Everybody was Kung Fu Fighting

Everybody was Kung Fu Fighting

Es riecht wie in der Turnhalle meiner alten Schule. Durch eine große weiße Tür betrete ich die Kampfsportschule von Roland Laritz in Dornbirn.

Nicht nur der Geruch, auch die Sportmatten am Boden und die Sprossenwände erinnern mich an qualvolle Stunden mit einem als Turnlehrer getarnten Drill-Instructor. Gleich im Eingangsbereich sehe ich sieben muskulöse Männer die kräftige Schläge und Tritte austeilen – Kickbox Training.

Mein Begleiter, ein Freund der hier seit zwei Jahren Schüler ist, sagt ich soll Platz nehmen, während er sich umkleiden geht. Ich nutze die Zeit und beobachte die Männer bei ihrem Training. Was auf den ersten Blick sehr brutal aussieht, stellt sich nach wenigen Minuten als sehr genau geplantes und strukturiertes Training heraus. Die Kampfbewegungen werden sowohl dem Angreifer als auch dem Verteidiger präzise erklärt und vorgezeigt. Es wirkt nicht wie Kampf, eher wie eine Choreografie.

Der Sifu

Nach kurzer Zeit kommt mein Freund zurück, begleitet von einem kahlrasierten, durchtrainierten Mann – Roland Laritz. Er begrüßt mich freundlich und gibt mir die Hand. Ich bin etwas überrascht von seiner gelassenen und offenen Art, immerhin stehen auf seinem Kampfsport-Lebenslauf mehr Titel als auf den Doppelalben so mancher Rock-Legenden. Da erwartet mein von Hollywoodfilmen geprägtes Gehirn eine völlig kaputte Figur wie „Rocky Balboa“ – typisches Klischeedenken.
Roland, der lieber Rolli genannt wird, leitet diese Schule seit 18 Jahren. Er ist hier ein sogenannter Sifu, ein väterlicher Meister. Doch weder seine Titel noch sein hohes Ansehen sind Rolli zu Kopf gestiegen. Er ist ein bodenständiger, sympathischer Mann der seine Worte mit Bedacht wählt. Er führt mich in den hinteren Bereich der Schule, in den Raum in dem gleich das Kung Fu Training stattfinden wird.

Kung Fu? Eh klar.

Rolli erklärt mir, dass Kung Fu nichts mit einem Kampfstil zu tun hat. Der Begriff setzt sich zusammen aus den chinesischen Schriftzeichen „Gōng“ (=Errungenschaft) und „fu“ (=Mensch). Übersetzt bedeutet Kung Fu „etwas anspruchsvolles Meistern“. Somit kann der Grad des Kung Fu in jeder durch hartes Training erlernbaren Kunst erreicht werden. Rolli unterrichtet Wing Chun Kung Fu. Dabei steht Wing Chun für den Kampfstil und Kung Fu für dessen Erlernen durch Hingabe und hartes Training.
Im zweiten Raum angekommen bemerke ich sofort, dass sich dieser deutlich vom ersten unterscheidet. Dank Räucherstäbchen und dezenter musikalischer Untermalung fühle ich mich hier nicht an eine Turnhalle, sondern viel mehr an einen buddhistischen Tempel erinnert. In der Ecke entdecke ich einen kleinen Brunnen der sanft vor sich hinplätschert. Die Atmosphäre hier drin wirkt wirklich sehr beruhigend.
Neben dem Wing Chun findet hier auch Eskrima, Brazilian Jiu Jitsu, Qi Gong und Tai Chi Chuan Unterricht statt.

Erst mal warm werden

Das Training beginnt mit dem Aufwärmen. Dehn- und Qi Gong-Übungen beugen Verletzungen vor und der Körper wird auf das kommende Training vorbereitet.
Mit ruhiger Stimme gibt Rolli die Anweisungen für die verschiedenen Übungen. Es ist faszinierend mit welcher Disziplin die Schüler die teilweise sehr anspruchsvollen Übungen ausführen. Qi Gong wird dabei vor allem als Krankheitsprophylaxe eingesetzt. Seit mehreren tausend Jahren ist es das Fundament jeder Kampfkunst. Laut der traditionellen chinesischen Medizin wird dadurch die Lebensenergie, das sogenannte Qi, gestärkt. Das dient der Gesundheit, steigert die geistige Leistungsfähigkeit und beugt Alterserscheinungen vor.

Partner-Training

Nach dem Aufwärmen kommt der Partnerteil. Die Schüler üben verschiedene Verteidigungstechniken in Zweiergruppen. Angriffstechniken lernt man dabei keine. Hier unterscheidet sich das Wing Chun von anderen Kampftechniken wie beispielsweise dem Jiu Jitsu.
Wing Chun Kung Fu ist Kampfkunst, kein Kampfsport. Es geht dabei nicht darum einen Sieg zu erringen, sondern darum sich effektiv selbst zu verteidigen. Dabei ist die Lehre von gewaltfreier Konfliktbewältigung kein Filmgeschwätz, sondern fester Bestandteil des Unterrichts.
Schon bei der ersten Übung fällt der besonders respektvolle Umgang miteinander auf. Die erfahreneren Schüler zeigen den Neulingen die Bewegungen und helfen ihnen dabei auf die richtige Körperstellung und -haltung zu achten.
Die Übungen sehen zwar einfach aus, doch jede Bewegung wird mit enormer Kraft ausgeführt, die Anstrengung lässt sich deutlich an den Gesichtern der Schüler ablesen.
Ich beobachte Rolli, wie er zwei Schülern eine Technik erklärt und beschieße  das etwas genauer zu betrachten. Von der Seite sehe ich wie er den Unterarm eines Schülers erst mit der einen, dann mit der anderen Hand greift und mit einer kleinen Drehung dafür sorgt, dass der Schüler auf die Knie gehen muss.
Dem Sifu entgeht mein Interesse nicht, und er fordert mich auf zu ihm zu kommen. Kurz darauf finde ich mich im sogenannten „Z-Hebel“ wieder. Alles Rolli jetzt noch tun muss, ist kurz an meinem Arm zu drehen und schon muss ich zu Boden.

Im Gesprach mit Roland Laritz

Während die Schüler selbstständig weiterüben nutze ich die Zeit um dem Sifu ein paar Fragen zu stellen:

Rolli, bist du oft mit Klischees à la „Kampfsport ist nur was für Türsteher und Schläger“ konfrontiert?
Leider ja, wenn mich jemand nach meinem Beruf fragt dann folgt auf die Antwort meistens ein Satz wie: „Oh, du bist bestimmt gefährlich.“. So was ist absoluter Blödsinn. Nur weil ich Kampfsport mache, bedeutet das ja nicht, dass ich mich nicht unterhalten kann ohne dabei jemandem den Arm zu brechen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ein Kampfkünstler geht jeglicher Gewalt aus dem Weg. Es geht nicht um Angriff sondern um die Verteidigung. Doch leider ist dieses Schubladendenken sehr stark in den Köpfen der Menschen verankert und da heißt es einfach – Kampfsportler = gefährlich.

Aber schlussendlich geht es ja doch um einen Gegner, sonst gibt es bei einem Tunier keinen Kampf.
Das ist aber was anderes. Bei Turnieren geht es um Kampfsport, wir sprechen hier aber von Wing Chun. Die Wettkämpfe an denen wir teilnehmen sind Jiu Jitsu Turniere. Da liegt der Unterschied, in Kampfkünsten wie dem Wing Chun ist der einzige Sieg auf den es schlussendlich ankommt, der über sich selbst.

Wie sieht es mit dem Verletzungsrisiko aus? Ist das bei einer so harten Sportart nicht überdurchschnittlich hoch?
Nein. In diesen Sportarten wird ja besonders darauf geachtet, den anderen nicht zu verletzen. Solange also jeder vernünftig handelt passiert da auch nichts.

Ist Kampfsport also ungefährlich?
Nein, das auf keinen Fall. Es muss auch zwischen den verschiedenen Kampfsportarten unterschieden werden. Klar sind Sportarten wie „MMA“ oder „Freefight“ gefährlich. Doch das hat auch kaum was mit Kampfkunst zu tun, das sind eher moderne Gladiatorenkämpfe.

Wie entscheide ich welcher Kampfstil für mich der richtige ist?
Die einzelnen Kampstile sind so unterschiedlich wie die Menschen selber. Deutliche Unterscheidungsmerkmale sind die verschiedenen Gewichtungen von Sport, Selbstverteidigung, Kunst und Gesundheit. Letzten Endes kann eine kluge Entscheidung nur nach einem Probetraining getroffen werden.

Tao Kung Fu Austria

 

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