Ania Orlinski: »Öffentliches Stillen erzeugt ohne Frage Aufmerksamkeit.«

LM Stillschal
Stillen war 2014 ein großes öffentliches Thema: Im März gab es schon erste Stillproteste, nachdem eine stillende Mutter auf Facebook als »Flittchen« bezeichnet wurde. Ein halbes Jahr später wurde eine Mutter in einem britischen Restaurant gebeten, diskreter zu stillen. Alyssa Milano veröffentlichte auf Instagram als Reaktion ein Foto von sich beim Stillen und Olivia Wilde ließ sich  sogar beim Stillen für die Glamour ablichten. Wir sprachen mit der Designerin Ania Orlinski von Mania über ihre Erfahrungen mit dem Stillen und die daraus entstandene Idee, Mode für frisch gebackene Mütter zu entwerfen.

 

Hast du das Gefühl, dass stillende Frauen diskriminiert werden?
Eine Frau, die öffentlich stillt, erzeugt ohne Frage Aufmerksamkeit. Aus Berichten meiner Kundinnen weiß ich, dass die Resonanz der Mitmenschen dabei sehr unterschiedlich ausfällt. Es gibt sie, die tollen Cafés, die einer stillenden Frau nicht nur eine bequeme Sitzecke, sondern auch zusätzlich ein kostenfreies Glas Wasser anbieten. Ebenso sind mir Vorkommnisse bekannt, wo eine stillende Frau gebeten wurde das Lokal zu verlassen. Meiner eigenen Erfahrung nach sind die meisten Menschen einfach überfordert, wenn sie eine „freizügig“ Stillende in der Öffentlichkeit sehen und reagieren weitläufig mit beschämten Wegschauen. So wurde auch ich von negativen Erfahrungen in meiner Stillzeit verschont. Das Wissen jedoch, dass es ein Thema ist, das polarisiert, führte dazu, dass ich mich selbst nicht wohl fühlte vor den Augen fremder Menschen zu stillen. Stillen wird in unserer Gesellschaft als etwas Intimes wahrgenommen, als ein Moment der nur Mutter und Baby gehört und ich wollte weder mich, noch andere Menschen damit in Verlegenheit bringen.

Es stimmt, ich weiß auch meistens nicht, wie ich am besten reagiere, wenn eine Mutter »ungeniert« in aller Öffentlichkeit ihre Brüste auspackt – egal ob es sich dabei um eine Freundin handelt oder um eine fremde Frau. Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, einen Stillschal zu designen?
Mein Sohn kam im Sommer 2011 zur Welt. Die warmen Temperaturen lockten mich mit Baby an die frische Luft. Doch der dreistündige Stillrhythmus ermöglichte nur Ausflüge im begrenzten Umkreis. Die Vorstellung, mich öffentlich hinzusetzen, auszupacken und mein Baby zu stillen, weckte in mir keine schönen Gefühle. Ich wollte mein Baby stillen, ja, aber ich wollte diesen intimen Moment zwischen uns beiden nicht öffentlich zur Schau stellen. Im Internet fand ich leider, bis auf amerikanische Stillschürzen, die nicht meinem Geschmack entsprachen, kein Produkt, das mein Problem lösen konnte. Ich berichtete meiner Mama davon und von der Idee, wie eine Lösung aussehen könnte. Ich kaufte Stoffe ein, sie nähte mir den Prototyp des heutigen Stillschals. So ausgestattet wagte ich den ersten längeren Ausflug. Ich kann mich gut an eine ältere Dame erinnern, die mir ein großes Kompliment für das schicke Tuch machte und meinte, sie hätte sich gewünscht, so etwas hätte es auch zu ihrer Zeit schon gegeben.

Mania Stillschal

Ich finde die Idee auch großartig! Und was bedeutet der Name deines Labels »Mania«?
Als ich kurze Zeit nach dem Entwerfen der ersten Stillschals anfing, mir Gedanken über ein mögliches Label für mein Produkt zu machen, wollte ich den Ursprung festhalten. Es lag nah, den ersten Buchstaben meines Sohnes mit dem meinen zu verknüpfen. So entstand aus den Namen „Mark“ und „ania“ das Label „Mania“.

Anna mit Sohn

Eine wirklich schöne Herangehensweise! Welche Vorteile bietest du mit deiner Stillmodenkollektion?
In meiner eigenen Stillzeit fiel mir auf, dass die auf dem Markt angebotene Stillmode oftmals auf die Zeit der Schwangerschaft und der Stillzeit ausgerichtet ist. Das ärgerte mich, denn in der Stillzeit war der Babybauch ja schon weg und die Kleidungsstücke hingen an mir wie Säcke, vorne länger als hinten. Auf der anderen Seite fand ich es überflüssig und unvorteilhaft ein Schwangerschaftskleid mit Brustzugängen zu besitzen! In allererster Linie war es mir also wichtig, dass meine Stillmode eine Symbiose aus Funktionalität und Ästhetik darstellt. Kleidungsstücke, die natürlich das Stillen vereinfachen, gleichzeitig aber auch die weibliche Figur nach der Schwangerschaft vorteilhaft betonen und zudem nachhaltig sind. Es war mir ein Anliegen Kleidungsstücke zu entwickeln, die auch nach der Stillzeit gerne weiter von den Mamas getragen werden, weil die praktische Seite optisch nicht dominant im Vordergrund steht und weil sich Frau in den weichen Stoffen einfach nur wohl fühlt.

Mania Stillkleid

Und welche Kleidungsstücke für stillende Frauen hast du in deinem Sortiment?
Neben unseren Stillschals, die in zahlreichen Farben, Mustern und in zwei Stoffvarianten erhältlich sind, biete ich den stillenden Frauen auch Stillkleider, Stilltunikas, Stillblusen mit passendem Poncho und Stillshirts an. Bei der Ausweitung unseres Sortiments höre ich auf das Feedback meiner Kundinnen. So wurde ich immer wieder gebeten auch für die Nacht etwas Hübsches zu entwickeln. Seit Sommer 2014 haben wir nun auch Stillnachthemden im Sortiment.

Mania Stillnachthemd

Was hast eigentlich du vor deiner Karenz gemacht?
Ich bin Betriebswirtin und habe in den letzten Jahren vor der Babypause in der Personalentwicklung gearbeitet. Ich reiste zwischen Hamburg und München, Berlin und Düsseldorf und führte hauptsächlich für und mit Studenten Schulungen im Bereich der Arbeitsmarktthemen durch. Bewerbertrainings, Accessment-Center Simulationen, Präsentation- und Kommunikationstrainings waren meine Schwerpunkte. Eine Aufgabe, die mir sehr viel Freude bereitete und viel Freiraum bot, meine Ideen umzusetzen. Allerdings war es auch ein Job, der auf Grund der hohen Anforderung an Mobilität mit einem Kleinkind nicht zu vereinbaren war.

Das kann ich gut verstehen. Würdest du denn gerne irgendwann in deinen alten Beruf zurückgehen?
Das Schöne an meiner Selbständigkeit, neben der Möglichkeit mich kreativ auszuleben, ist die Tatsache, dass sie mir Freiraum für andere Dinge bietet. Da wir in der Zwischenzeit ein kleines Familienunternehmen sind und die operativen Aufgaben auf mehrere Personen verteilt sind, kann ich mich auch anderen Themen widmen. So habe ich beispielsweise im Sommer 2014 mit einem Blog gestartet, welcher sich dem Thema „berufliche Neuorientierung in der Elternzeit“ widmet. Ich möchte Frauen inspirieren und motivieren die Karenzzeit auch für sich selbst zu nutzen und falls erwünscht, das Berufsleben an das neue Leben mit Baby anpassen. Darüber hinaus arbeite ich seit zwei Jahren als selbständiger Coach und unterstütze Menschen bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Ein Thema, das zukünftig auch mehr Raum in meinem Leben einnehmen könnte.

Und wie hat sich die Geburt deines Sohnes sonst auf dein Leben ausgewirkt?
Nun, an sich ist heute nichts mehr so, wie es vor der Geburt meines Sohnes war. Damals lebte ich in Frankfurt, heute in einem kleinen Städtchen im Schwarzwald. Da ich fast von Anfang an alleinerziehend war, entschied ich mich für den geografischen Wechsel und die Nähe zu meinen Eltern, die mich bei der Betreuung von meinem Sohn tatkräftig unterstützen. Anstatt einer Arbeit in einem Konzern mit vielen Kollegen, festgelegten Leistungskennzahlen und einer Arbeitszeit von Montag bis Freitag, arbeite ich heute von Zuhause aus, zeitlich orientiert an den Öffnungszeiten der Kita. Meine Kollegen sind mein Bruder und meine Eltern. Möchte ich mich austauschen, über neue Ideen diskutieren oder einfach eine „Out of Box“ Sichtweise einholen, so nehme ich Freunde mit ins Boot. Eines verbindet jedoch mein altes und mein neues Berufsleben. Ich mache etwas, das mir unheimlich viel Freude bereitet, das mir liegt und mir den Raum bietet, meine Kreativität auszuleben. Und dennoch ist mein Leben so deutlich reizvoller. Ich habe einen kleinen Sonnenschein an meiner Seite, ohne den ich so viele neue Erfahrungen nicht hätte machen können. Ich bin jetzt schon gespannt, was die Zukunft an Projekten für uns bereit hält.

 

Fotos: Anna Orlinski

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