Eine Bilderbuch-Karriere

Die Herren von Bilderbuch beglücken momentan Festivalgänger in ganz Europa mit ihrer außergewöhnlichen Musik. Unter anderem spielten sie diesen Sommer bereits am Southside in Neuhausen ob Eck, Kosmonaut Festival in Chemnitz, OpenAir St. Gallen, Donauinselfest in Wien, Rock for People in Tschechien – und in der poolbar in Feldkirch. Nach dem Konzert fand der Sänger und Frontman Maurice Ernst ein bisschen Zeit für uns.

Hat sich durch den Amadeus-Award für »Maschin« etwas an eurem Erfolg geändert?
Es ist ein Puzzlestück von einem großen Ganzen. Rein theoretisch ist es egal. Hätten wir ihn nicht gewonnen, würde das nichts an unseren Liedern ändern und es wären wahrscheinlich heute trotzdem genug Menschen zu unserem Konzert gekommen.
Unser Weg hat keine Awards als Etappenziele, aber es ehrt uns natürlich schon. Mein Opa hat irrsinnig viele Pokale im Eisstockschießen gewonnen, ich hab halt jetzt einen im Musikmachen gewonnen.
Auf einer kommerzielleren Art und Weise haben uns vielleicht Menschen, die eigentlich nichts damit am Hut haben, bewusster wahrgenommen. Auch meine Oma merkt: »Hey, da gehts um was! Das ist nicht nur Kinderkram.« Das ist Business, das was wir machen, hat Hand und Fuß. Insofern ist ein Award eine Referenz, die wahrscheinlich auch eine Auswirkung auf unser Booking hat.

Wir haben euch auf dem OpenAir St. Gallen gesehen. Euer Auftritt war großartig – selbst Casper hat euch gelobt: »Habt ihr Bilderbuch gesehen? Die waren klasse!«
Was?! Das hat er auf der Bühne gesagt? (grinst) Oida, er ist so nett, er hat sich das Konzert von der Seite aus angesehen. Unglaublich cooler Typ! Es ist schön, wenn man Leute hat, die beruflich bereits sehr weit sind, sich in einen verlieben und dann so fördern.

Ein Fan hat dir dort sogar eine Medaille überreicht!
Ja (lächelt), »Beste Band St. Gallen 2014«! Dass das da drauf steht, sah ich erst im Bus. Die Medaille hängt nun am Schreibtisch bei meinen Tour-Souvenirs – dahin kommen nur besondere Erinnerungsstücke. Ich will nicht enden wie Lemmy von Motörhead, der sammelt in seiner Wohnung angeblich alles, was er je bekommen hat.

Ihr habt zuletzt vor einem halben Jahr in Lustenau gespielt, war dieses Konzert anders als das in der poolbar?
Wir haben damals zum zweiten Mal im Carinisaal  gespielt und es war eher mager. Man hängt sich für 30 Leute natürlich genauso rein, aber wenn die Energie des Publikums auf die Band übergeht, gibt man mehr und das Ganze schaukelt sich hoch. Diesmal war es wie ein großer Einstand in Vorarlberg – sehr herzlich und schön. Wenn man so viel zurück kriegt, macht es gleich doppelt so viel Spaß.
Bilderbuch in der poolbar, Foto: Matthias Rhomberg

Ihr habt euren Superhit »Maschin« heute zweimal gespielt. Nerven dich die eigenen Lieder irgendwann?
Als Künstler muss man sich die Freiheit nehmen, Songs live zu interpretieren – so macht das Jack White zum Beispiel auch. Singt man ein Stück einmal wild, einmal sanft und einmal doch so wie auf Platte, macht es die Sache erst richtig interessant. Du kannst deine Lieder sozusagen jeden Abend neu gestalten, sofern du die Lieder beherrscht. Es macht unglaublich viel Freude, den Songs auf der Bühne z. B. mal mehr Blues oder Groove zu geben.

Ihr seid also sehr spontan bei euren Auftritten?
Wir sind keine Band, die von A-Z durchprogrammiert ist. Natürlich kann es auch bei uns mal typische Konzertparts geben wie »Und jetzt alle nach links!«, aber dann ist das nicht ausgemacht, sondern geschieht aus dem Moment heraus. Grundsätzlich ist aber jeder Auftritt anders. Das eine Mal singt man nicht so gut, wie man es gerne würde, das andere Mal ist ein Gitarrensolo besonders cool.

Die Fans merken das ja zum Glück nicht wirklich, da ihnen der Vergleich fehlt, oder?
Wenn wir von der Bühne gehen und uns über die ausgefallene Gitarre beim dritten Song ärgern, kommen Fans her, um uns für den super Auftritt zu danken – was tust du dann? Erfahrene Musiker sagen dann immer: »Sag nie einem zufriedenen Fan, dass du selbst mit dem Konzert nicht zufrieden warst.«
Es gibt eine unbekannte Note im Live-Business, die kann keiner so genau beschreiben: Wenn dein Publikum dich super findet, ist das herrlich. Aber du weißt für dich selber, wären wir besser gewesen, hätten wir uns wohler gefühlt, wäre es meistens für die Fans auch geiler gewesen.

Mike war auf dem OpenAir St. Gallen nach Peter Fox eindeutig der Mann mit dem Most Sexiest Hüftschwung. Neben seinen sind auch deine Bewegungen sehr speziell. Eignet man sich so etwas an oder ergibt sich das einfach?
Wir haben nie eine Choreografie ausgemacht, aber nach 300 Auftritten groovt man sich irgendwann auf Bewegungen ein. Wenn Mike Gitarre spielt, dann geht das durch meinen Kopf, als würde ich es spielen. Wenn ich etwas singe, dann spielt Mike Gitarre dazu, als würde er das gerade sagen.
Ich habe mir nie etwas zu meinen Bewegungen auf der Bühne überlegt. Das passiert einfach, irgendwann bist du du. Vor drei Jahren habe ich damit begonnen, meine Hände theatralisch nach oben zu geben – das hat sich mittlerweile irgendwie zu meinem Markenzeichen etabliert.

Weil wir gerade beim Thema sind: Warum redest du auf der Bühne hochdeutsch?
Das ganze Konzert soll natürlich echt und nicht theateresk sein, aber zur Liedsprache passt meiner Meinung nach Hochdeutsch besser. Außerdem hat man länger Zeit, sich die richtigen Formulierungen zu überlegen. Es ist aber nicht alles auf Hochdeutsch – auch in unseren Liedern nicht. Manche Sätze betone ich aber auch bewusst exaltiert. Es ist also eine Spielerei mit der Sprache an sich.

Verstehst du unseren Dialekt eigentlich?
Es ist schon hart! (lacht) Ich komme ja ursprünglich aus Oberösterreich, bin also ein bisschen ruraler geprägt, aber vorarlbergerisch ist schon eine ganz eigene Nummer. »Gsi« und so macht uns jedes Mal, wenn wir da sind, extrem viel Spaß, weil es eine Herausforderung ist.

Wir möchten die Vorarlberger mit unserer Initiative »Rettet das Gsi« wieder für den Dialekt sensibilisieren. Kannst du dir etwas unter dem Begriff »Füdlarstorrar« vorstellen?
Ich sag jetzt einfach das, was mir als erstes in den Sinn kommt: Der Füdlarstorrar ist ein legendärer Stein in Vorarlberg, zu dem die Bürger einmal jährlich pilgern und Blumen davorlegen.
Was ist es wirklich?

Naja, das ist eine Bezeichnung für einen Typen, der sich ständig am Arsch kratzt.
Ich weiß nicht, ob es irgendwo anders überhaupt ein Vokabular für so jemanden gibt. (lacht) Egal ob wir gerade in Bayern, der Schweiz oder Klagenfurt sind: Wir horchen genauer hin, versuchen irgendetwas herauszuhören und amüsieren uns über die Eigenheiten der jeweiligen Sprache.

Fotos: Matthias Rhomberg und Niko Osternamm, INK MUSIC

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