Ihr Kinderlein kommet?

Ihr Kinderlein kommet

Mittlerweile befinde ich mich in einem Alter, in dem alle rundherum Kinder bekommen – alleine in diesem Jahr gab es fünf Neugeborene in unserem Bekanntenkreis. Langsam ist es vorbei mit spontanen Ausflügen, lautem Fußball-WM-Gucken oder feuchtfröhlichen Mädelsabenden. Wenigstens treffen wir uns noch regelmäßig zum Brunch …

»Ich finde auch nicht, dass sich die Stellung der Frau in den letzten 50 Jahren großartig geändert hat, aber die Männer unserer Generation wurden zum Glück nicht mehr so altmodisch erzogen wie unsere Väter und Großväter. Mein Opa sagt ›Mama‹ zu seiner Frau, obwohl die Kinder schon seit Jahrzehnten aus dem Haus sind. Und wenn er ausnahmsweise einmal den Tisch deckt, hat er schon das Gefühl, den Haushalt alleine zu schmeißen. Er sieht gar nicht, was Omi alles macht – obwohl es ihr sichtlich immer schwerer fällt«, wenn ich mich einmal in Fahrt geredet habe, bin ich schwer zu bremsen. »Ich denke, in zehn Jahren, wenn ›unsere‹ Männer später in der Führungsetage arbeiten, werden sie die Gleichberechtigung stark vorantreiben. Und in zwanzig Jahren, also rechtzeitig für unsere eigenen Kinder, wird es kaum einen Unterschied zwischen Mann und Frau in der Arbeitswelt mehr geben!« – »Hach, deine rosa Traumwelt in allen Ehren, aber ich befürchte, in 20 Jahren wird es für Frauen immer noch so bescheuert ablaufen wie heute: Wir werden uns auch dann noch zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen!« Renate ist gerne Mutter, freut sich aber schon sehr darauf, wenn sie ihre Hausschuhe endlich wieder gegen ihre High Heels tauschen und in ihrer Boutique arbeiten kann. »Hätte ich mich nicht selbstständig gemacht, wäre ich immer noch die olle Verkäuferin von billigen Sportklamotten. Aber ich hätte mir wenigstens diese Odyssee mit dem Kinderbetreuungsgeld erspart. Mensch, war das ein Scheiß!«

»Apropos Scheiße«, meldet sich Marie zu Wort. »Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie stolz ich letzte Woche auf Ellas ersten richtig festen Stuhlgang war!« Sie sagt das voller Stolz und mit einem Leuchten in den Augen, das wohl nur Mütter nachvollziehen können. Der Parameter für unangenehme Gesprächsthemen scheint bei Eltern ein ganz anderer zu sein als bei mir. »Jonas ist noch nicht so weit, der macht seine Windeln immer noch so voll, dass es überall rausquillt«, antwortet Renate und löffelt ihr bereits angeschmolzenes Schokoladen-eis aus. Mehr als ein »Wäh! Also bitte!«, kann ich an dieser Stelle nicht dazu beitragen. Julia, mit Zwillingen im siebten Monat schwanger, beschäftigen offensichtlich ganz andere Dinge: »Ich muss euch etwas fragen: Wer von euch hat sich während der Schwangerschaft noch um die Intimfrisur gekümmert? Ich sehe da einfach nicht mehr hin …«

 

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Ich schweife mit meinen Gedanken ab, nehme den »Dirty-Talk der Sonderklasse« nur noch entfernt wahr. Ich vermisse die Schulzeiten, in denen meine besten Freundinnen und ich noch über die unrasierten Beine unserer Sportlehrerin gelästert haben und uns schworen, den eigenen Körper niemals so zu vernachlässigen. Wir wollten auch nie so ein spießiges Leben wie unsere Eltern führen. Nun steuern wir auf die 30 zu und haben das wilde Partyleben schon lange hinter uns. Wir unterhalten uns stattdessen über gute Dokumentationen, backen Brot, wünschen uns Haushaltsgeräte zum Geburtstag und finden uns bei jedem noch so banalen Kitschfilm sofort in sturzbachartigen Tränenausbrüchen wieder.

Als wir mit der Schule fertig waren und sich unsere Wege trennten, schafften wir es trotzdem irgendwie, uns regelmäßig zu treffen. Die Mädelsabende liefen anfangs meist gleich ab: Zuerst schwärmte Marie über ihren neuen Freund, woraufhin ich mich über meinen fürchterlichen Exfreund aufregte, zu dem ich immer wieder zurückkehrte. Renate, die mit 15 schon den Mann ihrer Träume kennenlernte, beneidete uns um die Möglichkeit, mit anderen Männern schlafen zu können, und Julchen verlor sich in Selbstzweifel, weil sie immer noch keine einzige ernste Beziehung vorzuweisen hatte. Natürlich interessierten uns nicht nur unsere eigenen Männergeschichten! Wir konnten es 2002 alle nicht fassen, als Britney Spears und Justin Timberlake sich trennten und das ewige Männer-Pech der armen Jennifer Aniston war uns ein Rätsel.

Doch mit Promi-Klatsch ist es bei meinen Freundinnen nun endgültig vorbei. Als ich beim letzten Mädelsabend erzählte, mir einen Pony nach dem Vorbild der bezaubernden Schauspielerin Zooey Deschanel schneiden zu lassen, stöhnte Renate: »Wer ist das schon wieder? Seit ich Jonas habe, komme ich nicht mehr zum Fernsehen«, die einzige Ausnahme bilden da natürlich Babynews, »aber habt ihr gehört, Kate und William bekommen Baby Nr. 2!«

Ich selbst finde Babys auch entzückend – solange ich weiß, dass sie nach ein paar Stunden meine Komfortzone wieder verlassen. Einmal in der Woche statt Yoga-Unterricht ein Kind zu haben, ist großartig. Bei mir dürfen die kleinen Racker auch gerne ununterbrochen auf mir herumturnen und mit der Holzrassel auf das Spielzeugauto schlagen. Deshalb bin ich auch die Lieblingsbabysitterin meiner Freundinnen.

 

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Alex, der Mann von Renate, wurde, sobald ein Kind in seiner Nähe war, nervös und war immer totaaal beschäftigt. Er erklärte mir einmal im Rotwein-Rausch von seiner Taktik: »Mütter haben ein Radar für freie Hände – vor allem bei Männern. Jeder, der länger als zwei Minuten lang ein Baby hält, egal ob freiwillig oder nicht, wird als Erfolg verbucht. Wenn man mit Gummihandschuhen in dreckigem Abwaschwasser steckt, bekommt man kein Baby überreicht!« Als Renate mir ein paar Monate später erzählte, sie sei schwanger, fiel ich aus allen Wolken und versuchte vorsichtig, ihr zu erklären, dass ich nie damit gerechnet hätte, dass sie als Karrierefrau und Alex als Baby-Allergiker überhaupt im Entferntesten an Kinder denken würden. Als ich Alex damit aufzog, dass sein Haus ab sofort immer glänzen wird, damit er auf keinen Fall die Hände frei hat zum Windeln wechseln, gestand er mir, dass er tatsächlich ein bisschen Angst hatte, aber gleichzeitig sei es das beste Gefühl der Welt. Schon als er Renate vor 13 Jahren kennenlernte, wusste er, dass sie einmal die Mutter seiner Kinder werden würde. »Ich werde sogar das zweite Jahr der Karenz übernehmen!« Da war es wieder, dieses elterliche Leuchten.

Mein großer Bruder ist der Einzige in seinem Freundeskreis, der noch keine Kinder hat. Er kann es gar nicht verstehen, wieso seine supercoolen Kumpels von einem auf den anderen Tag zu super-uncoolen Vätern mutieren konnten und sich nur noch in der Babysprache unterhielten. »Früher lag’s wenigstens am Alkoholpegel, wenn ich sie nicht mehr verstehen konnte.«

Marie reißt mich aus meinen Gedanken: »Hast du deine Hochzeitsreise eigentlich endlich geplant oder soll doch ich das machen?« Mit dieser Frage traf sie einen wunden Punkt: Obwohl ich beruflich täglich mit der Planung spannender Urlaube zu tun hatte, schaffte ich es nicht, meinen eigenen zu planen. Doch diese Aufgabe jemand anderem zu übergeben schien mir wie ein Schuldeingeständnis, zu dem ich (noch) nicht bereit war.

Marie ist nicht nur meine älteste Freundin, sondernauch eine meiner liebsten Arbeitskolleginnen und ging vor drei Jahren in Karenz. Als sie damals ungeplant schwanger wurde, war sie zuerst todunglücklich, weil auch sie Angst davor hatte, ihr hart aufgebautes Leben zu verlieren. Wer Marie kennt, weiß: Bei ihr lief bis dato immer alles nach Plan. So wusste sie in einem Alter, in dem ich noch von meinem Prinzessinnendasein träumte, dass sie Reise-journalistin werden würde. Ihr größtes Vorbild war ihre Tante, die immer, wenn sie nicht gerade in New York, Nairobi oder Berlin war, von ihren spannenden Trips erzählte. Nach dem ersten Schock aber sammelte sich Marie. Ihre Freude wuchs mit ihrem Bauch, und als sie ihren Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt, waren alle Zweifel wie weggeblasen. Mir erging es bei seinem Anblick ähnlich – ich war wahrscheinlich die stolzeste Patentante der Welt! Trotzdem war ich froh, als ich nach zwei Stunden das Krankenhaus wieder verlassen konnte.

 

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Die ersten paar Wochen sah ich Marie nur noch selten, da sie sich erst einmal an ihr neues Leben gewöhnen musste. Doch wer so strukturiert lebt, findet selbst im unplanbaren Alltag Platz für feste Rituale. Schnell entdeckte sie die Vorzüge des Zuhauseseins und genoss ihre Mutterrolle so sehr, dass sie nach einem halben Jahr wieder schwanger wurde – diesmal geplant. Sie tauschte ihre persönliche gegen eine berufliche Unabhängigkeit und wurde eine beliebte Reise-Bloggerin. Gemeinsam mit ihrer Schwester, einer karenzierten Grafikerin, hat sie mittlerweile sogar zusätzlich einen Onlineshop. Dort verkauft sie personalisierte Reiseführer und -tagebücher und plant auf Anfrage ganze Auslandsaufenthalte für Familien mit kleinen Kindern.

Wenn ich darüber nachdenke, wie sich meine Freunde durch ihre Kinder geändert haben, spüre ich so etwas wie Neid aufkommen. Sie haben Seiten an sich entdeckt und die kleinen Freuden des Familien-alltags so sehr lieb gewonnen, wie ich es vorher nie für möglich gehalten hatte.

»Was ist denn für euch das Schönste am Mama–Dasein?«, frage ich meine Mädels wie aus dem Nichts. Renate antwortet blitzschnell und für ihre Verhältnisse überraschend gefühlsbetont: »Wenn der Kleine morgens zwischen uns im Bett liegt und wir zu dritt kuscheln.« – »Oh, das mag ich auch! Und ich genieße es, wenn Ella abends schon schläft und ich noch eine halbe Stunde mit Hendrik alleine habe. Seit Ella auf der Welt ist, hab ich immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich Angst habe, Hendrik zu vernachlässigen. Gestern hat er mich bei der Gute-Nacht-Geschichte gefragt, wie ich es schaffe, jedes Mal zu gähnen, wenn ich ihm das Buch mit dem Bären, der in Winterschlaf gehen muss, vorlese. Wenn er wüsste, dass ich tatsächlich müde bin! Kinder zu haben ist anstrengend, aber es ist der schönste Fulltime-Job der Welt!«, erklärt Marie. Und wieder – ein Leuchten. Marie weiß, dass Hendrik über ein Jahr lang ihre alleinige Aufmerksamkeit genießen konnte, aber ich glaube, ganz kann man mehrfachen Eltern den Druck, ja alle Kinder gleich zu behandeln, nie nehmen. Die arme Julia macht sich wieder einmal prophylaktisch Sorgen: »Oh Gott, wie soll ich das mit zwei Kindern auf einmal schaffen? Wenn beide schreien, muss ich mich immer entscheiden, welches ich zuerst in den Arm nehme!«

 

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Will ich auch 24 Stunden am Tag für einen kleinen Menschen verantwortlich sein? Könnte ich das überhaupt? Was wird aus meinem Beruf? Wäre ich eine gute Mutter? Habe ich studiert, um Windeln zu wechseln, Wäsche zu waschen, Kinder in die Schule zu bringen und mit ihnen Hausaufgaben zu machen? Vielleicht sollte ich mich doch zuerst auf meine Karriere konzentrieren – ich könnte mich bei Facebook oder Google bewerben und meine Eizellen einfrieren lassen …

Aber die Sache, die mich am meisten von einem Eingeständnis, Kinder zu wollen, abhält, ist der Verlust meines Gehaltes. Da muss man plötzlich einen Menschen mehr ernähren, hat aber weniger Geld zur Verfügung als davor. Meine Mutter sagt immer, Kinder kosten am Anfang am wenigsten, aber das beruhigt mich wenig. Ich gebe ja zu, allmählich fängt auch meine innere Uhr an zu ticken, bisher habe ich sie ignoriert, doch vielleicht fange ich bald damit an, auf meinen Kinderwunsch zu hören. Aber erst mal heiraten.

Autorin: Lena Rico, Fotos: Jasmin Elmi, Haare & Make-up: Lee Julie Rusch

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