»Ab und zu ist es auch cool, wenn die Leute mich verstehen.«

Heute findet das erste Ländle HipHop-Festival im Bregenzer Between statt. Wir haben mit Phil von der Penetrante Sorte über das Business, Eigenvermarktung und – natürlich – unseren Dialekt gesprochen.

Hallo Phil, ich schmettere dir gleich mal eine Standardfrage entgegen: Ihr seid beim Ländle HipHop-Festival Headliner, worauf darf sich das Publikum im Between freuen?
Auf eine Penetrante Sorte-Show.

Wie zeichnet die sich aus?
Dadurch, dass wir das klassische HipHop Set-up machen: Two Turntables and a Mic. So wie man vor 30 Jahren die Blockparty gerockt hat. Das ist auch unser Ding, dieser “Oldschool Boom Bap”-Shit.
Von den Tracks her haben wir einen Mix dabei, der quer durch das Schaffen der letzten 10 Jahre geht. Wie gesagt, die klassische Penetrante Sorte-Show. In your Face (lacht).

Was ist das Schrägste, das euch in diesen 10 Jahren bisher auf der Bühne passiert ist?
(Überlegt) Das Coolste war – das ist schon etwas länger her – als wir mit der Dialektika Crew bei einem Festival waren. Zum Schluss gabs einen Song, bei dem wir alle zusammen auf der Bühne standen – ca. 9 Rapper. Beim allerletzten Track, als mein Einsatz dran kam, fällt genau auf den Einstiegstakt der Strom aus. Licht weg, Mucke weg. Es hat für das Publikum so gewirkt, als wäre das einstudiert gewesen. Dann war es total still im Zelt, aber es hat eh gepasst, da das Festival aus war.

Das Publikum dachte, das wäre der “Rausschmeißer”?
Ja, genau. Der Stromausfall hätte ja irgendwann passieren können, wenn gerade einer rappt. Aber nein, punktgenau als ich loslegen sollte. Die Leute kurz still, und dann alle “Öhhh!”. Das war das bisher überraschendste Bühnenerlebnis.

Ihr rappt im Dialekt, was fürs Ländle ja eigentlich eine tolle Sache ist. Aber jetzt mal rein kommerziell gesehen: Macht ihr es euch damit nicht unnötig schwer?
Mit Sicherheit, aber es müssen noch viel mehr Faktoren zuspielen, damit du erfolgreich bist. Das liegt sicher nicht nur am Dialekt. Aber darüber mach ich mir kaum Gedanken. Im Gegenteil, ich mach schon mal was auf Hochdeutsch, wenn ich das Gefühl habe, der Song verträgt es. Ab und zu ist es auch cool, wenn die Leute mich verstehen (lacht).

So wie das Falco mit Englisch und Deutsch gemacht hat?
Naja, nicht ganz. Eigentlich habe ich mit hochdeutschen Rap angefangen, irgendwann dachte ich mir “Warum nicht im Dialekt?”. Ich hab damals viel Ami-Rap gehört und die rappen auch im Slang, wo du viele Ausdrücke nicht mal im Wörterbuch findest.
Aber mittlerweile rappen in Österreich eh schon viele in ihrem eigenen Dialekt. Ist ja auch nichts Neues mehr.
Ich versuch auch die Fahne für unser Ländle hoch zu halten, denn es wäre echt schade, wenn es keinen Vorarlberger Dialekt-Rap mehr gibt.

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Österreichische Bands mit dezentem Dialekt-Einsatz werden momentan gehypt – siehe Bilderbuch und Wanda. Könnt ihr davon auch profitieren oder schließt sich das aus, da ihr ein anderes Genre bedient?
Ich glaube nicht, dass wir persönlich davon profitieren. Wenn man das große Ganze sieht, ist es jedoch eine schöne Entwicklung.

Aber bringt euch nicht viel.
Direkt in meiner Geldbörse spüre ich es nicht (lacht). Dafür ist das Land doch zu klein, da könnten wir nun viel reden über Freunderlwirtschaft, Fernseh- und Radio-Monopole wie Ö3. Aber auch die Zeitungen sind eher rar. Deshalb ist es generell nicht leicht für österreichische Musiker, da rein zu kommen.
In Frankreich ist das ganz anders, der herrscht der heimischen Musik gegenüber eine offene Mentalität. Da ist auch die Bevölkerung richtig stolz, wenn es gute französische Musik gibt. Es entwickelt sich bei uns erst wieder, dass die Jungen es cool finden, wenn der Akt aus ihrem Kretzel kommt.

Die Franzosen haben im Radio eine Quote, die sagt, ihr müsst soundso viele heimische Künstler spielen.
Genau, das meinte ich vorhin mit “Ö3” und deren Unternehmenspolitik, die es uns Musikern schwer macht. Da bin ich dann froh, wenn ich österreichische Akts auf Youtube, Facebook usw. sehe. Dadurch können es Künstler auch aus eigenen Antrieb heraus schaffen. Aber ab da stehen sich viele Österreicher auch mit ihrer typischen gemütlichen Mentalität selbst im Weg. Da ist die Arbeitsmentalität in anderen Ländern anders.

Deutsche Gründlichkeit?
Ja, nicht nur. Der Österreicher ist einfach zu gechillt. Wir Vorarlberger sind da vielleicht eh noch anders (lacht). Aber z.B. die Wiener haben halt diese “Rauch ma zerst a Tschick”-, diese “schön gemütlich”-Einstellung. Das hat jetzt nix speziell mit Musikern zu tun, aber die betrifft es auch.
Jay-Z musste sich auch entscheiden, ob er lieber Drogen verkauft oder rappt. Er hat sich voll in das Rap-Ding reingehängt und dort kriegt man kein Geld vom Staat oder so. Bei uns gibt es ein soziales Netz, da kann man relaxter sein.

Außer man singt in Wien über Mohrenbräu, dann ist Schluss mit “easy”.
Das stimmt (lacht).

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Hat sich die ÖH eigentlich mal bei euch entschuldigt, die haben euch ja indirekt als Rassissten hingestellt, nur weil ihr über ein Bier singt.
Nein, das war eine Veranstaltung vom Land Vorarlberg und die ÖH war der Veranstaltungspartner. Und mit der ÖH selber hatte ich nie Kontakt, ich wusste nur, dass die dahinter stecken.

Habt ihr abgesehen von der ÖH sonst noch Hater?
(lacht) Weißt nicht, wahrscheinlich. Je bekannter man wird, desto mehr Hater hat man. So bekannt sind wir noch nicht, dass uns alle haten müssten.

Generell ist noch der Trend zur Bewunderung da?
Das hast du jetzt gesagt.

Wie erwähnt, feiert ihr heuer euer 10jähriges Jubiläum. Auf welche Leistung bist du besonders stolz?
Ich denke, man sollte immer stolz sein, auf das, was man macht. Sonst hat man was falsch gemacht.
Dass man überhaupt so lang dabei bleibt, ist vielleicht nicht selbstverständlich. Ich hab das mitgekriegt, als ich Anfang 20 war, da ist man noch etwas naiver und glaubt, man kommt sofort groß raus. Auch jetzt wollen alle 20-Jährigen Rapper werden. Haben ein Video online und ein paar Songs gemacht. Viele sieht man kommen und gehen – leider. Aber wir sind immer noch da.

Aber von der Musik leben geht sich noch nicht aus, oder?
Ich sag mal so, ich hab einen 20 Stunden-Job.

Bist ja schon mal auf einem guten Weg.
Wie man’s nimmt, ich leb ja nicht auf großen Fuß (lacht). Bin bescheiden.

Klischees nach müssen Künstler bescheiden sein. Grad in der heutigen Zeit.
Ja, aber auch Durchhaltevermögen ist wichtig. Aber ich bin eben keine 20 mehr und denk, ich muss Rap-Star werden. Das ist mir wurst. In meinem Leben ist momentan alles cool. Ich rappe gerne, geh auch gerne auf Bühnen.

Ab einem gewissen Alter holt einen die Realität ein?
Man lernt eben viel dazu, man ist nicht mehr so naiv. Man kriegt ein Gefühl dafür, was man machen muss, um etwas zu erreichen und wiegt dann ab. Was will man sich selber zumuten? Fast alle Österreicher, die richtig erfolgreich sind, ziehen nach Deutschland oder sind zumindest sehr oft dort.
Ich hab mir auch schon mal überlegt: “Soll ich nach Berlin ziehen?”. Ich hab jedoch nicht das Gefühl, dass ich in Deutschland durchstarten muss.

Der Markt ist halt 10 mal so groß wie in Österreich.
Ja eh, aber du musst auch 10 mal so viel hackeln. Vor allem so Sachen wie Pressearbeit und Bookings. Das machen wir alles selber – vor einigen Jahren noch mehr als heute. In letzter Zeit habe ich einfach drauf geschissen, weil ich einfach kein Lust darauf hatte, dauernd irgendwo anzurufen und irgendjemandem zu erzählen, wie toll ich rappe.
Man darf halt auch nicht vergessen, Leute die von ihrer Musik leben, das sind auch Business Men. Selbstvermarkter. Es ist ja selten so, dass jemand kommt und sagt: “Hey, ich mach jetzt alles für dich.”
Andererseits ist aber auch wieder cool. Ein Musiker kann heutzutage alles selber machen. Wir haben unseren eigenen Vertrieb, Studio, Webshop usw. Es ist immer unsere eigene Entscheidung, ob und wieviel Energie und Geld wir wohin stecken.
Das läuft halt so, man muss sich selbst als Produkt sehen, sich objektiv betrachten und sich selbst managen. Ich bin zu 100% Musiker, aber vielleicht nur zu 50% Manager. Dieses Selbstvermarktungsding muss man schon drauf haben.

Was habt ihr in Zukunft noch für Projekte geplant?
Da 2015 unser Jubiläumsjahr ist, sollte da schon ein Release kommen. Wir sind auf jeden Fall im Studio und ich hab auch schon ein paar Tracks auf’m Rechner.

Da kommt also was. Zurück zum Dialekt. Du lebst momentan in Wien?
Ja, seit 11 Jahren.

Legt man seinen Vorarlberger Dialekt im “Ausland” irgendwie ab? Leute, die nach einigen Jahren zurück ins Ländle ziehen, reden dann anfangs irgendwas daher.
So bin ich auch. Bin ich jedoch unter Vorarlbergern, bin ich sofort wieder drin. Aber wenn ich z.B. bei FM4 bin, red ich “Bödele-Dütsch”.

Spielt euch FM4?
Ja, immer wieder. Ich sehs dann an der AKM-Abrechnung (lacht). Wahrscheinlich spielen sie uns in der HipHop-Sendung “Tribe Vibes”. Aber ich hör keinen Radio, drum kann ich’s gar nicht sagen.

Dann wünschen wir euch viel Spaß beim Ländle HipHop-Festival.

Foto: Handout Penetrante Sorte

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