Soundsnoise Festival: Die Zaubersynthesizer

Soundsnoise Festival: Freitag

Das Soundsnoise Festival im Spielboden in Dornbirn – ein fulminanter Auftakt für den Festivalsommer 2014 in drei Akten.

Text: Felix Steininger

Ouvertüre

Ein frisches Bier serviert im Becher, prost, ein prüfender Blick, wer alles da ist, und dazu trockene, stark rhythmisierte Musik – zur Verfügung gestellt von der Bardame mit der lustigen Frisur. Techno, nicht zu anstrengend, sorgfältig ausgewählt – ich würde sagen nach Berliner Art. Perfekt, um in Stimmung zu kommen fürs Soundsnoise Festival. Eine Veranstaltung, bei der Qualität vor Popularität steht und endlich das breite Spektrum elektronischer Musik abbildet und offen ist für Performatives. In Vorarlberg!

Erster Akt

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Ein unscheinbarer, junger Mann mit Sloppymütze auf dem Kopf betritt die Bühne. Über ihm eine große Leinwand für Visuals. Die Leute beruhigen sich – und werden plötzlich von ziemlich wuchtigen Bässen erfasst und mitgerissen. Wandl bewegt sich musikalisch irgendwo zwischen Dubstep der ruhigeren Sorte und Experimental Hip Hop mit lyrischen Elementen – will heißen, er singt zu seinen eigenen Broken-Beats. Die Visuals versetzen den Betrachter zeitweise in Windows-XP-Bildschirmschoner-Welten und andere digitale Landschaften. Wandl legt die Latte für die kommenden Künstler extrem hoch: melancholisch, deep, saugeil. Die zweite Hälfte seines Sets ist Hip-Hop-lastiger und lässt einen das Bier nochmal so gut schmecken. Seine EP „Soon“ wird sofort gekauft.

Eine andere Facette derselben Musikgattung führt uns Jeremiah Jae zu Gehör. Stilecht mit Kapuzenpulli und Jogginghose. Der Anfang klingt noch irgendwie holprig. Er scheint sich noch eingrooven zu müssen. Seltsam für jemanden, der aus dem Umfeld von Flying Lotus stammt aber auch sympathisch. „My name is Jeremiah Jae by the way“, aha, Begrüßung, vielleicht geht es jetzt los. Die Beats rollen, grollen, wollen. Mehr. Er setzt das Mikro an. Und zeigt uns, wo Sprechgesang erfunden wurde. Freakige Samples aus alten Horror-Filmen und obskure Sitar-Klänge über dreckiger Low-Fi Elektronica malen Bilder vors innere Auge. Auch Tracks, die er mit Steven Ellison alias Flying Lotus alias Captain Murphy einspielte (und, die ich gerne zum Zähneputzen am Morgen höre), erfahren ihre österreichische Uraufführung in Dornbirn.

Julian & der Fux machen Party. Mit sehr tanzbaren, housy Tracks. Ein stilistischer Kontrapunkt zur Street Cred aus Chicago und St. Pölten. Handwerklich und kompositorisch sehr solide. Der Menge taugt’s. Für zusätzlichen Fun-Faktor sorgt das Frank-Zander-Timbre des MC.

Wir werden freundlich per Glocke in den großen Saal gebeten. Die Dänen When Saints Go Mashine haben bereits begonnen, die „Massen“ in ihren Bann zu ziehen. Mit entrücktem Gesang und atmosphärisch dichtem Synthie-Pop. Frontmann Nikolaj Manuel Vonsild wirkt etwas nervös, steigt immer von einem Bein aufs andere, kommuniziert kaum mit dem Publikum. Vielleicht ist es gerade das in der Musik aufgehobene (drohende) Unheil, was die Schönheit der Songs ausmacht. Auch die Hits vom vorletzten Album werden gespielt: Mannequin, Kelly etc. – ein kleines musikalisches Feuerwerk zum Ende von Tag eins. Bravo!

Zweiter Akt

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Sex Jams rocken die Bühne. Leidenschaftlich und mit dem nötigen theatralischen Gestus des die-Gitarre-zwischen-die-Beine-Nehmens. Und wie sie die Geräuschflächen per Hand an den Effektgeräten modulieren! Alles mit einer wundervollen Indie-Attitüde.

Jetzt sind I-Wolf & the Chainreactions dran. Vergangenes Jahr beim Poolbar-Festival überzeugte Wolfgang Schlögl das Publikum inklusive mich nicht so ganz. Das läuft dieses mal besser – obwohl er wieder das Album Flesh and Blood darbringt. Das mag an der neuen Bandbesetzung und der großen E-Harfe liegen, die ehrfurchtsgebietend auch für die gelungene musikalische Genreverwischung stehen darf. Erwähnte ich bereits das Festival-Bühnendesign aus aufgespannten Regenschirmen, die projiziert werden? Coole Sache! Oh, ein Newsletter von Warp ereilt mich soeben und weist auf eine gratis Download-Gelegenheit von Jeremiah Jaes Mixtape „Good Times“ hin. Gekauft!

Cid Rim bearbeitet den Synthesizer wie Kapazunder Jeremy Ellis – stilsicher und funky. Mit dem Unterschied, dass Cid Rim nicht zuletzt dank sleekem Oberlippenbart das Schönheits-Battle für sich entscheiden würde. Oh, ich bemerke, wie sich mein Tanzbein in Bewegung setzt. Geil!

Hände hoch und Hosen runter – zumindest der zweite Teil des Festival Mottos erklärt sich mir bei Fuckhead. Das Kollektiv rund um Dr. Didi Bruckmayr beleuchtet den dunklen Teil der österreichischen Volksseele. Freud lässt grüßen. Die Performance gleicht einem Ritual. Wie Derwische drehen sich die verkleideten Protagonisten, bevor es mit einer Choreographie zu Industrial-Klängen sehr intensiv zur Sache geht.

Dritter Akt

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Ein letztes Mal komprimierte digitale Musik-Kompetenz genießen mit Patrick Pulsinger und Ken Hayakawa. Techno steht auf dem Programm. „Professor“ Pulsinger beginnt statusgemäß knapp zwei Stunden verspätet und lässt keinen Zweifel an seiner Reputation als DJ, Produzent und Labelbetreiber aufkommen. Wir hören ein vielschichtiges, mal jazziges, mal knarzendes Set mit brachialer Wucht. Selbst die Bierflaschen zittern auf den Stehtischen Richtung Kante. Der Beamer wirft mit jedem Basston nur noch verwackelte Bilder auf die Bühne. Bierflaschen fliegen hinunter – die Hände hoch.

Fotos: Matthias Rhomberg

 

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