The Art of Bart

Foto: Markus Gmeiner (markusgmeiner.com), Typo: Cindy Konzett (konzettcindy.com), Styling: Lee Julie

Die vornehme Gesichtsbehaarung erfreut sich seit einiger Zeit wieder steigender Beliebtheit. Nun, da ein hübscher Bart am Gewinn des Eurovision Songcontest zumindest mitverantwortlich war, ist das ganze Land in »Bart-Euphorie«. 

Ein Statement mit Geschichte

In der Geschichte galten bärtige Männer als besonders weise, potent und maskulin. Weiters wurde ihnen oft ein hoher Gesellschaftsstatus zuteil. In der Antike Ägyptens trugen sowohl männliche als auch weibliche Herrscher falsche Bärte – meist aus Metall oder Tierhaar.

In der Neuzeit bestimmte der Herrscherhof, welche Barttracht gerade modern war. Unter Ludwig XIV. galt die Glattrasur als Standard, während nach Heinrich IV. sogar ein Bart benannt wurde. Seinen Höhepunkt fand der Bart im 19. Jahrhundert. Während der Revolutionen (1789 bis 1848) wurde er zu einem Zeichen der Volksnähe und des Radikalismus. Intellektuelle, wie zum Beispiel Karl Marx, trugen ihn als Zeichen der Kritik und der revolutionären Gesinnung. Im 18. Jahrhundert entdeckten auch Herrscher den verpönten Bart wieder – aus einem einfachen Grund: Sie wollten ihr Erscheinen den einfachen Bürgern anpassen.

Aus praktischen Gründen verschwanden mit dem Ersten Weltkrieg die bis dahin sehr beliebten Voll- und Backenbärte (Foto unten): Soldaten mussten bei Gas-angriffen ihre Gasmasken problemlos und schnell aufsetzen können, hierbei erwies sich der Bart als ein zu großes Hindernis.

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Examenskommission in Berlin am 28. Oktober 1893

 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nannten nur wenige Männer einen Bart ihr Eigen, berühmte Vertreter dieser Zeit sind Sigmund Freud, Salvador Dalí oder Charlie Chaplin.

Ab den wilden 60ern hatte jedes Jahrzehnt seinen eigenen Bart: Die jungen Rebellen trugen – wie seinerzeit Karl Marx – sowohl Haupt- als auch Gesichtbehaarung als Zeichen von Individualität und Querdenkertum lang und ungezähmt. Die 70er-Jahre waren von Backenbärten geprägt und in den 80ern war der Schnauz so etwas wie ein Sexsymbol (man denke an Tom Selleck). Was dann folgte, war die Antibewegung: In den 90er Jahren konnte Mann nur durch ein babypopogleiches Gesicht punkten, zehn Jahre später durfte die nackte Haut maximal durch einen Dreitagebart verdeckt werden.

Ein anhaltender Trend

Heute ist alles erlaubt, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Aktuell feiert jeder Bart sein Revival. Nun gut, das stimmt so nicht ganz, mit einem Hitlerbart (korrekt: Zweifingerbart) sollte Mann sich auch heute nicht in die Öffentlichkeit begeben, denn das würde mindestens für verstörte Blicke sorgen.
Noch vor ein paar Jahren hätte wohl niemand damit gerechnet, dass sich die Gesichtsfrisur als größter und verbreitetester Trend in der Männerwelt etablieren würde. Fast genauso überraschend ist das Andauern dieser vermeintlichen Modeerscheinung. Vorwiegend ist der Trend bei Herren zwischen 25 und 35 Jahren zu beobachten. Der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt! Man sieht Schnauzer, Vollbärte, Backenbärte, Kotelettenbärte, Kinnbärte, Zwirbelbärte und viele mehr.

Eine Lebenseinstellung

Der Begriff »Hipster« ist kein unbekannter. Manch einer fragt sich aber vielleicht, was genau der Unterschied zu einem »Dandy« ist. Der Männermode-Blog dappered.com beschäftigte sich bereits 2010 mit dieser Frage und kam zu einem nachvollziehbaren Ergebnis: Als Dandy bezeichnet man Männer, die einer Modeerscheinung folgen. Meist wirkt ihr Style aufgesetzt und willkürlich. Männer mit Stil allerdings tragen ausgewählte Kleidung und treten selbstbewusst auf, ohne arrogant zu wirken. Außerdem hat man bei ihnen – im Gegensatz zu Dandys – in keinem Moment das Gefühl, sie hätten sich verkleidet. Ein Hipster wird sich auch kaum mit dem modischen Einheitsbrei der Modeketten zufrieden geben und setzt Akzente mit Secondhand-Klamotten oder Fundstücken aus aller Welt – selbst wenn er sie nur online durchforstet.

Wie mit der Kleidung verhält es sich natürlich auch mit dem Bart. Es gibt Männer, bei denen man erst gar nicht auf die Idee kommt, dass sie jemals nackt im Gesicht gewesen sein könnten. Der Bart wird zur Selbstverständlichkeit. Er vermittelt eine Lebenseinstellung: Dieser Mann weiß, was er will und was ihm steht. Er hetzt Trends nicht hinterher – wenn er sie nicht selbst entdeckt hat, interessieren sie ihn erst gar nicht.

Wir möchten natürlich keinem Mann davon abraten, etwas Neues auszuprobieren, allerdings sollte man sich mit seinem Bart unbedingt wohl fühlen. Sonst können die Blicke, die junge Bartträger auf sich ziehen, schnell zur Tortur werden.

Wir lieben unseren Bart

Diese Männer tragen ihren Bart mit Stil. Für uns haben sie sich extra fotografieren lassen und uns ein paar haarige Details erzählt:

Fotos: Markus Gmeiner Starke Fotografie / Haare & Makeup: Lee Julie Rusch / Typografie: Cindy Konzett

 

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