Albumkritik: Bilderbuch – Schick Schock

Bilderbuch: SCHICK SCHOCK

Österreichs Musiklandschaft hat momentan sehr viel Gutes zu bieten und Bilderbuch lässt nach Falco endlich wieder Hoffnung auf internationalen Erfolg aufkommen. Denn wer bei Bilderbuch von einem „Hype“ spricht, hat entweder nicht verstanden, was ein Hype ist (Duden: Welle oberflächlicher Begeisterung; Rummel) oder unterschätzt die Band um Maurice Ernst bis auf alle Maßen. Das Album SCHICK SCHOCK erscheint noch im Februar und wir haben es vorab gehört.

Bilderbuch, Foto: Christoph Pöll

Foto: Christoph Pöll

 

Bilderbuch aus Wien

Bilderbuch haben vor neun Jahren angefangen, gemeinsam Musik zu machen. Damals noch in einer anderen Besetzung – heute besteht die Band aus Maurice Ernst (Gesang, Gitarre), Michael Krammer (Gitarre seit 2008), Peter Horazdovsky (Bass und Keyboard) und Philipp Scheibl (Schlagzeug seit 2012). Die ursprüngliche Idee, Märchenbücher zu vertonen, führen die Jungs darauf zurück, inmitten der Pubertät der Kindheit deutlich näher gewesen zu sein, als dem Erwachsenenalter. Da konnte man noch nicht von Liebeskummer und dergleichen singen. Mittlerweile können sie ausreichend auf Lebenserfahrung zurückgreifen. Auch scheinen sie gemerkt zu haben, dass es schon zu viele „gschleckte“ Typen und Vorzeigeschwiegersöhnchen im Musikbusiness gibt und tauschten Jesussandalen gegen Turnschuhe und Pullover gegen wildgemusterte weite Hemden. Dieser extravagante Kleidungsstil brachte Maurice 2014 sogar den Titel „Bestangezogener Mann Österreichs“ ein.

Spätestens wenn man Bilderbuch einmal live gesehen hat, muss man von der Leidenschaft der oberösterreichischen Musiker überzeugt sein. Maurice ist der perfekte Entertainer: Er strahlt pure Freude aus, spricht viel mit dem Publikum, lässt sich von der Musik treiben und sorgt mit seinem eigenwilligen Tanzstil für aufmerksame Blicke  – wenn nicht gerade sein Bandkollege Michael Kramer „Sex“ mit seiner Gitarre hat.

Bilderbuch, Foto: Daliah Spiegel

Foto: Daliah Spiegel

 

SCHICK SCHOCK

Willkommen im Dschungel ist der gut gewählte Opener des dritten Bilderbuch-Albums SCHICK SCHOCK.

Es kommt ein neuer Tanz auf / Tief im Dschungel / Ich mein ich tanz ihn a-auch / Tief im Dschungel

Kopf und Füße wippen unweigerlich im Takt mit. Gekonnt eingeworfene englische Begriffe in deutsche Texte – das kennt man von Falco und Ja, Panik – sind ein wichtiges Stilmittel in Bilderbuch-Songs: „Hol die Police“ oder „Das Government ruft zur Fütterung auf.“ Text, Rhythmus und Melodie werden eins.

Der zweite Song Feinste Seide ist, wie vier weitere Songs auf dem Album, ein bereits veröffentlichter. Das erhöht den Groove-Faktor erheblich. Man muss sich nicht erst aneinander gewöhnen, man kennt sich bereits.

Mit Track 3 OM geht es weiter. Anfang des Jahres war die vierte Vorab-Singleauskopplung an der Spitze der FM4-Charts. Ist Bilderbuch nun unter die Esoteriker gegangen? Kann sein, aber im Song geht es um mehr, um Scheinheiligkeit zum Beispiel.

Ich sagte: „Mädel / Komm mit mir da hin! / Bling, Bling, Bling und sing: / Rum-Kokos für’s Karma / Relax and don’t pay tax“ 

Die signifikante Bassline aus Spliff (Titel Nr. 4) geht ins Ohr und doch ist es ein eher untypischer Bilderbuch-Song. Ob „alle Kinder“ wissen, dass sie da einen Joint besingen?

Die gewohnt rockigen Gitarren sind mit der fünften Nummer Schick Schock wieder zurück. Der Refrain und das Outro aber lassen Raum für HipHop-Beats.

Eine der eingängigsten Konzert-Nummern nennt sich Softdrink und war bisher noch auf keinem Album zu finden. Nun hat der Song auf SCHICK SCHOCK als Nummer 6 einen würdigen Platz bekommen. Kühle Limonade oder heißer Sex?

Du prickelst so soft / Süße, sei soft zu mir / Soft / Eiskalt und so soft / So fresh und so soft / Das Perlen auf deiner Haut / Also mach dich auf

Zweideutigkeit ist laut eigenen Aussagen zu wenig für den Sänger – es dürfen ruhig drei oder mehr Schichten sein, die man durchbrechen muss, um den Text zu entschlüsseln.

Im Video zum wohl bekanntesten Lied Maschin (Track 7) besingt Maurice als Hauptdarsteller einen knallgelben Lamborghini – doch nicht nur dort: Auch im Song „OM“ wird die vermeintliche Schwanzverlängerung genannt. (Ob er die Marke bewusst falsch ausspricht, um die übertriebene Erwartungshaltung einer persönlichen Marktsteigerung nur aufgrund eines Autos auszudrücken, wissen wir nicht.)  Maurice antwortete in einem Interview einmal auf die Frage, ob ihm Autos wichtig sind: „Das Positivste am Autos ist, dass es ein kleiner persönlicher Raum für Musik ist. Zumindest war das für mich immer so.“

Barry Manilow, Titel 8, ist eine ruhige, soulige Nummer.

Die neunte Nummer kennen Bilderbuch-Konzertbesucher auch schon: Rosen Zum Plafond (Besser Wenn Du Gehst). Die Begleitung auf der Querflöte sollte es auch auf die Bühne schaffen!

Der Refrain im Song Plansch (Track 10) lässt vermuten, dass es sich nicht einfach nur um eine Ode an das kühle Nass handelt. Liest man den Songtext durch, springt einem das englische Wort „Plunge“ ins Auge, das auch „Börsensturz“ bedeutet.

Wenn Du Angst vor der Zukunft hast / Kauf Dir einen Pool / Plansch! / Wenn Du zu viel Geld hast / Schmeiß es in den Pool / Plunge!

Geschickt verpackte Gesellschaftskritik? Ungeachtet dessen lässt sich nicht leugnen, dass Maurice eine Gabe hat, mit Worten zu spielen und Synonyme zu erfinden. Die (Aus-)Sprache spielt nicht nur in den Lyrics eine tragende Rolle, auch bei Auftritten wählt Maurice seine Worte mit Sorgfalt und inszeniert jede Songankündigung (siehe Interview mit Maurice).

Der vorletzte Song Gigolo (12) erinnert mich an meine Jugend, die ich gerne mit Nintendo-Spielen verbracht hab. Vielleicht liegt es an dem Geräusch, das so klingt, als würde man gerade auf Yoshi springen. Für mich einer der besten (unveröffentlichten) Songs auf SCHICK SCHOCK.

Gibraltar bildet das Schlusslicht auf dem dritten Album von Bilderbuch. Eine langsame Nummer mit HipHop-Einflüssen. Ein schwermütiger Song über eine Distanzbeziehung. Abschied mit Applaus.

Album-Release

Das Album SCHICK SCHOCK erscheint am 20. Februar auf ihrem selbstgegründeten Label Maschin Records.

Fazit

SCHICK SCHOCK ist wie ein Zusammenkommen von Musiklegenden: Falco, Kanye West, Notorious B.I.G, die Red Hot Chili Peppers, Prince und Phoenix treffen da aufeinander. Kayne West nennen die Österreicher überhaupt gerne und oft als Inspirationsquelle: Sein letztes Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ motivierte Bilderbuch dazu, neue Genres und Einflüsse zuzulassen.

In zwei Songs glaube ich, Apple Sounds wahrgenommen zu haben: am Beginn von „Schick Schock“ das Geräusch der Lautstärkenregelung am Mac und im Intro von „Softdrink“ den Nachrichtenton „Notiz“ am iPhone/iPad.

Das Album ist vollgepackt mit Hits. Ich hoffe, dass Bilderbuch trotzdem weiterhin auf ihren Konzerten Maschin doppelt spielen: Normal in der Setlist und als letzte Zugabe.

Meine Anspieltipps
1. Willkommen Im Dschungel
3. OM
6. Softdrink
7. Maschin
10. Plansch!
11. Gigolo

Fotos: Christoph Pöll, Daliah Spiegel und Niko Ostermann

Unsere Bewertung

8 Gesamt

Allerfeinste Seide!

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