Albumkritik: Villagers – Darling Arithmetic

Villagers: Darling Arithmetic

Dass Irland mit seinen musikalischen Kindern nicht hinter dem Berg halten muss, ist wohl allgemein bekannt. Größen wie Sinnéad O’Connor, Bono und Rea Garvey – um nur mal eine sehr kleine Auswahl zu droppen – haben die irische Musikszene weltweit bekannt gemacht. Seit 2010 reiht sich ein weiterer Name m die Erfolgsgeschichte des Irish Folk: Conor O’Brien alias Villagers hat sich mit seinem Talent als Singer/Songwriter nicht nur den ein oder anderen Award verdient, sondern internationales Interesse auf allen medialen Ebenen hervorgerufen. Sein neues Album Darling Arithmetic hat auch unsere Aufmerksamkeit geweckt, da es in seiner Formvollendung fast makellos ist und wir O’Brien jedem ans Herz legen wollen, der Können und Schönheit genau so zu schätzen weiß, wie wir.

 

Villagers, Foto: Andrew Whitton

Foto: Andrew Whitton

The Power of Songwriting

Aufgenommen wurde das Album im Loft eines umgebauten Bauernhauses im Norden Dublins, wo O’Brien zur Untermalung seines geschmeidigen Gesanges nur die feinsinnigsten Instrumente zum Einsatz brachte – Gitarre, Klavier, Mellotron und Besen. In den entstandenen 37 Minuten geht es ausschließlich um die Liebe, wobei der Singer/Songwriter all die verschiedenen Schattierungen dieses Gefühls – Verlangen, Leidenschaft, Lust, aber auch Einsamkeit und Verwirrung – zum Ausdruck bringt.

Anders als seine beiden Vorgänger besticht Darling Arithmetic vor allem durch seine Kohärenz, indem sich besonders ein Konzept von Song zu Song zieht- das der Nachdenklichkeit. Es war auch genau diese Intention, die O’Brien beim Schreiben bezweckt: Er wollte ein Album mit „einer klaren Vision“ erschaffen, das „vollkommen ausgewogen und simple“ einer einzigen Linie folgensollte. Das ihm dies gelungen ist, kann ich nur bestätigen. Jeder der neun Tracks changiert zwischen schüchtern-liebevollen über bezaubernd sanfte bis hin zu gefühlvoll verträumten Stimmungen, die besonders durch die zarte Stimme und dezent eingesetzte instrumentale Untermalung geschaffen werden. Schließt man beim Hören die Augen, so erscheint es, als betrachte man die Musik von Villagers durch den Instagram-Filter ‚Earlybird‘ – eine Szenerie, gefilmt mit einer Retrokamera, die friedlich und sorglos scheint, in der sich jedoch ein dezenter, inhärenter Schmerz widerspiegelt.

Track by Track

Die Leadsingle Courage beginnt die Reise auf der Liebesachterbahn beinahe verhalten, geht es doch um die wichtigste und grundlegendste aller Lieben: die zu sich selbst. Melodische Gitarrenklänge transzendieren die Gedankengänge.

It took a little time to get where I wanted / It took a little time to get free / It took a little time to be honest / It took a little time to be me.

Everything I Am Is Yours ist die wohl aufrichtigste und enthüllendste Liebeserklärung ever, die so verträumt dahinfließt wie ein ganzes Leben.

Dawning On Me sticht besonders durch die dezenten Klänge und Melodien (Klavier, Besen) hervor, die als gestalterische Mittel den Eindruck von Unbekümmertheit und einer gewissen Entrücktheit erzeugen.

Das gefühlvolle Hot Scary Summer handelt vom Zerfall einer Liebe, wobei der Kontrast zwischen wunderschönem Gesang und dem Schmerz, der sich darunter verbirgt, mich tief berühren.

Beim darauffolgenden The Soul Serene wird die Stimmung vor allem durch die instrumentale Begleitung variiert, wohingegen die Stimme an sich kaum große Veränderungen durchlebt. Am Ende hin verliert sich der Song jedoch etwas in zu vielen Loops und  Überlagerungen des Gesangs. Die besungenen “chameleon dreams” geben diesem „Zuviel“ wiederum einen lyrischen Sinn.

Der Titeltrack  Darling Arithmetic verläuft wie ein ewiger Tagtraum, der trotz sehr zögerlicher Stimme voller Emotionen steckt. Der Titel leitet sich von der Idee ab, dass Arithmetik die Grundlage aller Mathematik ist und diese, gepaart mit dem Kosenamen „Liebling“, geliebte Menschen als Grundlage von allem ansieht.

Little Bigot ist der einzig eher ruhelose, spielerische Song, der auch zum Schluss wieder ein wenig verworren scheint.

No One To Blame ist das „unerwiderte Lied“, in dem der Sänger all die Objekte der Zuneigung anspricht, die man selbst nie haben wird und sie daher die eigene Selbstachtung beeinflussen. Beim Hören manifestiert sich auch unweigerlich das Bild des einsamen Klavierspielers, der wie Adrian Brody in ‚Der Pianist‘ abseits des Trubels voller Hingabe und Talent seine Lieder spielt.

Mit den Worten “I believe that I’m part of something bigger / I’m so naive but I guess I’ve got it figured out.”  endet das Album mit der Gewissheit, dass wir letztlich doch gar nichts über die Liebe wissen, und dennoch so naiv sind, es zu glauben.

Album-Release

Das Album DARLING ARITHMETIC erscheint am
10. April 2015 auf Domino Records.

Fazit

Mit seinem dritten Album kehrt Villagers zurück zum Ursprung des Songwritings und erfindet sich damit gleichermaßen neu. Doch auch diese Entwicklung war von vornherein geplant, wie O’Brien schon bei Veröffentlichung seines Debüts klarstellte: Er wolle nicht, dass Villagers ein fertiges Produkt sei, sondern sich konstant verändere, weiterentwickle und wachse. Mit diesem Mindset wird es ihm auch sicher weiterhin gelingen, uns zu überraschen und zu begeistern. Ich kann das Album besonders als Begleiter für einen ruhigen Spaziergang, ein entspanntes Bad oder eine lange Zugfahrt empfehlen. Die Melodien des sympathischen Sängers werden einen nicht so schnell wieder loslassen.

Meine Anspieltipps
1. Courage
2. Dawning On Me
7. No One To Blame

[Gast-Autorin: Josefine Vorwerk]

Unsere Bewertung

8

Eine wunderschöne 37-Minuten-Liebe

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