Saatgut-Weitergabe darf nicht eingeschränkt werden

Astrid Österreicher

Ein Beitrag von:
Mag.a Astrid Österreicher, Verein Arche Noah

Wer in den letzten Wochen Nachrichten gehört hat, dem ist nicht entgangen, dass derzeit auf EU-Ebene eine neue Saatgutverordnung ausgearbeitet wird.

Der Verein Arche Noah, der sich seit den 1990er Jahren um die Erhaltung bäuerlicher Kulturpflanzen bemüht, hat die geplante Verordnung gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation Global 2000 mittels Pressekonferenz und Petition öffentlich bekannt gemacht (siehe www.freievielfalt.at). Der Spielraum für die Weitergabe von Saat- und Pflanzgut ist bereits jetzt eng und soll durch die neue EU-Verordnung noch weiter beschnitten werden. Die Arche Noah beobachtet seit ihrer Gründung, dass die Schrauben immer enger gedreht werden. So ist z.B. nicht einsichtig, warum die neue Verordnung den Tausch von Saatgut zwischen Privatgärtnern zwar erlaubt, jedoch strengen bürokratischen Auflagen unterwirft, sobald für das Saatgut eine Aufwandsentschädigung von ein paar Euro genommen wird. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind seit dem Jahr 1900 bereits 75% der Kulturpflanzensorten ausgestorben, vor allem weil statt den bäuerlichen Sorten moderne Hochertragssorten angebaut wurden. Doch auch gesetzlich errichtete künstliche Barrieren wie die neue EU-Verordnung tragen das ihrige dazu bei, dass die landwirtschaftliche Biodiversität – trotz gegenteiliger politischer Zielsetzungen – weiter abnimmt.

Abhängigkeit gewünscht?

Eine grundsätzliche Frage, die sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft von Landwirtschaft und Gartenbau stellt, ist jene nach Autonomie bzw. Abhängigkeit. Saatgut selbst zu vermehren, es an eigene (Standort-)Bedürfnisse anzupassen und mit anderen zu tauschen bedeutet auch ein Stück Unabhängigkeit. Zum einen muss Saatgut dann nicht jedes Jahr zugekauft werden, sondern kann mit den am Hof vorhandenen Ressourcen produziert werden. Zum anderen passen sich Pflanzen über mehrere Jahre des Anbaus immer besser an die Standortbedingungen (Boden, Klima) an, und die genetische Breite samenfester Sorten gibt den Pflanzen Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlingen. So kann an chemischen „Pflanzenschutzmitteln“ gespart werden, wofür sich Mutter Erde tausendmal bedankt. Land bewirtschaften im Einklang mit der Natur, wie es Bio-Höfe seit Jahrzehnten vormachen, bietet eine echte Alternative zum herkömmlichen Entwicklungsmodell, das auf Vergrößerung und Intensivierung der Betriebe und auf Exporte setzt. Doch diese lebendige Alternative ist multinationalen Agrarkonzernen, die gleichzeitig Saatgut und dazugehörige Pestizide verkaufen, ein Dorn im Auge. Der aktuelle Vorstoß hin zu einer EU-Saatgutverordnung kann als ein Versuch gedeutet werden, alternative Wege an den Rand zu drängen, anstatt sie zu verallgemeinern.

Saatgutinitiativen

Die Basis für diesen alternativen Weg erhalten und vermehren Saatgutinitiativen wie die Arche Noah auf materieller Ebene – Sortenvielfalt, als auch auf ideeller Ebene – gärtnerisches und zunehmend auch politisches Wissen. Der Verein setzt dabei auf eine Kombination aus alten und neuen Formen, wie das Sortenhandbuch als „Herz“ der Arche Noah deutlich macht. Ein Netzwerk aus einigen hundert Mitgliedern des Vereins führt damit die lange Tradition von bäuerlicher Saatgutvermehrung und -tausch fort. Gleichzeitig schlagen diese leidenschaftlichen Gärtner und Bauern innovative Wege ein, um Bewährtes in die heutige Zeit hinüber zu retten, wie den Saatguttausch mittels Sortenhandbuch und internetbasierter Datenbank. Für Bürger gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, diesen Weg zu unterstützen.

Zur gemeinsamen Saatgut-Petition von Arche Noah und Global 2000: www.freievielfalt.at
Verein Arche Noah
Global 2000

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