Albumkritik: HMBC – Hearad

HMBC: Hearad

Seit dem letzten Studioalbum von HMBC ist viel Wasser die Bregenzer Ach heruntergeflossen. Die fünf Bregenzerwälder waren quasi nonstop auf Tour durch Europa und Amerika. Dazwischen haben sie Zeit gefunden, sich in Ruhe auf ihr nächstes Album vorzubereiten.

Hören

Mit »Hearad« ladet der HMBC den Hörer ein, auf ihre Seite zu kommen, gleichzeitig versteckt sich auch das englische Wort »hear« im Titel und zu hören bekommt man einiges. Die Texte am fünften Album des holstuonarmusigbigbandclub sind so vielseitig wie ihre Musiker: Philipp Lingg singt von Nasen, psychischen und physischen Grenzen, begehrenswerten Frauen, dem wilden Westen und sozialen Netzwerken. Das letzte Studioalbum »Lieble« war musikalisch zwar genauso breit gefächert wie »Hearad«, doch statt volkstümlichen Stücken findet man nun vermehrt Pop, Reggae, Jazz und Funk.

Das Album beginnt mit einer schnellen und groovigen Nummer namens »Kilbe«. Für die Zeile »Kascht mor amaul uf d’Kilbe ku ga blauso« hat Philipp zwei Sprichwörter aus dem Bregenzerwald miteinander kombiniert. Sowohl »Du kascht mor amoul uf d’Kilbe ku« als auch »Du kascht mi am Füüdlar blauso« bedeuten »Du kannst mich gern haben.« Damit will Philipp allen Gerüchteverbreitern und Schlechtrecherchieren ein für allemal sagen, dass sie die Vorurteile, mit denen die holstuonarmusigbigbandclub-Musiker oftmals konfrontiert werden, nicht berühren, sondern vielmehr in ihrer Arbeit bestärken. Wenn sie überhaupt noch hinhören.

In einem Interview erwähnt Philipp Lingg einige Male, dass der HMBC mit diesem Album gewachsen ist. Das liegt auch an der Entstehungsart von »Hearad«: Die Wälder haben sich ein Jahr Zeit genommen und mit einem strukturiertem Zeitplan gearbeitet. Der Stress der Vorgängeralben ist ausgeblieben und es blieb Zeit, Texte zu überdenken, einzelne Wörter immer wieder zu ändern und Melodien zu verfeinern. Einziger Nachteil: Es fällt einem schwerer, ein Stück als »fertig« zu bezeichnen.

Tasten

Der Wunsch, die Angebetete zu berühren, spielt in »Diskokatz« eine große Rolle. Man kann das Verlangen von Philipp förmlich spüren.

Wie es sich anfühlt, wenn man alles im letzten Moment erledigt, beschreibt Stefan Bär in »Hüt odr moon«. Seine Bandkollegen bezeichnen ihn als jemanden, der lieber alles heute als morgen hinter sich bringt, wohingegen die anderen HMBCler unangenehme Dinge lieber bis zum letzten Moment vor sich herschieben. In diesem Track hört man übrigens das einzige Tuba-Solo des Albums.

Riechen

Laut #hearadfacts hat Philipp Lingg eine Nasenphobie, weswegen er diesem Körperteil sogar einen ganzen Song widmet. Seine Ode an die »Naso« ist gewiss eines der ungewöhnlichsten Lieder: »Dine Naso ischt das Beschte was meor je passiert ischt, je passiert ischt wundorbar.«

Sehen

Beim Schreiben von »Der dunkle Wald« dachte Andreas Broger an die fabelhaften Landschaften in Herr der Ringe. Der etwas düstere Einstieg wird von Flöte und Saxophon aufgelockert und mündet in Bartholomäus’ mexikanischen Mariachiklängen. Mitten drinnen hört man ein wildes Harmonikasolo von Philipp. Musikalisch ist dieses Instrumental bestimmt eines der vielseitigsten Stücke auf »Hearad«.

Schmecken

Überraschender Weise bildet ein Grunge-Instrumental den Abschluss und ohne es zu merken, fange ich plötzlich an, zu den schweren Gitarrenklängen »Sweet Dreams« (in der Version von Marilyn Manson) zu singen. In den auf YouTube ansehen sieht man Johannes im Musikstudio beatboxen.

Fazit

Für viele Fans war bisher es nicht so einfach, HMBC-Alben am Stück laufen zu lassen. Vor allem die volkstümlichen Nummern sind zwar live großartig anzuhören und -sehen, aber auf CD waren sie irgendwie störend. Der HMBC selbst schreibt, dass ihre Musik »[…] diesmal nicht mehr ganz so Kraut-und-Rüben-mäßig alle Stile durchkämmt […]« und das erleichtert den Genuss des Album für mich wesentlich. Wer nach einem »Partyhit« á la »Vo Mello bis ge Schoppornou« sucht, mag vielleicht trotzdem enttäuscht sein. Andreas Broger schreibt im Vorwort des Booklets: »Schön zu singen ist auch wichtig. Es bringt uns zwar nicht ins Hitradio aber dafür vielleicht woanders hin …« Der HMBC hat sich mit seinem schönen Gesang in mein Herz gesungen, außerdem bin ich beeindruckt von dem scheinbar leichten Spiel, wänglische (= wälderisch und englisch) Texte und so vielschichtige Kompositionen zu schreiben.

Meine Anspieltipps
2: Please don’t call me
3: Wild West Coast of Austria
4: An Hag
7: Naso
10: Diskokatz
12: The World

HMBC_live_StefanHoefel

Foto: Stefan Höfel

 

Live

Der HMBC kann übrigens am 5. September in Dornbirn (Messehalle) und am 6. September in Feldkirch (Media Markt) mit – fast – allen Sinnen wahrgenommen werden.

 

Coverfotos: Adolf Bereuter

Unsere Bewertung

7

Hearad gheat gheat

  • Florian Zangerl sagt:

    Hallo Conny,
    ich höre gerade das Album und finde, Du hast eine schöne und kluge Kritik geschrieben. Nur bei der Passage komm ich nicht mit: „Damit will Philipp allen Gerüchteverbreitern und Schlechtrecherchieren ein für allemal sagen, dass sie die Vorurteile, mit denen die holstuonarmusigbigbandclub-Musiker oftmals konfrontiert werden, nicht berühren, sondern vielmehr in ihrer Arbeit bestärken.“
    Was gibts denn da für Vorurteile? Ich hab bisher noch niemanden getroffen, der die Buaba nicht für briliant und außerordentlich talentiert hält.

    • Cornelia Bachträgl sagt:

      Hallo Florian, ich beziehe mich mit dieser Aussage vor allem auf die kurzen Infovideos (Hearadfacts), die HMBC selbst veröffentlich hat. Außerdem auf die Presseinformationen, die ich erhalten habe. Ich selbst habe auch noch kein böses Wort über die Herren gehört, aber sie scheinen oft mit so Sätzen wie »Die saufen doch alle.« etc. konfrontiert zu werden. Aber das Tourleben ist kein Zuckerschlecken, nur sieht der Außenstehende die harte Arbeit, die dahintersteckt oft nicht und denkt sich vielleicht, dass es so etwas wie eine Neverending-Schullandreise sein muss.

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