Johann Sebastian Bass: Keine Kopf-, sondern eine Herzensentscheidung

Sie kommen aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der Rokoko und Perückenpuder den Alltag beherrschten. Endlich befreit von den alten Zwängen, üben sich Johann Sebastian Bass nun in der Kunst des »Electrococo«, der Verschmelzung von live gespieltem Elektro-Pop und barockem Prunk.

Einem größeren Publikum wurden JSB bekannt, als sie am diesjährigen Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid teilnahmen, aber leider ausschieden. Sie hätten sicher bessere Chancen gehabt, den Titel zu verteidigen #Nochejasser.
Wir haben mit Sänger Martin über Musik, ihre ausgefallene Bühnenperformance und natürlich die Pudel gesprochen. Martin war bemüht in seiner Rolle als zeitreisender Musiker Johann Martinus Bass zu bleiben – wir haben ihn aber nicht immer gelassen.

Ihr habt vor kurzem die Tour mit dem Red Bull Brandwagen beendet. Wie wars?
Das war super, es war gleichzeitig die FM4-Frequency-Warm-Up-Tour und ein tolles Erlebnis für uns. Wir haben drei österreichische Städte besucht: Innsbruck, Linz und Graz. Dazwischen waren wir noch einen Tag lang am Spielbergring, was sehr interessant war. Vor allem für Leute wie uns, die aus einer anderen Zeit kommen, war es ein besonderes Erlebnis diese modernen schnellen Kutschen, die es dort gibt, mal zu fahren.

Seid ihr in der Öffentlichkeit rund um die Uhr in eurer Rolle, also komplett verkleidet?
Für uns ist es ja keine Verkleidung (lacht)

Sagen wir “Arbeitskleidung”.
Wir tragen sie ja auch aus Respekt dem Publikum gegenüber. Es kann vorkommen, dass, wenn man morgens aufsteht und die Nacht zuvor länger gefeiert hat, man nicht rechtzeitig aufsteht, um sich schön zu machen. Dann kann es schon passieren, dass wir ein paar Stücke ungeschminkt spielen und das in der ersten Pause nachholen.

Auch beim Rennautofahren, war’s mit der Perücke unterm Helm etwas problematisch.

Das Publikum verzeihts hoffentlich.
Doch. Auch beim Rennautofahren war’s mit der Perücke unterm Helm etwas problematisch. Da musste ich sie dann doch weglassen.

Mit dem Auftritt beim Schweizer Clanx-Festival seid ihr schon international unterwegs. Wie siehts sonst so aus, habt ihr den Durchbruch nach Deutschland bereits geschafft oder zumindest angepeilt?
Nein, nach Deutschland noch nicht, aber das wird nächsten Jahr ein großes Thema für uns werden. Es passiert schon ein bisschen was, z.B. aus Bayern bekommen wir sehr viel Feedback, auch weiter in den Norden hinein hat es schon Anfragen gegeben.
Das Problem liegt dann darin, dass wir Auftritte so koordinieren müssen, dass es sich logistisch gut für uns ausgeht – hinsichtlich Distanzen meine ich. Vielleicht können wir ja bei einer kleinen Tour im Herbst weiter nach Norddeutschland vordringen. In der Schweiz sind wir am Freitag das zweite Mal und im Herbst kommen wir dann nochmal.

Und was haben die Schweizer zum Electrococo gemeint?
Wir waren in Kreuzlingen und da sind wir extrem gut angekommen und hoffen, dass wir das beim Clanx-Festival wiederholen können. Wenn wir dem Publikum eine große Freude machen können, freut uns das auch sehr. Jedes Konzert ist eine Werbung für das nächste Booking, da ist es uns ein großes Anliegen, dass es gut funktioniert. Ich glaube, das es für die Schweizer einfach sein wird, mit Electrococo umzugehen.

Als wir dann in die Neuzeit gekommen sind, haben wir viel zum Aufholen gehabt.

Wer oder was hat euren Sound beeinflusst? Bei vielen Künstlern sind das im Moment Bands wie “Led Zeppelin”. Das war bei euch ja wahrscheinlich nicht der Fall.
Wir kommen ja aus einer Zeit, wo der musikalische Einfluss in der Renaissance liegt, natürlich auch in der Barock-Musik. Als wir dann in die Neuzeit gekommen sind, haben wir viel zum Aufholen gehabt.
Das Spektrum ist sehr groß – ich würde nicht sagen, dass wir nur von elektronischer Musik inspiriert sind. Die bereitet uns natürlich großen Spaß, aber ob das Techno oder Drum’n’Bass ist, ist schwer zu sagen. Es ist irgendwie alles dabei, man zehrt nicht nur von einer Sparte. Von jedem Genre gibts gute Musik. Deshalb sind wir genauso vom Rock’n’Roll angetan. Und wir haben mit den meisten Rock-Bands gemein, dass auch uns Led Zeppelin gut gefällt.

War eurer Sound zuerst da oder das ausgefallene Band-Konzept?
Das ging Hand in Hand. Bereits sehr früh haben wir uns auf den Namen Johann Sebastian Bass geeinigt, denn in der Neuzeit werden, nicht so wie früher, Programmhefte geschrieben. Jede kleine Veranstaltung, die in irgendeinem Keller vom Nachbarn spielt, hat Programmheft und Flyer. Deshalb braucht man einen Namen, den man da drauf schreiben kann. Darum war unser Name schon sehr früh da.
Die Musik selbst hat sich in den letzten drei bis vier Jahren, seit wir in der Neuzeit Musik machen, so entwickelt. Natürlich wird es immer ein Prozess sein. Momentan sind wir in einer Phase, in der wir uns mit dem Schaffen neuer Musik beschäftigen. Ob das ein Album oder eine LP wird, wissen wir noch nicht, wir haben da keinen Stress. Wir entwickeln im Moment viel Material und werden dann aussieben, was uns dreien am meisten zusagt. Das soll keine Kopf-, sondern eine Herzensentscheidung sein.

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Wenn man eure Auftritte verfolgt, denkt man an Acts wie Kiss oder Daft Punk, die sich streng an ihr Kostüm-Konzept halten. Wird JSB das Verkleiden beibehalten oder kommt irgendwann der Punkt, wo ihr sagt: “So, nun können wir auf die Perücke verzichten.”?
Das haben wir uns noch garnicht überlegt. Momentan ist daran nicht zu denken, die Kostüme aufzugeben. Obwohl, wenn man bedenkt, wie lange sich wohl Kiss auf einen Auftritt vorbereiten müssen – aber die haben Maskenbildner dabei, die wir uns nichtmal leisten können. Uns macht es irrsinnigen Spaß und die Kostüme verändern sich ständig. Mal findet man ein neues Stück Oberteil, mal einen neuen Gehrock …

Wo bekommt ihr eure Outfits her? Bei H&M werdet ihr wahrscheinlich nicht fündig.
Also, eine Grundausrüstung durften wir mitnehmen aus der Zeit aus der wir kommen.

Stimmt. Und sonst?
(Lacht) Jetzt brauchen wir natürlich immer wieder Nachschub. Eine sehr gute Adresse ist Lord Rieger im ersten Bezirk – der ist schon quasi unser Hoflieferant geworden. Ansonsten findet man in Theaterhäusern oft mal Dinge, die wir verwenden können.

Gibts Interviewpartner – ich spiel jetzt mal mit – die sich der Sprache eurer Zeit anpassen?
Ja, das durften wir auch schon erleben. Wir sind ja eine flexible Band, wir haben die Musik der Neuzeit angenommen – so ist es ja nicht. Aber wenn uns Interviewpartner mit der für uns gewohnten Sprache begegnen, genießen wir das schon sehr.

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Zurück in die Moderne. Bei eurem Video “Voodoo” sieht man durchgehend weinende Männer. Was hat es damit auf sich?
Bei Voodoo geht es um ein Worst-Case-Szenario einer Beziehung. Im heutigen Weltbild ist der Mann nicht mehr nur das starke Geschlecht, sondern darf auch mal Schwäche zeigen. Es ist uns darum gegangen, dieses Bild zu zeichnen, wir hätten genauso Frauen mit Vorschlaghämmer hinsetzen können. Wir zeigen aber lieber weinende Männer und der Betrachter soll sich das dann selbst zurechtinterpretieren.

War wohl die bessere Entscheidung, den Vorschlaghammer hat sich Miley Cyrus ja schon geschnappt. Hab ihr im Gegensatz zu Miley Cyrus das Problem, dass euch die Radiosender des Landes nicht spielen?
Das kommt drauf an welche du meinst. Wir sind froh, dass es sowas wie FM4 gibt, denn die sind schon einer unserer größten Unterstützter. Darüber sind wir sehr froh. Private Radiostationen gibt es eigentlich wenige … aber ich sag mal so, wir beschweren uns nicht, wenn wir nicht gespielt werden. Es sind einfach wenige Plattformen da, um eine Musik wie wir sie machen, gebührend zu präsentieren. Nicht das wir nicht breitentauglich wären, aber diese Formatradios sind oft so konzipiert, dass extravagante Musik nicht rein passt. Es kann schon sein, dass wir nicht gespielt werden, auf der anderen Seite überlegen wir schon, ob wir damit überhaupt das Publikum erreichen würden, für das wir Musik machen.

Wann seid ihr das nächste Mal in Vorarlberg?
Geplant ist noch nichts, wahrscheinlich werden wir Ende des Jahres nochmal vorbei schauen. Wir werden sicher noch eine Art Club-Tour machen, die sind wir gerade am planen.

Letzte Frage: Sind die Pudel, die ihr auf Fotos um euch habt, eure Haustiere oder sind das “Leih-Pudel”?
Die gehören Freunden von uns, den Auenland-Pudel. Unsere Pudel sind sogar richtige Europameister. Die werden gehegt und gepflegt. Wir haben uns in diese Tiere schon so verliebt, dass es uns eh so vorkommt, als wären es unsere eigenen.
Da wir viel unterwegs sind, könnten wir uns nicht um die Tiere kümmern, was für die Pudel unzumutbare Zustände wären. Darum haben wir mit den Auenland-Pudel eine gute Lösung gefunden.
Und wenn wir uns zu Foto- oder Videoterminen treffen, freuen sich die Pudel genauso wie wir.

Dann hab ich doch noch eine Frage: Wie heißen die Tiere?
Das Schöne ist, das die Pudel drei Farben haben, es gibt einen braunen Rüden, der heißt Ken. Die Damen sind in weiß und grau gehalten und heißen June und die Nell. Die Nell ist, glaub ich, gerade Europameisterin und die June ist Seniorenmeisterin oder so geworden. Also die Pudel haben Format!

Da hätte ich mir aber extravagantere Namen gewünscht.
Ja.
(Anm. d. Red.: eine intensive nachträgliche Recherche ergab, dass die Pudel doch über extravagante Namen verfügen – zumindest zwei davon. So entstammen Ken – der sogar Kentaro heißt – und June aus dem Hause Gryffindor und dürfen sich auch so nennen. Klingt doch recht gut, da stört es auch niemanden, dass das Haus Gryffindor aus Harry Potter stammt.)

Interview: Felix Steininger & Chris Feurstein
Foto: via johannsebastianbass.net

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