebäckstücke von Martin Auer – sehr lecker, aber auch sehr klein. War das das Frühstück? Auf der Suche nach Kaffee und mehr Frühstück kamen wir an diversen Messeständen vorbei. In der ersten Halle waren das messetypischen Pulte mit Foldern und mehr oder weniger mitteilungsbedürftigen Menschen.

Auf dem Weg zur großen Halle waren viele Origami-Vögel aufgehängt, was sehr hübsch aussah und auch viele zum Fotografieren animierte. Unter dem Gefieder aus Papier waren Jutebeutel mit Sprüchen und Give-Aways aufgehängt. Wer sich dachte: »Das schlepp ich jetzt sicher nicht, ich hol es mir später«, hat die Rechnung ohne die Hamstermanier des Menschen gemacht. Am frühen Nachmittag waren alle weg. In den Taschen waren viele Flyer, Gutscheine, Essen, Krimskrams. Schlimm fand ich die Yo-yos von Microsoft: Gute Idee, aber billigst umgesetzt.

Die zweite Halle fand man u. a. die Big-Leader: Ikea hatte ein Bällebad für Erwachsene aufgebaut und bei Google stand eine bunte Palettenarbeitsgruppentribüne. In dieser Halle konnte man sich spielerisch austoben, es gab eine Riesenschaukel, eine Kletterwand und ein riesiges Kugel-Labyrinth. Für die Kinder der Neunziger gab es beim Miss-Stand Brause-UFOs, Fizzers und Marshmellows.

Irgendwo dazwischen gab es Kaffee von Hornig und einen Brotstand von Martin Auer. Davor: 90% der Besucher. Mindestens eines meiner Familienmitglieder verlor nun die Geduld und das kleinere von beiden, tat das auch lautstark kund. Die Businessmänner hinter uns konnten sich ein »ich glaube nicht, dass das der richtige Aufenthaltsort für Kinder ist« nicht verkneifen – ich mir meine Antwort zum Glück schon.

Vorträge

Die Vorträge an den beiden Tagen konnten sich durchaus sehen lassen. Fritz Jergitsch, Gründer der Tagespresse, gewährte uns einen Einblick in seine Startphase (»Ich verwies mit Fakeprofilen auf derstandard.at auf meine eigenen Artikel.«) und erzählte von seiner Erfahrung als Lügenpresse (»Strache ist noch nie auf einen meiner Artikel reingefallen.«). Nadine Neubauer von Instagram berichtete von verschiedenen Marketing-Möglichkeiten auf Instagram – inkl. Praxisbeispielen. Melissa Rosenthal, Vize-Präsidentin von Cheddar, erzählte von der neuen Art fernzusehen. Ich befürchte, österreichische Unternehmen sind noch nicht bereit dafür und auch die Art der Sendungen scheint sehr amerikanisch zu sein. Nicht jeder bot uns einen Wow- oder Aha-Effekt, aber bis auf einen haben wir jeden angefangenen auch bis zum Ende gehört.

Apropos Ende: Sehr dreist fanden wir die Rausschmeißer-Manier auf der Keynote-Stage. Die Redner wurden mit bis zum Ohrensausen lauter werdenden Loungebässen übertönt, wenn ihre Vortragszeit zu Ende war. Da lob ich mir einen simplen Gong oder etwas charmantere Hinweis(tön)e.

In der ersten Halle gab es mehrere Stages: Tech, Media, Growth und Talent. Damit man sich soundtechnisch nicht in die Quere kam, gab es zwei Bühnen mit Kopfhörern – Silent Stage nennt man das. Neben der zweiten Halle war die riesige Keynote-Stage untergebracht. Beim Stand von Google gab es ebenfalls Vorträge.

Randnotiz: Austrian-English ist nicht sexy. Und Wortwitze gehen verloren. Redet deutsch, liebe Landsleute.

Rahmenprogramm

Networking gehört bei Kongressen in der Kreativbranche ja quasi zum guten Ton. Die vom Fifteen Seconds Festival gebotenen Möglichkeiten dafür waren spannend: Dinner with a Stranger, Speakers-Dinner (für VIPs), Evening-Runs mit dem Gründer von Runtastic und des nächtens Spotify-Partys. Außerdem gab es einen Startup Playground und viele Workshops.

Fifteen Seconds Startup-Playground

 

Selbstversorgung

Eines kann man klar sagen: Durstig waren wir nie. Es gab überall Kühlschränke zur Selbstbedienung mit kostenlosen Getränken von Red Bull, Vöslauer und Almdudler. Man sah auch ständig Mitarbeiter des Festivals mit Getränke-Schubkarren durch das Fifteen Seconds Festival düsen, um die Kühlschränke aufzufüllen. Im Messeareal und im Außenbereich gab es außerdem zahlreiche Essensstände. Dort tat man sich leider aber weit aus schwerer mit der Einschätzung der benötigten Mengen. Am zweiten Nachmittag wollten wir uns einen Bio-Burger gönnen, doch denen war das Brot ausgegangen, deshalb servierten sie zwei Pattys auf einem Pappteller zum selben Preis. Beim benachbarten Zoodlestand (Nudeln aus Zucchini) war deshalb die Hölle los und ich gab das Anstehen nach 20 Minuten auf. Von MyMüsli hab ich an beiden Tagen leider auch nur den leer gefegten Stand gesehen, aber ich muss gestehen, ich weiß nicht, um welche Uhrzeit das jeweils war. Aber ich kann mit Gewissheit sagen: Ein »Tonis-Frühstücksei« hätte ich auch um 17 Uhr noch bekommen.

Vorfreude auf 2018

Das Fifteen Seconds Festival ist besuchenswert. Allerdings sollte man damit rechnen, dass keine Zeit für Sightseeing bleibt. Denn auch wenn das Gelände nicht die Größe von internationaler Kongresskonkurrenz hat, lassen einem die vielen Bühnen nicht viel Zeit zum Durchatmen. Da die Veranstaltung donnerstags und freitags über die Bühne ging, zahlt es sich auf jeden Fall aus, das Wochenende dranzuhängen und die Stadt zu genießen. Wir kommen auf jeden Fall wieder. Dann aber ohne Tochter.

 

Kommentar verfassen