Hochzeitstermin – 12.12.2012

Hochzeitstermin 12.12.12

Es gibt da dieses Alter, vielleicht so ab Ende zwanzig Anfang dreißig. Bei den frühreifen unter uns möglicherweise auch schon ab zwanzig. In dieser wunderbaren Zeit unseres Lebens fühlen wir uns wie junge Götter, voller Energie, sportlich und zielstrebig. Und dennoch werden wir unweigerlich mit Dingen konfrontiert, die uns möglicherweise in unserem Elan einzuschränken drohen. Dinge wie Heiraten, Kinder kriegen, Häusle bauen. Ok, vielleicht nicht überall auf der Welt. In New York zählt Lifestyle und in Tansania das Überleben. Aber zumindest als Xiberger ist es unumgänglich einmal im Leben einen kurzen bis eher langen Gedanken an diese Themen zu verschwenden.

Nichts ist einzuwenden gegen das Dasein als Xiberger, mit all seinen Träumen und Gedanken. Dennoch, ein kurzer Besuch im Messepark zeigt exemplarisch, was zu viel auferlegte Verantwortung mit Beziehungen und Familien machen kann. Streitende Ehepaare vor überdimensionalen Fernsehgeräten im Mediamarkt, überforderte Mütter beim Kompensations-Shopping im H&M. Aber gut, man hat ja schon vieles gesehen. Es ist wie mit Negativschlagzeilen in den Nachrichten. Bedrückendes Schweigen, kurzes Kopfschütteln und … weitermachen. Weitermachen, ja, mit den eigenen Idealvorstellungen und Wünschen. Denn meist sind die Eigenen gar nicht so weit entfernt von den Messepark-Kunden, zu denen man sich im Übrigen ja auch zählt. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass man selber – SELBSTVERSTÄNDLICH – alles auf die Reihe bekommt. Kinder, große Wohnung, lebenslange Liebe. Gott sei Dank sind wir naiv und abenteuerlustig genug, es zu versuchen. Uns und dem Rest der Welt zu zeigen, wie das geht. Wie man das richtig macht mit dem Träume verwirklichen, seien sie auch noch so spießbürgerlich.

Vier Personen durfte ich treffen, die sich nicht einschüchtern lassen, von Zynikern wie mir. Vier Personen, zwei Pärchen. Grundverschieden in ihren Ansichten, eint sie ein gemeinsames Datum. Ihr Hochzeitstermin am 12.12.2012.

Anita & Marcel

Marcel kenne ich aus meiner Volleyballmannschaft und seine Freundin Anita ist mir auf anhieb symphatisch, wie sie da sitzt mit ihrem neongelben Hoodie. Sie wollen sich am 12.12.2012 das Jawort geben. Sie sagen, sie wollen es nicht besser machen als die anderen Ehemenschen. Sie wollen es auf ihre Art machen. Schöner Ansatz, denke ich und muss im selben Moment eingestehen, dass ich ihnen abnehme, was sie da erzählen.

Anita hat Marcel beim Bregenzer Stadtfest angesprochen. Das war vor 3 Jahren. Die Beiden sind noch gar nicht so lange zusammen, wie ich es angenommen hätte. Sie wirken vertraut, aber ohne sich gegenseitig zu kitschig zu ergänzen. Mir gefällt ihre Art, wie sie miteinander umgehen. Aber ihr Wunsch, an genau diesem Tag im Dezember zu heiraten? Das Datum ist für Sie ein Zeichen ihrer Einigkeit. Anita sagt, sie seien nicht besonders religiös – aber sie glauben an sich und vielleicht auch ein wenig an die Magie des 12.12.2012.

Das klingt dann doch etwas kitschig, werfe ich ein und kassiere einen gespielt bösen Blick. Ich bin froh, dass die Zwei die Liebe nicht als todernste Sache ansehen. Natürlich schwört man sich, immer für einander da zu sein. Auch in ernsten Situationen des Lebens. Und da ist die Ehe, so sagen Marcel und Anita, bedingungslos. Entweder oder. Woher Sie all das schon im Vorfeld wissen, kann ich nicht beurteilen, aber sie sind auf jeden Fall gut informiert. Ich gebe zu, die Vorstellung sich beim Beinbruch vom Skiunfall nicht allein im Krankenhaus langweilen zu müssen, weil der Partner irgendwie verpflichtet ist, mich zu unterhalten, das hätte schon was. Vergessen wir bei all dem Gegrübel aber auch nicht auf die lustigen, schön-tollen Momente einer Ehe. Abwartend blicke ich zu Anita, die mir sofort die Stichworte liefert: Das gemeinsame Fest, gutes Essen und tolle Musik. Und das beste daran, man teilt die Momente mit den Menschen die man liebt. So wird es auch bei Manita (Wortkreation der Autorin, Anm.) sein. Sie feiern im engsten Kreise, wie man das so sagt. Das sind dann 85 Menschen, jung und alt und laut Marcel charakteristisch ziemlich gut durchgewürfelt.

Das klingt spannend und weil ich mich gerade an einem Punkt befinde, an dem mir diese Hochzeit der Beiden ein Lächeln ins Gesicht zaubert, will ich mich schnell verabschieden. 86, sagt Anita lachend und bevor ich verstehe, was sie meint, bin ich auf der Gästeliste ihrer Hochzeit gelandet.

Natalie & Robert

Und dann kommen Natalie und Robert zum Gespräch. Sie heiraten ebenfalls am 12.12.2012. Erst standesamtlich, dann kirchlich. Wie sich das eben gehört, sagt Natalie. Ja, denke ich. Ich mag die Beiden – aber ihre Ansichten sind mir dann doch ein bisschen zu verstaubt. Sie haben bereits ein gemeinsames Heim und wollen jetzt den nächsten Schritt wagen, so Robert. Er redet, als wolle er mich bekehren. Aber auch bei diesem Pärchen merke ich: die Zwei sind sich sicher.

Ob das dazugehört zum Heiraten, frage ich mich. Sind sich alle so sicher, wenn sie Ja sagen? Muss das sein, oder gehört ein bisschen Bauchkribbeln und Panik schieben nicht auch dazu?
Natalie und Robert merken wohl, dass ich mir beim Thema Hochzeit unsicher bin. Sie sagen, ich soll nicht zweifeln, sondern glauben und hoffen. Doch was hat die Hoffnung auf ein lebenslanges gemeinsames Eheleben mit einem Datum zutun, an dem man in einem Brautkleid friert und sich die Gäste in dicke Mäntel hüllen müssen? Warum übt dieses Datum eine solche Faszination auf Ehewillige aus, frage ich Natalie.

Beinahe entschuldigend erzählt sie mir von der Gemeinde Gmunden im Salzkammergut, welche mithilfe eines großzügigen Sponsors den Schnapszahl-Trauungstermin verlost. Sie will wohl damit sagen, dass es viele Menschen gibt, die sich an Zahlen und Daten festhalten. Dass ein Datum für Manche mehr sein kann als nur eine beliebige Aneinanderreihung von Zahlen. Sie erklärt mir, dass sie das Datum als die „Geburt“ zu einem neuen Leben verstehen: dem Eheleben zwischen zwei Menschen, die sich lieben. Das wird mir dann doch zu abstrus und das zeigt wohl auch mein Gesichtsausdruck. Nichtsdestotrotz will ich den Zweien eine abschließende Frage stellen: „Seid ihr nervös, wenn ihr an das Hochzeitsdatum denkt?“ Robert und Natalie sehen sich an. Ich denke sie haben abschließend mit einer komplizierteren Frage gerechnet. Ich stelle die Frage bewusst, weil ich das Gefühl habe, nicht nur das Datum, sondern auch sonst ist hier alles ein abgekartertes Spiel. Liebe, Haus, Hochzeit, danach Kinder. Mir fehlt da immer noch das Bauchkribbeln. Aber ihre Antwort überrascht: Nein, sagt Natalie. Ja, sagt Robert. Noch einmal sehen sie sich an und prusten dann gleichzeitig los. Uneinigkeit kann doch manchmal auch ganz schön sein.

Und was den 12. Dezember anbelangt: Das ist mit Sicherheit ein schönes Datum für Ja-Sager. Er spiegelt so viel wieder, finde ich. So viel Xiberg. Einigkeit. Tradition. Sicherheit. Gemeinsamkeit, aber auch Trägheit und Wiederholung. Und ganz vielleicht auch Liebe?

Ein Beitrag von: Myrthe Liebschick

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