Wie Gott uns schuf und wie wir geworden sind

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Eigentlich war ich immer der Meinung, Nacktheit sei nichts weiter als das Fehlen von Kleidung. Doch kaum wurde das Thema in unserer Redaktionssitzung vorgeschlagen, wurde ich von der Erkenntnis getroffen, wie Dr. McDreamy von dem Truck: Nackt bedeutet viel mehr als das.

Um genau zu sein, ist die Vielfalt an thematischen Ansätzen und unterschiedlichen Betrachtungsweisen so groß, dass die Länge des Artikels nicht ausreichen wird, um alles abzudecken. Dazu wäre wohl eher der Umfang einer Masterarbeit nötig – liebe Soziologie-Studenten, diesen Kelch reiche ich hiermit an euch weiter. Doch bevor ihr loslegt, lest euch diesen Artikel durch – als Denkanstoß, als Inspiration und nicht zuletzt zur Unterhaltung.

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Das »nackt« nicht immer nackter Körper bedeutet, zeigen schon viele Eigenarten unserer Sprache. Wir beziehen uns auf nackte Tatsachen, sprechen dabei von nichts als der nackten Wahrheit, stellen uns der nackten Gefahr, verfallen dem nackten Wahnsinn, geben daraufhin jemandem unser letztes Hemd und uns selbst die Blöße. Nacktheit hat auch viele symbolische Bedeutungen, welche nicht zwangsweise zusammenpassen müssen. So steht sie im christlichen Glauben für Unschuld und Unbewusstheit ebenso wie für Sünde, Verbot und die Verlockung des Teufels. Während nackte Haut in der Akt-Fotografie als Kunst gilt, wird sie in der Werbefotografie schnell zur billigen Masche. Die Auslegung von Nacktheit gleicht in vielen Belangen dem Neusprechbegriff »Doppeldenk« aus George Orwells »1984«. Laut diesem ist es möglich, zwei völlig widersprüchliche Überzeugungen aufrechtzuerhalten und beide zu akzeptieren.

Die Geilheit der Prüderie

Nacktheit ist in unserer Mitte angekommen. Wir sind in unserem medialen Alltag permanent von entblößten Körpern umgeben. Vor nicht einmal zwanzig Jahren sah das noch anders aus. Von der Pornoindustrie einmal abgesehen, waren die Unterwäsche-Seiten von Versandhauskatalogen und mehr oder weniger attraktive TV-Damen, die nach 0 Uhr verzweifelt nach Anrufern lechzten, unsere einzigen Quellen bei der Entdeckung nackter Körper. Das ist heute nicht mehr so. Nacktheit ist normal und für alle mit wenigen Klicks erreichbar – alles prima. Naja, fast alles. Wie gut hier die Theorie des „Doppeldenk“ funktioniert zeigt Instagram. Facebooks Foto-Tochter hat das Auberginen-Emoji verbannt, weil es zu anstößig war. Laszive Selfies hingegen sind kein Problem. Natürlich nur solange kein Nippelblitzer zu sehen ist.

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Das große Wichsen

Wie allergisch viele Menschen auf weibliche Nippel reagieren, zeigte vor wenigen Jahren der Nipplegate-Skandal, als Justin Timberlake die rechte Brust von Janet Jackson entblößte. Die Schlagzeile dominierte tagelang die Medien und alle waren sich einig: Das war das schrecklichste Ereignis in der jüngeren US-amerikanischen Mediengeschichte. Für ähnlich großen Rummel, aber deutlich weniger Entsetzten sorgte dann »The Fappening« 2014. Im Gegensatz zu Janets Brustwarze lösten die gestohlenen Nacktfotos zahlreicher Prominenter vergleichsweise wenig Empörung aus. Vielmehr vereinte sich das Internet zur kollektiven Masturbationsparty.

The Naked Network

Doch nicht nur, wenn es um die klassische körperliche Freizügigkeit geht, spielt das Internet eine große Rolle. Auch der Seelenstrip wird dank mehr oder weniger sozialer Netzwerke über Landes- und Zeitgrenzen hinausgetragen. Wer hat nicht schon die eine oder andere überemotionale Statusmeldung in seinem News-Feed entdeckt oder vielleicht sogar schon gepostet. Hauptauslöser dafür ist, neben alkoholbedingter Umnachtung, vor allem die liebesbedingte Bewusstseinsstörung. Fanden vor Facebook und Co. große Liebeserklärungen noch in einem kleinen, privaten und vor allem vergesslichen Rahmen statt, können sie heute durch Likes und Shares zu immenser Größe gepusht werden.

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Dabei sind es nicht nur Teenies, die sich hormongesteuert der emotionalen Blöße hingeben. Auch viele Erwachsene neigen zu mitleidheischenden Statusmeldungen oder wollen ihre neue Liebe mit ihren Freunden teilen. Vielen ist gar nicht bewusst, dass ihre Privatsphäre-Einstellungen dafür sorgen, dass auch Freunde von Freunden oder sogar alle anderen Menschen im sozialen Netzwerk mitlesen können.

Dieses Mitteilungsbedürfnis ist nicht neu. Schließlich wurden schon früher Herzen in Baumrinden geritzt und Wände, Brücken oder Züge mit Liebesbekundungen besprüht. »René + Tina für immer« verkündete dann die Bahnunterführung oft länger, als es René und Tina gab. Neben der Schreibweise – heute würde es wohl eher »René <3 Tina 4eva« lauten – haben sich besonders die Reichweite und die Haltbarkeit der Botschaft geändert. War die Botschaft damals an eben diese eine Bahnunterführung gebunden, reist sie heute möglicherweise rund um die Welt. Und auch wenn sie die Liebe der Beiden überdauerte, mit dem nächsten Anstrich oder der nächsten Reinigungsaktion verschwand die Liebesschmiererei.

Für immer nackt

Diesen Paradigmenwechsel bekamen schon einige zu spüren. Wer sich noch an Tokio Hotel Angie erinnert, darf gerne mal prüfen, ob das Video noch zu finden ist. Ähnlich verhält es sich mit Chris Crockers »Leave Britney alone«-Video. Zweiter konnte zumindest eine Porno-Karriere daraus schlagen. Prominentestes Beispiel ist jedoch Jaden Smith. Der Sohn des Schauspielers Will Smith erntete für seine überemotionalen, pseudo-tiefsinnigen und teils sehr bizarren Tweets weltweit Spott und Häme. Mit Meldungen wie »I Hope It Doesn’t Take For Me To Die For You To See What I Do For You«, »I Don’t Want You Guys To Think Because I Was Born In America That I Speak And Abide By English Grammar. I Speak Jaden, Indefinitely» oder »Most Trees Are Blue« und dem Klassiker: »How Can Mirrors Be Real If Our Eyes Aren’t Real« zog Jaden das Gelächter von Millionen auf sich. Schließlich versuchte sogar sein Vater ihn in Schutz zu nehmen und meinte, dass auch er mit 14 nicht der hellste Stern am Firmament war, er jedoch ohne Facebook, Twitter oder Instagram das Privileg hatte, ganz privat dumm zu sein. Damit mag Big Will durchaus recht haben, doch weder dieses Statement noch die Löschung von Jadens Twitter Account konnten das Internet vergessen lassen. Wer sich im Netz einmal die Blöße gibt, sei es seelisch oder körperlich, wird dort immer nackt zu finden sein.

Politische Nacktheit

Doch es gibt auch Menschen, die Nacktheit zu ihrem Vorteil nutzen. Die Rede ist dabei nicht von Micaela Schäfer, die ihre ganze Karriere nur auf Nacktheit aufgebaut hat. Die hier gemeinten Damen gehören zu einer Gruppierung namens »Femen«. Bekannt wurden die feministischen Aktivistinnen besonders durch ihre Oben-ohne-Aktionen. Das Entblößen von mit Parolen bemalten Brüsten sichert »Femen« bei fast jeder Aktion großes mediales Interesse. Einen Schritt weiter gingen fünf Aktivistinnen im Jahr 2013. Sie machten sich auch untenrum nackt und urinierten vor der ukrainischen Botschaft in Paris auf ein Porträtfoto des ukrainischen Staatspräsidenten Wiktor Janukowytsch.

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Auch andere Gruppierungen und Aktionen bedienen sich nackter Haut, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, beispielsweise die »Lieber nackt als im Pelz«-Kampagne der »Peta« Tierrechtsorganisation. Unzählige internationale Prominente ließen sich bereits für die Aktion vollkommen nackt ablichten, um sich gegen das Tragen von Pelz, gegen Tierversuche und andere Arten von Tierquälerei auszusprechen.

Nackte Selbstverständlichkeit

So verpönt, aufsehenerregend und skandalös Nacktheit auch heute noch sein mag, es gibt Bereiche und Situationen, in denen sie ganz normal ist. Dazu zählt nicht nur die besonders in Ostdeutschland beliebte Freikörperkultur. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der die Nacktbader sich vollkommen unbekleidet ins Wasser stürzen, entkleiden sich auch die spießigsten Durchschnittsbürger vor ihrer Ärztin, ihrem Masseur oder der auf Enthaarung spezialisierten Kosmetikerin. Doch auch die Nacktheit von anderen wird akzeptiert, wenn die Umstände passen. So können Dokumentationen über die Naturvölker Afrikas so viele Brustwarzen zeigen, wie sie wollen, ein Nipplegate wird das nie werden. Eher das Gegenteil ist der Fall – auf voll verschleierte Frauen in Burkas reagiert die Masse deutlich empfindlicher.

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Unser Empfinden für und von Nacktheit jeglicher Art ist nichts Definierbares. Es wird geprägt von zahlreichen Faktoren wie Alter, Zeitgeist, Erziehung, Religion oder Medien. Und es lässt sogar die Akzeptanz mehrerer, einander vollkommen widersprechender Ansichten zu. Wie diese zustande kommen und welche indirekten Auswirkungen sie auf die Wahrnehmung des eigenen sowie fremder nackter Körper hat, wie sie unser Leben beeinflussen und warum für viele Menschen männliches, öffentliches Urinieren akzeptabler ist als öffentliches Stillen – das, liebe Soziolgie-Studenten, überlasse ich nun euch.

Fotos: Jasmin Elmi, Haare & Make-up: Lee Julie Rusch, Location: Flora Schwarzach

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