Albumkritik: Wild Beasts – Present Tense

Wild Beasts – Present Tense

Bisher waren die Wild Beasts relativ unbekannt. Doch das wird sich mit ihrem vierten Album »Present Tense«, das am 24.2. erscheint, nun ändern.

Wild Beasts, Foto: Klaus Thymann

Past

2002, im Nordwesten von England, gründeten Hayden Thorpe (Gitarre, Gesang) und Ben Little (Gitarre) noch als Schüler eine Band namens Fauve (französisch für Raubtier). Tom Fleming (Bass, Gesang) und Chris Talbot (Schlagzeug) komplettieren die Band, die sich irgendwo zwischen Indie, Pop und Electro ansiedelt. Der Begriff »Fauves« steht für eine Künstlerbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, deren Werke von leuchtenden und groben Farbflächen geprägt sind, der wohl bekannteste Vertreter ist Henri Matisse. 2004 änderten sie ihren Bandnamen allerdings in die englische Übersetzung Wild Beasts.

Nach drei EPs in den ersten Jahren nahm 2006 das Label Bad Sneakers Recordsen die Wild Beasts unter Vertrag, 2008 wechselten sie allerdings zu Domino Records, wo sie heute noch sind. Im selben Jahr veröffentlichten sie ihr Debütalbum Limbo, Panto, im Jahr darauf erschien Two Dancers und 2011 brachten sie Smother heraus. In ihrer Heimat Großbritannien waren die vier jungen Männer bald zu einem Geheimtipp unter Musikexperten und -liebhabern avanciert, kamen in die Indiecharts und spielten einige BBC-Sessions. Über die Insel hinaus waren die Wahl-Londoner bisher allerdings nur wenigen ein Begriff – trotzdem touren sie seit Jahren durch Amerika, Australien und Europa.

Present Tense

Für ihr viertes Album Present Tense haben sich die Musiker aus Kendal mehr Zeit gelassen als bisher. »Wir haben Ewigkeiten damit verbracht individuelle Abschnitte zu programmieren und zusammenzusetzen,« meint Chris Talbot, »wobei wir vor allem das Gefühl hatten, dass jeder in der Band alles machen konnte, ohne an eine bestimmte Rolle gebunden zu sein.« Tom Fleming ergänzt: »Wir haben viel mit Sample-Instrumenten und Samplings unserer Stimmen gearbeitet, haben Sounds kreiert aus Dingen, die nicht mal Instrumente sind. Das war uns sehr wichtig. Statt die Sounds aus einer Kiste zu holen, die Sounds produziert, wollten wir Sounds direkt aus unserer Umgebung extrahieren. Das war eine sehr interessante, und für uns neue Art, zu arbeiten. Wir hatten aber auch nie eine vorgefertigte, statische Idee von dem, was wir sind oder sein wollen und auch nicht von dem, was wir werden oder tun wollen.«

Der Name Present Tense findet sich in keinem der elf Songs wieder, sondern ist vielmehr zentrales Thema des gesamten Albums. Es steht für das Selbstverständnis einer Band, die nicht stehenbleibt, sich nicht auf alten Lorbeeren ausruht, sich selbst und ihre Musik stets neu definiert. War Limbo, Panto musikalisch noch gezeichnet von einer Ungeschliffenheit und Ehrlichkeit, wirken die Wild Beasts mit jedem Album gereifter und durchdachter. Die Band legt sehr viel Wert darauf, Entscheidungen gemeinsam zu treffen: »Anders hat es keinen Sinn. Warum sollte man in einer Band sein, wenn man das nicht so macht? Es gibt genügend andere Möglichkeiten um Musik zu machen«, meint Hayden Thorpe.

Auch wenn die Wild Beasts schon bei ihrem letzten Album Smother einen elektronischeren Weg eingelegt hatten, ist es ihnen stets wichtig, ihren Songs selbst Leben einzuhauchen. »Heute wird eine Menge Musik von einem Typen mit einem Laptop produziert, der dann mit dem fertigen Ergebnis zu seiner Band geht und ihr sagt, was sie spielen sollen. Wir sind da eher altmodisch. Wir schwimmen ein bisschen in einem Pool voller Ideen, planschen etwas herum und machen ein riesen Chaos, bevor wir dann alles in eine geordnete Form bringen. Ich denke, man kann eine spezielle Atmosphäre für ein Album nur zufällig erzeugen, indem man Menschen erlaubt miteinander zu interagieren und mit Ideen um sich zu werfen«, so Hayden Thorpe.

Future

Bis vor kurzem spielte der österreichische Alternative-Sender FM4 nur einen Song der Wild Beasts – Devil’s Crayon von ihrem Debütalbum. Doch vor kurzen schafften sie es zum Artist of the Week und mit Wanderlust ist die Band zum ersten Mal auch in den österreichischen Charts platziert. Nicht nur deshalb traue ich mich zu behaupten, dass die Wild Beasts mit ihrem vierten Album nun endlich den schon längst verdienten Durchbruch schaffen.

Ich war bereits auf vier Wild Beasts-Konzerten und bin für keine andere Band weiter gereist: Die Briten haben mich zum ersten Mal in St. Gallen umgehauen, danach habe ich sie noch in Köln, Krems und Basel live erlebt. Einerseits freue ich mich selbstverständlich für die vier Jungs aus Kendal, da sie bisher auf ihren Welttourneen in kleinen Clubs wahrscheinlich nicht mehr als ein bisschen Taschengeld verdienten. Auf der anderen Seite habe ich es bisher immer sehr genossen, die Wild Beasts mit einem handerlesenen Publikum genießen zu können. Zweimal konnte ich mit dem Schlagzeuger Chris Talbot und dessen Freund und Band-Roadie längere und fast schon freundschaftliche Gespräche führen. Ich fürchte, mit dieser Intimsphäre ist es nun vorbei …

Fazit

Mit den knalligen Farben auf dem Cover und den vielen Soundfragmenten, die die Wild Beasts mit viel Feingefühl zu herausragenden Songs vereint haben, schufen sie ein Gesamtkunstwerk auf gewohnt hohem Niveau. Damit machen sie somit ihrem ursprünglichen Namen Fauve alle Ehre. Dieses Album strotzt wie bereits seine Vorgänger vor Erotik und Sex, wobei sich diese nicht aufdrängen, sondern erst beim Studieren der Texte wahrgenommen werden können. Die Symbiose aus der zerbrechlich wirkenden Falsettstimme von Hayden Thorpe und der warmen, kräftigen Tenorstimme von Tom Fleming wurde mit diesem Album auf die Spitze getrieben (Daughters).

Vier Dinge haben alle Alben, so unterschiedlich sie auch sind, gemeinsam: den unverkennbaren Gesang von Hayden Thorpe, die eingängigen Drumlines (A Dog’s Life) und das Thema »Sex« (Sweet Spot) und last but not least: Sie sind zu kurz.

Meine Anspieltipps
01: Wanderlust
03: Mekka
04: Sweet Spot
08: A Dogs Life

Live

Die Wild Beasts spielen am 9. April im Strom in München und am 12. April im Plaza in Zürich.

 

Foto: Klaus Thymann

Unsere Bewertung

10 Gesamt

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