Skilehrer in Australien

Was zur Hölle machen eigentlich Skilehrer im Sommer?

Kaum kommt der Winter, halten sie in die Appartements und angemieteten Wohnungen der Sportressorts Einzug. Wenn das Grün sich in die grau-weißen Schneereste schmatzt, der Pfändertunnel Richtung Deutschland zustopft und den übriggebliebenen Après-Skibar-Beständen im internen Kreis der Garaus gemacht wird, verwandeln sich die Liftanlagen zu Andenken an herrliche Winterromantik, während die Hänge an verlassene Rummelplätze erinnern. Und die Skilehrer? Sie sind wie vom Grasboden verschluckt. Nur wohin, frage ich den Schwarzenberger Joe Berchtold (26), seines Zeichen Skilehrer.

Berchtolds Joe

Joe heißt mit bürgerlichem Namen Josef Berchtold, aber Josef, das sagt eigentlich niemand. Geboren und aufgewachsen ist er am Schwarzenberg. Sagen zufolge soll der Berchtoldspross des Gleitens und Kurvens mächtig gewesen sein, bevor er überhaupt laufen konnte. Nichts Verwunderliches, da Papa Peter seit 23 Jahren Kopf und Betreiber von Skibödele ist. Als Joe dann trotzdem laufen gelernt hatte, ging das übliche Schulprozedere los. Beginnend mit der Skischule, folgend die Volksschule, anschließend Hauptschule und abschließend die HAK. Nach einem Jahr war aber wieder Schluss damit. »Büachr büffla isch näd aso mins«, erzählt er. Es folgte stattdessen das Bundesheer, das im Nachhinein der Meinung war, dass Joe doch zu untauglich sei. Dann halt Zivildienst bei der Rettung und zwischendrin auf dem Bau arbeiten und im Winter in der Skischule aushelfen und zusätzlich noch die Lehre zum Bürokaufmann bei Head Ski. Ein wahrlich buntes Portfolio.

Ich verliere den Faden und frage Joe, was er denn eigentlich nicht nur macht, sondern richtig gerne macht. Er kippt seinen Kopf schräg zur Seite, runzelt die Stirn, überlegt und taxiert mich dann. »Reisen und Skifahren«, antwortet er und fügt ein »Frei sein«, hinten an.

No Kangoroos in Austria

Joe lässt tagein tagaus seine Schüler, egal ob groß oder klein, Pisten runtersausen. Sie ziehen Kürvchen in den Schnee und die Fortgeschrittenen flitzen gegeneinander durch Slalomstangen. Das macht er von November bis April und auch von Juni bis September. Denn Joe ist 365 Tage im Jahr Skilehrer. Im Nordhalbkugelwinter in Vorarlberg und im Südhalbkugelwinter in Australien.

Wir schreiben das Jahr 2011 n. Chr.,  als ein großes australisches Skiressort um Unterstützung aus dem Ländle ansucht. Joe wittert auf Anhieb den Geruch von Reisen, Skifahren und Freiheit, nimmt die Fährte auf, bewirbt sich und packt ein paar Wochen später seine Koffer.

Zu schlechtes Wetter um Ski zu fahren kennen die Australier nicht.

Am Mount Buller angekommen, sollte er seine Dienstkleidung abholen. Dazu gehörte eine komplette Regenschutz-Fischerkluft. Er will abwehren, sagen, dass er doch im Regen nicht skilehrern würde, doch schon am folgenden Tag, als er nach zwei Stunden völlig pitsche-patschenass auf der Piste steht, ist er saufroh darum. Denn »zu schlechtes Wetter zum Skifahren« kennen die Australier nicht. Zwar gibt es Geschichten von Skischülern, die die Regenstunden lieber mit den Lehrern im Jacuzzi zubringen, doch unterm Strich gibt es für beide Seiten kein Entrinnen vor der Allmacht des Wetters.

Während der Regen eine Sache ist, kann die Kälte eine ganz andere sein. Die Lehrer werden in enge Räume und Zimmer des Seilbahnbetriebes gebettet. Joe erinnert sich: »Im ersten Jahr war ich in der Bergstation eines Liftes untergebracht. An Schlaf ohne das Anziehen aller Kleidung, die ich bei mir hatte, war nicht zu denken, dafür war es definitiv zu kalt.« Komfortabzug gibt’s auch fürs Essen. Zum einen gibt es immer Kartoffeln und zum anderen vermisst Joe die Vielfältigkeit und den Geschmack von Gewürzen und Kräutern. Nebensächlich, denn zum Jammern ist eh keine Zeit.

Für das Resort geht es jährlich darum, eine Crew aus 300 Skilehrern zusammenzustellen. Um diesen Bedarf zu decken, werden selbige jedes Jahr in der ganzen weiten Welt, von Amerika bis Schwarzenberg, zusammengeklaubt und nach Australien importiert. Dementsprechend multikulti geht es auch beim Personal zu. Joe, als weltoffener Erdenbürger, fühlt sich, unter der bunt zusammengewürfelte Crew, auf Anhieb heimisch. Tag für Tag folgt auf das Unterrichtsende unweigerlich der gemeinsame Feierabend inklusive dem wohlverdienten Feierabendbier. Wie es ja allgemein bekannt ist, gibt es nichts, was sich für Freundschaften besser eignet als ein oder zwei gepflegte Bier und die Revue zum Tag. So folgt ein Tag auf den anderen, bis der Frühling anbricht und Joe zurück in den Bregenzerwald fliegt, wo in der Skischule Bödele schon der anbrechende Saisonbetrieb auf ihn wartet. Wo wiederum ein Tag auf der Piste dem anderen folgt, bis es zurück nach Australien geht. Ein Muster, das er sieben Saisonen lang durchzieht. Doch heuer, da gibt es eine Pause.

Joe steht der Sinn nach Sommer. Er will die kommenden Monate für neue Ziele nutzen, sein Marketing und Verkaufsmanagement-Studium vorantreiben, die gesammelten Erfahrungen im Betrieb daheim umsetzen, das Drumherum weiterentwickeln und endlich mal wieder zum Baden an die Bregenzer Ach liegen. Aber spätestens im Sommer 2016 wird das Fernweh wieder an seine Seele klopfen.

Foto: Kevin Zimmermann – Zim.K PhotoGraphic

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