Klein, aber fein – das Clanx Festival

Vom 26. bis 28. August findet im schweizerischen Appenzell das Clanx-Festival statt. Ich habe mich auf dem letztjährigen Festival mit Alain vom Organisations-Team getroffen und gefragt, was alles nötig ist, um so ein Event auf die Beine zu stellen.

Nach einer halbstündigen Autofahrt komme ich im Appenzell an. Der vielen vom »Biberli« bekannte Ort befindet sich ein paar Kilometer hinter dem Schweizer Grenzübergang bei Feldkirch. Somit ist es keine Weltreise. Als mein Navi meldet, dass ich am Parkplatz angekommen bin, blicke ich verdutzt in eine Bushaltestelle. Nach einer kurzen Irrfahrt auf der Hauptstraße erspähe ich schließlich das Parkplatzschild. Beim gekonnt in einem Zug vollführten Einparkmanöver fällt mir auf, dass ich im einzigen Auto mit österreichischem Kennzeichen sitze. Wird also eine völker-verbindende Geschichte – diese Verantwortung lastet schwer auf meinen Schultern. Nicht so schwer wie der Fußmarsch, der mir noch bevor steht. Denn nun heißt es Wanderschuhe auspacken und loslaufen. Ich behalte meine Sneakers an, weil cooler und mache mich auf den Weg. Nach einer halbstündigen Sightseeing-Tour durch die Appenzeller Vorgärten erspähe ich hinter einer kleinen Anhöhe das Festivalgelände. Die haben einen tollen Ausblick.

Da ich kein Marathonläufer bin, hat mich diese kurze körperliche Ertüchtigung hungrig gemacht, außerdem haben die Clanx Jungs mit ihrer exzellenten Küche geprahlt. Naja, geprahlt nicht, aber es ist mir aus irgendeinem Grund im Gedächtnis geblieben, darum steuere ich ohne Umwege auf die Essensausgabe zu. Alain muss sich noch gedulden.

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Das »Restaurant« versteckt sich unter einem großen Zelt und macht einen abenteurlichen Eindruck. Man muss eine einfache Holztreppe hochsteigen und kommt dann an der Kantine vorbei, wo es ein paar Gerichte zur Auswahl gibt. Ich nehme Schwein. Hat auch einen Grund. Mir ist wieder die Geschichte von »d’ Clanx-Sua« eingefallen, die mir Alain erzählt hat: »Wir achten sehr darauf, regionale oder noch besser lokale Produkte zu verwenden. Deshalb haben wir vor zwei Jahren drei Alpenschweine gekauft. Die haben wir mit »Clanx« gebrandet – also nur mit Farbe angemalt. Diese wurden dann auf dem Festival verwertet. Natürlich gab es einige wenige negative Reaktionen darauf, aber das kann man nie vermeiden.« Diesmal handelt es sich nicht um »d’ Clanx-Sua«, aber das Essen schmeckt großartig, was für ein Festival eher ungewöhnlich ist. Zeit, Alain aufzusuchen.

Als ich ihn finde, gibt er mir gleich ein Bier aus – sympathisch. Nicht irgendeines, sondern ein dunkles, kräftiges Bier – noch sympathischer. Ich spreche ihn auf die Küche an und wie sie es bewerkstelligen, in dieser Qualität und großen Menge zu servieren. »Wir haben einen kreativen Küchenchef, der probiert immer Neues aus. Der Rest ist Organisationssache und Erfahrung.« Wir machen uns auf den Weg über das Festivalgelände.

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Alain war nicht von Anfang an dabei. 2007 feierte er noch als Besucher mit, ein Jahr später war er bereits im Organisations-Team. »Clanx ist zwar ein cooler Name, aber den haben nicht wir erfunden. Es gibt ihn schon seit dem frühen Mittelalter. Man weiß aber nicht so genau, was es heißt«, verrät Alain. Erstmals durchgeführt wurde das Festival im Jahr 2003, damals eigentlich nur als Geburtstagsfeier eines gewissen Samuels. Er habe sich zum 20er eben etwas Besonderes gewünscht. Dieser extravagante Geburtstag wurde dann auf der Burgruine Clanx gefeiert – logisch, dass das Festival auch danach benannt werden musste. Da der Geburtstag so viel Spass gemacht hat, wurde er in den folgenden zwei Jahren auch so und dort gefeiert. Damals noch sehr punklastig – vielleicht hatte deshalb der dortige Grundbesitzer die Nase voll und sagte zu einer weiteren Veranstaltung »Nein!«. Daraufhin pausierten die Festival-Macher für ein Jahr. Gut Ding braucht eben Weile. 2007 könnte aber schon das erste Mal auf dem jetzigen Gelände gerockt werden. »Zu diesem Zeitpunkt waren man froh, dass keine roten Zahlen geschrieben wurden«, scherzt Alain. Das ist generell wünschenswert, gerade als Nonprofit-Organisation – trotzdem wird man mit der Zeit ambitionierter. »Wenn wir heute 700 Leute hätten, würden wir sagen, es ist eine Katastrophe. Dazumal wären wir froh gewesen.« Heute gehen ca. 1.200 Tickets über den Ladentisch.

Wir gehen weiter in Richtung Würstlstand. Es liegen kohlrabenschwarze Bratwürste auf dem Grill, das daneben liegende Brot hat dieselbe Farbe. »Die sind nicht verbrannt«, erklärt Alain, »da wurde Kohle untergemischt, um sie einzufärben.« Hmm, lustige Idee, schmecken tun sie ganz normal.

»Unsere Zielgruppe sehen wir eher lokal, also das Appenzell bis nach St. Gallen. Vielleicht in Zukunft ja auch Vorarlberg«, grinst er. Ansonsten wendet man sich an Studenten. Deshalb ist der Bierpreis unvergleichbar niedrig »Drei Stutz für einen Becher«, sagt Alain stolz – also drei Franken. Zum Vergleich, auf anderen Schweizer Open-Airs liegt man schon mal bei acht Franken für den Becher. Darauf trinken wir noch eins. »Es gibt auch keinen Pfand«, erklärt er mir. »Und Zelten ist auch gratis.« Damit nicht genug. »Wenn wir vom Aufbau Restholz haben, stellen wir das den Besuchern zur Verfügung, die können damit Feuer machen, oder was sie wollen.« Ich geh nochmals kurz die Festivals im Kopf durch, die ich besucht habe und kommen zu dem Schluss, dass diese »laissez-faire«-Einstellung doch recht mutig ist. Warum es dennoch so gut funktioniert, kann Alain sich auch nicht so recht erklären. Das Publikum verhalte sich einfach anders als bei den großen Open-Airs. Manche treten sogar ihre Zigaretten am Boden aus und werfen dann die Stummel in den Mülleimer. Generell herrscht eine familiäre und entspannte Stimmung. Da kann es schon mal vorkommen, dass Bands früher anreisen und sich unter das Publikum mischen.

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»Wenn man aufs Clanx geht, ist es scheißegal woher man kommt, man ist dann einfach da«, sagt Alain, während wir in Richtung Hauptbühne wandern. Er fährt fort: »Wir wollen nie so eine Szene-Sache sein, darum sind wir offen, was Musikstile angeht – aber klar, etwas rocklastig sind wir schon.«

Mittlerweile ist es so, dass sich schon viele Acts von sich aus bewerben. Das ist aber nicht immer der Fall, oft ist klassische Recherchearbeit angesagt. Dann sitzen alle zusammen und schicken sich YouTube-Videos von coolen neuen Bands. Mittlerweile wissen sie auch, ab welcher Views-Zahl es keinen Sinn mehr macht, bei den Künstlern anzufragen. »Die haben dann andere Gagenvorstellungen.« Zu groß für das kleine Festival. Trotzdem erstellt das Team immer wieder ein ansprechendens Lineup,  wie heuer u. a. mit den Langtunes aus dem Iran, den Österreichern von Dunkelbunt, mit Grossstadtgeflüster aus Deutschland, sowie Tomazobi, Liricas Analas und The Shit aus der Schweiz.

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Wir stehen nun vor der »Startrampe«, eine kleine Bühne für Newcomer-Bands. »Hier haben wir den Fokus auf regionale Bands gelegt, die wollen wir in Zusammenarbeit mit dem Migros-Kulturprozent fördern.« Die »Startrampe« ist direkt vor dem »Restaurant« aufgebaut und ich bin somit wieder bei meinem Ausgangspunkt. Zum Abschied möchte ich noch wissen, woher der Antrieb kommt, so viele Arbeitsstunden und Urlaubstage in dieses Projekt zu inverstieren. »Einerseits ist das so ein Freundschaftsding unter uns, anderseits ist die größte Belohnung, wenn die Gäste happy sind«, erklärt mir Alain. Ein bescheidener Lohn für so viel Arbeit. Aber so sind nun mal Idealisten, die schaffen es, andere mit ihrem Enthusiasmus zu begeistern, bis dieser Spirit bei jedem einzelnen Gast angekommen ist. Damit es auch im nächsten Jahr wieder ein Clanx-Festival gibt.

Ich werfe meinen leeren Plastikbecher in den richtigen der vielen Mülleimer und mache mich auf in Richtung Parkplatz.

Fotos: © Ländle Magazin, 2015

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