Die Diskussionen um Conchita sind mir nicht mehr wurst!

Conchita Wurst

Es ist wahrscheinlich der erste Artikel mit meiner ganz persönlichen Meinung, den ich für unseren Blog bisher geschrieben habe. Ich versuche, auf dieser Plattform unparteiisch zu bleiben und auch bei Album- oder Konzert-Reviews meine persönliche Meinung nicht zu stark in den Vordergrund zu rücken. Doch was momentan rund um die österreichische Vertreterin für den Song Contest geschrieben wird, macht mich wirklich stutzig.

Ich war bisher der Meinung, in einem ziemlich toleranten Land zu leben – zumindest was »alternative Lebensgestaltung« angeht. Doch seit dem Bekanntwerden der österreichischen Kandidatin für den Eurovision Song Contest verlässt mich dieses Gefühl mehr und mehr.

Conchita Wurst muss von Haus aus eine dicke Haut haben, sonst hätte sie sich wohl kaum getraut, als Frau mit Bart an die Öffentlichkeit zu treten. Natürlich ist der Reiz des schnellen Ruhms (oder zumindest des Rummels) nicht von der Hand zu weisen, die Medien haben sich schließlich von Anfang an auf sie gestürzt. Auch lässt sich schwer abstreiten, dass ein geschicktes Marketing dahinter stecken muss, um eine Kunstfigur über mehrere Jahre hinweg populär zu halten. Ich unterstelle Fräulein Wurst, sich bewusst entschieden zu haben, Bart zu tragen – das polarisiert und wirft Fragen auf, macht aber Kommentare auf Facebook oder unter Online-Artikeln wie »Die soll sich endlich rasieren!« überflüssig.

Conchita Wurst

Genauso wie Conchita leuchtet auch mir ein, dass es dazugehört, negative Kritik zu ernten. Es wird u.a. bemängelt, sie stelle ihre Sexualität in den Vordergrund. Ja, bei einer Frau mit Bart denkt man automatisch schneller über ihre sexuelle Neigung nach als bei einer »normalen« Frau. Den Begriff »normal« stelle ich deshalb unter Anführungszeichen, weil er in diesem Fall für »herkömmlich« oder »gewohnt« stehen soll, ich käme nicht im Traum darauf, jemanden mit einer anderen als der heterosexuellen Einstellung als »abnormal« zu bezeichnen.

Trotz all den negativen Eindrücken, die ich momentan im Netz zu diesem Thema finde, möchte ich eine Sache positiv herausstreichen: Ich habe das Gefühl, dass die Nicht-Hetero-Vorarlberger sich bisher versteckt haben und das jetzt nicht mehr müssen oder wollen, denn ich sehe vor allem auf Konzerten und im Kino mehr Schwule und Lesben als noch vor zwei Jahren. Da ich nicht glaube, dass es ein momentaner Trend ist, das selbe Geschlecht auszuprobieren, muss sich wohl doch etwas an der Einstellung der Vorarlberger tun.

Am meisten verwundert hat mich in den letzten Tagen das Interview mit Alf Poier: »Wenn jemand nicht weiß, ob er ein Manderl oder ein Weiberl ist, dann gehört er eher zum Psychotherapeuten als zum Song Contest.« Wie kann ein Mann, der selbst mit einem nicht ernstzunehmenden Liedgut beim Song Contest antrat, so über andere herfallen? Er beschwert sich, Frau Wurst habe nicht einmal den Song selbstgeschrieben, aber »Die Hosn lebn im Woid | Die Kotzn in der Wiesn | Und die Kakerlaken | Die lebn hinter die Fliesn« hätte wahrscheinlich auch sie zusammengebracht.

 

Über die Qualität des Songs von Conchita Wurst möchte ich nicht viel sagen, ich mag solche Schnulzen nicht, denke aber, dass so ein Stück genau das Richtige für den Song Contest ist und durch ihr auffälliges Aussehen haben wir heuer so viel Publicity wie vor ein paar Jahren Lena Meyer-Landrut. Das Finale werde ich mir auch heuer wieder ansehen – das spannendste daran ist aber, zu sehen, ob wir die Platzierung der Länder richtig eingeschätzt haben. Meine Einschätzung: Platz 5 für Österreich, damit würde sie auch den sechsten Platz von Alf Poier schlagen.

Vielleicht gibt es einfach mehr »Hater«, die nicht müde werden, ihre Meinung überall kundzutun und die toleranten Menschen sagen einfach nichts dazu. Toleranz hat nämlich vor allem damit zu tun, nichts zu sagen. Man muss es nicht gutheißen, aber den Mitmenschen Freiraum zu geben und sie nicht zu verurteilen macht Toleranz aus.

Zum Abschluss der Kommentar, der mir während der Bildrecherche am besten gefallen hat:

Conchita Wurst

 Fotos: Screenshots

 

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