The Business and me

Fräulein Klapper heißt mit bürgerlichem Namen Cornelia Klapper. Sie lebt heute in Brooklyn – 26 Jahre später, nachdem sie in Hard zur Welt gekommen ist. Zumindest steht in New York ihr Bett, wohnt ihr Mann Mike und sausen ihre Schabernack treibenden Katzen Mauzi und Kiki durchs Apparte­ment. Am Ende des Tages ist Conny manchmal auch dort, um die Post zu holen, könnte ja ein Filmskript dabei sein.

Die restliche Zeit rennt Fräulein Klapper im internationalen Filmproduktionsgeschehen (im Folgenden das Business genannt) herum, schlägt die Klappe für die Takes, wechselt Filmrollen und macht sich in den großen und ganz großen Produktionen unentbehrlich. Conny arbeitet beim Film, genau genommen bei vielen Filmen. Engagiert wird sie in der Regel als Clapper Loader (Assistenz der Kamera). Da ist sie dann als die gute Fee des Kameramannes für die Wartung und Organisation der Kameras zuständig, kümmert sich darum, dass er tun kann, was er tun muss und tut dafür, was sie kann, so gut sie kann. Ob sie ihren Job gut macht, kann ich persönlich nicht beurteilen, aber wenn Befürworter wie Quentin Tarantino der Meinung sind, dass dem so ist, muss es ja wohl stimmen. Neben Können war bei ihrem bisherigen Werdegang ab und an auch ein Quäntchen Glück dabei. So ist ein Kontakt dadurch entstanden, dass sie auf die Anzeige »zwei Findelkätzchen suchen Zuhause« einer Kamerafrau reagiert hat und die Katzen in ihre Obhut nahm. Die Kamerafrau wiederum brachte sie später mit Tarantinos Stammcrew in Verbindung. Kinder, merkt euch das, spätestens seit es das Internet gibt, sollte jeder von uns sich der Bedeutung von Katzen für das Weltgeschehen bewusst sein. Zurück zu Conny. Sie arbeitet 350 Tage im Jahr, mal schwitzend, mal in ihrem bewährten FünfSchichten-übereinander-Outfit durch Minusgrade und Schneeverwehungen. Dies meist ohne Handschuhe, die würden nur stören.

Bei 80 Stunden-Arbeits­wo­chen zuckt sie nicht mal mit der Wimper und macht selbst dreck­beschmiert mit ihren Kollegen noch Witze über das glamouröse Leben im Business. So und nicht anders macht sie sich nicht nur hinter der Kamera unentbehrlich, sondern sogar beliebt. Und manchmal kombiniert sie alles miteinander. Am Set zu The Angriest Man in Brooklyn miaute sie ganz leise zur Entspannung vor sich hin. Plötzlich drehte sich Robin Williams (er ruhe in Frieden) um und begann zurückzumiauen. Was mit leisem Miauen begann, endete in einem Tage dauernden Catfight.

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Robin-williams

Vorspann

Connys Opa Helmut war Foto­graf und teilte seine Leidenschaft mit der Enkelin. Während Conny das eingefangene Bild ganz gern mochte, liebte sie das Bewegtbild. Stunden um Stunden brachte sie damit zu, mit einfachster Technik kleine Zauberfilmchen im Garten zu drehen. Später, was mit Film zu machen, darüber hatte sie nie sonderlich nachgedacht. Bei einem Besuch der Bavariastadt lief sie zufällig an der zugehörigen Film- und Medienakademie vorbei, ging hinein, bewarb sich, wurde direkt am selben Tag aufgenommen, machte zuhause noch schnell ihre Matura, zog nach München, studierte von 2008 an für die folgenden 3 Jahre, ließ die Sau raus und bekam ein Praktikum bei Arri.

Arri ist einer der führenden Film- und Kameratechnikriesen, der selbige nicht nur produziert, sondern auch an Crews vermietet. Neben dem Material gab es als kleines Extra auch mal die zugehörigen Servicemitarbeiter mitvermietet. Die Crew rund um Reed Morano (Kamerafrau aus NY) hatte sowohl Bedarf an dem einen als auch an dem anderen. Arri schickte Praktikantin Conny für sechs Wochen zum Dreh nach Südtirol. Es war kalt und Winter und nass und Conny war das egal, denn es war ihr erster echter Job. Sie hatte Spaß daran, hängte sich voll in die Arbeit, zum einen, weil es ihre Art ist, und zum anderen, weil sie wusste, dass es sonst kein Morgen geben würde. Es war ein kleiner Schritt für die Filmwelt, aber ein Riesenschritt für Fräulein Klapper. Denn Anfang 2009 wurde sie von Reed nach New York eingeflogen.

Austrian Woman in New York

In New York angekommen, wartete Reed hinter der Kamera und Daniel Radcliff (Harry Potter) davor. »Etwas aufgeregt war ich schon, ihn persönlich zu treffen, aber, so schräg es klingt, das Business härtet dich bezüglich Stars total ab.« Wo bei Fräulein Klapper am Anfang noch etwas Glück mitmischte, verließ sie sich fortan auf sich selbst. Nach Amerika zu gehen und den »Tellerwäscher zum Millionär«-Traum alias »Kamerastudent zur Hollywood-Kamera­frau«-Traum in die Realität zu übersetzten, ist nicht ganz so einfach, wie es sich in diesem Beitrag anhört. Aber das wissen wir ja alle schon zur Genüge von den Größe-40-Models aus Auf und Davon und den Ballermann-Barmännern aus Die Auswanderer. Ein Schritt nach dem anderen.

Etwas aufgeregt war ich schon, ihn persönlich zu treffen, aber, so schräg es klingt, das Business härtet dich bezüglich Stars total ab.

Ohne die Möglichkeit offiziell zu arbeiten, greift Conny auf den altbewährten Trick Praktikum zurück. Sie arbeitet sich von Set zu Set, fällt abends dann müde in ihr Bett, um morgens wieder für einen Apfel und ein Ei aufzustehen. Zwischen Orientierung, Dazulernen und Stress wartete zu Hause, Gott sei Dank, ein lieber Mitbewohner, der so lieb war, dass ein gutes halbes Jahr später in einer Chapell in Las Vegas die Hochzeitsglocken läuteten.

Kamera ab und Action!

Nun, mit der Möglichkeit auch für die Arbeit bezahlt zu werden, gab es für Conny kein Halten mehr. Urlaub und Freizeit waren in einer Dauerschleife auf das kommende Jahr verschoben und vom nächsten Jahr aufs nächste. »New York ist voll mit Arbeit«, erzählt Conny, »es ist nicht unüblich, dass ich etwa fünf Anrufe am Tag kriege, in denen ich für Jobs angefragt werde«, sagt sie. Wie es dazu kommt, ist schnell erklärt. Es geht um die sogenannte Liste. Dabei handelt es sich nicht um einen John Grisham-Roman. Bei einem Dreh, und sei es nur ein Kurzfilm, braucht es Leute ohne Ende. Diese Leute wiederum sind nach Nützlichkeit und Aufgabenfeld in sogenannte Departements kategorisiert. Fräulein Klapper ist Teil des Kameradepartements. Leute und Kontakte, die man im Alltag kennenlernt, sind später Kapital. Wer sich gut macht und auf den Punkt abliefert, wird im Schneeballsystem nach oben weiterempfohlen. Doch wer oder was ist schon »gut«? Conny meint dazu: »Klar ist es wichtig, dass man weiß, was zur Hölle man da eigentlich macht. Doch in meinem Job kommt es genauso auf Zähigkeit, Freundlichkeit, Motivation, gute Laune, Liebe zu dem ganzen Scheiß und vor allem NICHT JAMMERN an.« Die andere Seite der Liste ist, dass man selbst ebenfalls Kollegen weiterempfiehlt. Nach dem Motto »Zeig mir deine Bekannten und ich sag dir, wer du bist« ist das eigene Netzwerk aussagekräftiger als jede Visitenkarte. Wer von euch eins und eins zusammenzählen kann, erkennt, dass Conny das System nicht nur verstanden haben muss, sondern Teil davon geworden ist.

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quentin-tarantino

Fräulein Klapper and Mr. Tarantino

Es ist Winter 2014. Am anderen Ende der Leitung ist Fred Raskin, Kameramann und seit Jahren der Filmer bei den Produktionen mit Quentin Tarantino. Fred will Conny, und sie weiß, was das heißt. Sie stimmt zu, lässt eines zum anderen kommen und fliegt bald darauf zum Set von The Hateful Eight.
Ich will wissen, ob es Unterschiede zur Arbeit mit anderen Regisseuren gibt. Und mein lieber Schieber, die gibt es. Conny erzählt, dass Quentin wirklich ein Genie ist und seine Leidenschaft das gesamte verdammte Team antreibt.

Sie erzählt, dass die Crew wie eine Familie ist und dass es ganz klare Prinzipien gibt, an die sich alle halten. So sind beispielsweise keine Handys am Set erlaubt, für niemanden, nicht für die Schauspieler und nicht für die Produzenten. Er verlangt Fokus, dass die Leute miteinander sprechen und nicht auf Bildschirme und Monitore starren. Da kennt Quentin keine Ausnahme, denn, wie Conny zu berichten weiß, behandelt er jeden genau gleich. Für ihn ist der Film sein ein und die Crew sein alles, denn ohne das eine gibt es auch das andere nicht. Als er erfährt, dass Conny aus dem deutschsprachigen Raum kommt, erhält sie kurzerhand den Spitznamen »Fräulein Klapper«. Die nächste Besonderheit an der Arbeit mit Quentin liegt darin, dass er auf klassische Technik um filmische Handarbeit setzt. So kommt Conny in den Genuss mit 65 mm-Filmbändern zu arbeiten, dem Maybach unter den Filmrollen. Doch, wie Spiderman schon sagte, liegt in großer Kraft auch große Verantwortung. Wird eine Rolle beschädigt, bedeutet dies, dass acht Minuten Film weg sind. »Du möchtest nicht und niemals unter gar keinen Umständen der sein, wegen dem die ganze Crew von vorne anfangen muss«, erzählt Conny. Für sie selbst ist der Dreh mit allem Drum und Dran ein absolutes Highlight für ihr Loader-Leben. Doch was wäre das große Glück ohne die vielen kleinen.

Du möchtest nicht und niemals unter gar keinen Umständen der sein, wegen dem die ganze Crew von vorne anfangen muss.

Als ich Conny danach frage, was das Rezept für ein Leben mit wenigen Stunden Schlaf, hohem Druck, unstetem Lebenswandel und harter körperlicher Arbeit ist, da fängt sie an zu strahlen. Sie weiß sehr genau, was ihr Leben bedeutet. Sie erzählt vom Drehen in zauberhaften Bibliotheken, von Sonnenuntergängen auf weiten Dachterrassen und von Menschen, die mit einem zusammen einen ganzen Film erschaffen. Davon, dass sie durch das Business um die ganze Welt kommt. Davon, dass sie in den Pausen mit dem Snowboard über die Piste jagt oder mit einem Pferd durch die Prärie reitet und dass jeder Dreh für sie die Fülle an Erlebnissen eines ganzen Jahres bereithält. Davon, dass sie das, was sie macht, nie machen könnte, wenn sie nicht mit ganzem Herzen dabei wäre.

Fotos: Handout Cornelia Klapper

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