Der Spielboden in Dornbirn lud erneut zum Poetry Slam

Poetry Slam im Spielboden Dornbirn

 Poetry Slam im Spielboden Dornbirn

Poesie-Schlacht

Am Karfreitag waren im Dornbirner Spielboden wieder elf Slammer zu Gast und begeisterten das Publikum mit ihrer Wortgewandtheit. Neben fünf geladenen Gästen trugen sechs freie Slammer ihre Texte vor und ließen die Zuhörer an den Gedanken teilhaben, die sie beschäftigen. Manche von ihnen standen das erste Mal auf der Bühne, was ihnen zusätzlichen Respekt verschaffte. Sind diese Texte doch meist sehr persönlich, braucht es eine gehörige Portion Mut sich auf diese Bühne zu stellen und dem ausverkauften Saal im Spielboden seine Gedanken zu präsentieren. Vor zehn Jahren fand im Spielboden übrigens bereits der erste Slam statt und begeistert seitdem jung und alt.

Mona, Elia, Pauline, Martin, Karin und Sophia schafften es zwar nicht ins Finale, unterhielten das Publikum aber trotzdem mit Texten über den Wunsch dem Freund beim Pissen zuzusehen, die Vorstellung einmal selbst Gott zu sein, Gedanken über die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, den Abwasch, Zahnräder in einem Uhrwerk oder Himbeeren und ihre Freunde.

Die anderen fünf Kandidaten durften in einer weiteren Runde um die Plätze im Finale kämpfen. Jeder hatte 6 Minuten Zeit, um seine Gedanken dem kritischen Publikum zu präsentieren – mit Erfolg.

Sven Kemmler

Der 46-Jährige Sven Kemmler ist ein deutscher Autor und Kabarettist. Er studierte Biologie und Management Science in Stirling (Schottland) und angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Für diverse Firmen wie Lufthansa oder Siemens arbeitete er im Bereich Marketing und war zuständig für Produktentwicklung und Produktverbesserungen, Innovationsmanagement, Werbetexte, Graphiken und vieles mehr.

Mit seinem Text über ein fiktives Videospiel für Erwachsene unterhielt er nicht nur die älteren Semester im Saal. Seine Ausführungen über „schlaue Sprüche“ für Punkte oder Gemüsekisten als Bezahlung waren so lebhaft erzählt, dass man sich fast vorstellen konnte, man wäre mitten drin in seinem „Game“. Dass wir anscheinend vermutlich alle so werden, wie unser altes Ich in diesem Spiel, lassen wir jetzt mal außen vor.

In seinem Finaltext hinterfragt Sven das Vorglühen der jüngeren Generation. Was der Sinn davon wäre, sich vor dem Betrinken zu betrinken, hätte er nicht verstanden. Für ihn galt bisher immer: „Erst brennt das Feuer mit Flamme und Rauch, dann glüht die Glut und das Grillgut zischt, gefolgt von der Asche, wenn alles erlischt.“

Alex Burkhard

An dem Tag als Alex Burkhard geboren wurde, kam in Deutsch­land »Ein Fisch namens Wanda« in die Kinos, im Staats­thea­ter am Gärt­ner­platz wurde »Luise Mil­ler« gespielt und Michael Jack­son spielte ein Kon­zert in London. So der Wahlmünchner selbst auf seiner Website. Der Mann mit den 11 E-Mail-Adressen auf seiner Website versteht es, das Publikum zu unterhalten.

Sein erster Text handelte von seiner spärlichen Kopfbehaarung und begann mit dem Satz: „Aus mei­ner Text­reihe »Buch­sta­ben mei­nes Nach­na­mens, die einer gewis­sen Iro­nie nicht ent­beh­ren«, heute: das H.“ Unglaublich witzig und mit einer saftigen Portion Selbstironie führt Alex sein Leben mit einer Halbglatze aus: Wie ihn der Besuch beim Frisör jedes Mal kränkt, wie schlussendlich sogar der Frisör Mitleid hat und ihm Gratis-Frisörbesuche auf Lebenszeit anbietet und wie er sich schlussendlich doch noch mit seinem Großvater mütterlicherseits versöhnt, denn er habe zwar dessen Haarpracht geerbt, für seine bloße Existenz auf der Welt habe dieser aber noch etwas gut bei ihm.

Alex erzählte uns im Finale eine Geschichte von einem Tag voller Cliffhanger. Da die Cliffhanger aus Breaking Bad ihn immer dazu gebracht hätten, sofort noch eine Folge ansehen zu wollen, beschloss er, das auch mal auszuprobieren: Er verließ die Bäckerei kurz vor der Bestellung, füllte ein Formular aus und ging kurz vor dem Unterschreiben, oder ging mitten in einer Unterhaltung auf die Toilette. Reizt einen fast selbst, das auch mal auszuprobieren.

Marvin Ruppert

Marvin Ruppert in der dritten Person über sich selbst: Marvin Ruppert, Jahrgang 1985, ist Autor, Lektor und Psychologe und eigentlich ein recht dufter Typ. Der Protagonist vieler seiner Geschichten lebt in Marburg, organisiert und moderiert dort die Lesebühne »Late-Night-Lesen«, kann stricken und Schwedisch sprechen und ist zweieinhalb Mal hessischer Poetry-Slam-Meister geworden. Manchmal haben diese Geschichten autobiografische Elemente.

Am Freitag erzählte er, nach einem kurzen Liebesgedicht über Fleischsalat und Schwarzbrot, von seinem letzten Klassentreffen. Er konnte allerdings mit seinen früheren Klassenkameraden, den ganzen Lenen (oder Leni, Lenae) und den Matthiasen nicht mehr so viel anfangen. Lustige Geschichte.

Bei seinem zweiten Text ließ sich Marvin von Georg Büchners Woyzek inspirieren und verwendet auch dessen Figur Marie. In 8 Teilen erzählt er die tragische Liebesgeschichte und beginnt dabei beim Schluss. 

Dominik Erhard

Dominik Erhard kommt aus München und ist bayerischer U20-Meister im Poetry Slam. Er amüsierte das Publikum mit seiner Theorie, dass das Leben ein Theaterstück wäre, in dem jeder seine ganz eigene Rolle hat. Doch er habe es satt davon, immer nur diese eine Rolle zu erfüllen. Er möchte mal aus der Reihe tanzen und gegen das Drehbuch agieren. Er erzählt vom Rennen auf dem Laufband an der Supermarktkasse und vom Steine neben den Teich werfen. Das würde zwar keine Kreise ziehen, aber wäre mal was Anderes.

Dominik appelliert in seinem Finaltext an die Sprache der heutigen Jugend. „Ich geh Lidl“ wäre für ihn einer der schlimmsten Sätze, die man sagen kann. Wer sich nicht mit dem Genitiv auseinandersetzen wollte, solle dies eben bleiben lassen. Aber ein Satz ohne Präpositionen sollte seiner Meinung nach aus keinem Munde kommen. Wir sind derselben Meinung.

Leonie Warnke

Leonie Warnke ist 22 Jahre jung und kommt aus Leipzig. Wenn sie nicht gerade um die Gunst des Publikums buhlt, in Zügen schläft oder die Welt erbummelt, studiert sie Kulturwissenschaften und beantwortet fleißig die Frage, “was man denn später damit mal macht.”

Ihr erster Text handelt von Pornos. Ja, auch Frauen schauen Pornos. Auf eindrucksvolle Weise vergleicht sie die „schmuddeligen Lustfilmchen“ mit „schnulzigen Liebesfilmen“ und wie realistisch diese beiden Genres das echte Leben wiedergeben. Herrlich direkt und unverblümt beschreibt sie einzelne Szenen aus bekannten Filmen wie Dirty Dancing oder Titanic, die ja so perfekt in unseren Alltag passen und vor allem beinahe ständig wirklich vorkommen. Außerdem haben wir den krassesten Anmachspruch, den wir je gehört haben, kennen gelernt: „Hast du mal 10 Minuten Zeit und 20 cm Platz?“

Leonie greift in ihrem zweiten Text ein beliebtes Slammer-Thema auf: Was kann man mit deinem Studium danach machen? Sehr witzig beschreibt sie, dass ein Leben als Busfahrerin ja doch eigentlich gar nicht so schlecht wäre und sie ihr Studium der Kulturwissenschaften deshalb trotzdem weiterverfolgen wird.

Die Gewinner

Nachdem Sven, Leonie und Dominik im Finale mit 30 Punkten alle die Höchstwertung bekamen und auch der Applaus zu keiner Entscheidung führte, gab es an diesem Abend drei Sieger. Und so endete der Abend mit einer Magnumflasche Sekt, drei strahlenden Gewinnern und einem zufriedenen Publikum, das vermutlich mit vielen neuen Gedanken den Weg nach Hause antrat.

 

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