Frauenfußball ist etwas für Idealistinnen

sonja-spieler-beitrag

Nomen est omen – Sonja Spieler trägt ihren Nachnamen nicht umsonst. Kicken war ihre Passion: mit 64 Einsätzen für unser Nationalteam war sie lange unangefochtene Rekordspielerin, ihre Spiele beim FC Bayern München legendär. Das alles zu einer Zeit, als Frauenfußball noch »was für Mädchen« war.

Nie vergessen woher man kommt und sich selbst nicht zu wichtig nehmen – als wir Sonja Spieler zum Interview treffen ist sofort klar: Hier haben wir es mit einer Bodenständigen zu tun. Große Erfolge hin oder her, entscheidend sind für sie andere Dinge. Für uns natürlich auch, aber nicht nur. Schließlich sitzt uns eine Frau gegenüber, die viel für den Frauenfußball getan hat. In Österreich, aber auch generell.

Zurück zum Wesentlichen – und zwar zum Runden, das ins Eckige muss. Diese Faszination hat die gebürtige Bregenzerin, die in Hohenweiler aufgewachsen ist, schon früh »erwischt«, nämlich im zarten Alter von neun Jahren. Ob’s daran lag, dass es in der kleinen Gemeinde freizeittechnisch so gut wie nichts anderes gab oder der Fußballplatz zufällig ums Eck ihres Elternhauses lag? Das kann Spieler heute nicht mehr sagen. Ist auch egal, denn was danach kam, gleicht einer märchenhaften Erfolgsgeschichte: Mit 15 Jahren stand sie erstmals im Kader des A-Teams, von Hohenweiler aus folgten Stationen in Schwarzach, dem SV Oberteuringen und dem TSV Tettnang. 2002, im Alter von 24, war ihr persönliches Fußball-Schicksalsjahr. Bei einem Testspiel gegen den FC Bayern fiel sie auf. Mehr noch, sie hat die Bayern-Vertreter umgehauen. Und zwar so dolle, dass die Mittelfeldakteurin direkt von der dritten Liga in die erste wechselte. Bäm! Ein Volltreffer sozusagen. Trotz der Bayern-Anfrage blieb Sonja Spieler cool, zumindest äußerlich. »Sie fragten mich direkt nach dem Spiel, ohne Umschweife, geradewegs auf den Kopf zu. Aber klar, ich war schon ein Stück weit überwältigt«, schmunzelt die 37-Jährige.

»Nach dem ersten Spiel war ich platt«

Sie hat zugesagt, der Wechsel in das neue Fußball-Leben nur noch eine Formsache. Nach wochenlanger Vorbereitung und Training, u.a. mit der Männermannschaft des TSV Tettnang, ging’s dann ab nach München. »Ich wurde als der neue Ösi im Team vorgestellt, sehr nett«, so Spieler. »Ich bekam eine Spielerin zur Seite gestellt, die mich die erste Zeit begleitete. Das hat mir sehr geholfen, mich zurecht zu finden. Nicht nur im Verein, sondern auch in München. Vom ›kleinen‹ Hohenweiler in die bayerische Mega-Metropole – das war für mich nicht ohne. Und dann der erste Gang durch die Trophäensammlung an der berühmten Säbenerstraße – wow, das war schon extrem beeindruckend«.

Viel Zeit hatte Spieler allerdings nicht – weder zum Staunen noch zum Einleben. Auch nicht zum Schlafen, vor allem nicht in der Nacht vor ihrem Bayern-Debüt. Aufgeregt oder immer noch cool? »Naja, der Druck war schon hoch. Vor allem, weil ich mich in der Vorbereitung noch verletzt hatte. Dazu kam, dass ich in einer für mich damals nicht grad vorteilhaften Position eingesetzt wurde, nämlich rechts außen. Ich bin eher eine zentrale Spielerin mit klarer Stärke in der Defensiv-Arbeit. Tja, und dann war’s rechte Außenbahn, alles sehr laufintensiv. Nach dem Spiel war ich unheimlich erschöpft, ich war platt«, erinnert sich Spieler. »Vom Tempo her, von der Spielhärte – all das war nicht zu vergleichen mit dem ›vorher‹«.

Unten weiterlesen

sonja-spieler-01

Stutenbissigkeit? Fehlanzeige.

Aber Spieler hat sich durchgesetzt, hat die Anfangsschwierigkeiten überstanden und sollte sogar 110 Bundesliga-Partien zwischen 2002 und 2010 mit den Mädels des FC Bayern absolvieren. Ob’s hier und da mal sowas wie Stutenbissigkeit gab – im Gegensatz zum Herrenteam? »Nein, das kann ich nicht bestätigen. Klar, Frauen sind generell ein wenig nachtragender, aber das ist auch außerhalb des Platzes so. So sind wir halt«, lacht Spieler herzlich. »Aber im ernst: Neid oder Zickigkeit hab ich nicht erlebt. Was da war: eine normale Rivalität. Insgesamt war das eher pushend und hat uns gut getan. Das spornt zu zusätzlichen Metern oder einer Trainingseinheit mehr an!« Und wie das so ist, wenn man in ein Stadion einläuft, die Blicke von tausenden Zuschauern auf sich bzw. auf die Frauschaft gerichtet? »Zum Spielanpfiff ist alles weg, wie ausgeblendet. Man ist in seiner eigenen Welt, komplett fokussiert auf das Spiel. Ich hab da nie wirklich viel mitbekommen. Aber das lernt man«. Wie so vieles, wenn man wie Sonja Spieler eine Vorreiterin ist.

Diese Rolle wurde ihr ja schließlich schon als junges Mädchen zu Teil. »Als ich mit dem Fußball begonnen habe, waren nur Burschen am Ball. Ich war landesweit das einzige Mädchen«. Training mit Jungs, Matches mit Jungs, sich messen mit Jungs. »Bis 12 Jahre ging das, da war alles im Schiff sozusagen. Mit 13 habe ich dann für ein Jahr eine Sondergenehmigung bekommen, um in der Jungs-Mannschaft weiterspielen zu dürfen. Aber es musste eine weibliche Begleitperson dabei sein. Dann wurde Gott sei Dank eine Frauenauswahl gegründet und ich in die Nationalmannschaft einberufen.« Spieler war dabei, ihr Ehrgeiz ab diesem Zeitpunkt unstoppable. »Für deine Nation spielen zu dürfen, das ist etwas ganz Besonderes. Vor allem, wenn man so jung ist«.

Ein Karriere-Ende bedeutet kein Lebens-Ende!

Spieler, die auch in ihrer Freizeit nie ohne Ball zu sehen war, hat sich durchgesetzt. Brachte Schule, Training und Fußball unter einen Hut, ohne Probleme. Die kamen erst später in Form von gesundheitlichen Rückschlägen. Das Pfeiffersche Drüsenfieber, später dann ein Kreuzbandriss, machten Spieler einen Strich durch ihre Fußball-Rechnung. Ihre letzte FC Bayern-Saison spielte sie 2010/11 – dann war endgültig Schicht im Schacht.

Neues Leben also, neues Glück? Beides sieht sie nicht so. »Ich hatte und habe einen Job beim Land Vorarlberg, der mich erfüllt. Ich reise so viel wie möglich, war letztes Jahr mit meiner Mädels-Truppe zum Beispiel auf dem Piz Puin. Ich spiele nach wie vor Fußball, im U35-Team in Tettnang. Ich organisiere Jugendcamps und fördere junge Mädchen und Burschen, die in die Fußballwelt einsteigen. Meine Leidenschaft gehört dem Leben, dem Sport, der Bewegung und der Begegnung.

Mein Karriereende ist kein Ende im wortwörtlichen Sinne gewesen, sondern eine Wendung, mit der ich absolut im Reinen bin«. Wer Spielers funkelnde Augen sieht, der weiß, dass sie das auch so meint. Sie ist dankbar für das, was war. Sie weiß, dass alles seinen Sinn hat.

Unten weiterlesen

sonja-spieler-02

»Männer legen mehr Theatralik an den Tag«

Wer glaubt, Spieler hätte während ihrer aktiven Fußball-Karriere Millionen auf die Seite geschäffelt, der irrt. »Schön wärs! Aber nein, vom Frauenfußball konnte ich nicht leben«. Ob sie eifersüchtig war auf die horrenden Gagen ihrer männlichen Kollegen wie Alaba & Co? Sie verneint aufrichtig. Aus gutem Grund: »Klaro, die Gehälter und Transfersummen sind schon irre, teilweise unverständlich hoch. Was aber viele Leute manchmal gerne vergessen: die körperlichen Hochleistungen, das Aufgeben vieler Dinge, das Verletzungsrisiko. Und nicht zuletzt, dass Fußballer Millionen von Menschen begeistern. TV-Rechte, Sponsoren und große Marken nutzen das natürlich«. Wobei sie weiß, dass wir hier vorwiegend von der männlichen Riege sprechen. Ob sie das fair findet? Diese Frage stellt sich für Spieler nicht. Der Frauenfußball, so sagt sie, ist über die Jahre gewachsen – sowohl von der Anzahl der Spielerinnen als auch dem Ansehen. »Förderprogramme der UEFA oder FIFA, das nationale Fußball-Frauenzentrum, die Möglichkeit der Championsleague und vieles mehr tragen a) Früchte und b) immer mehr Zuschauer. Frauenfußball wirkt, heute mehr denn je. Die Zukunft hat da längst begonnen. Klingt ein wenig kitschig, ist aber so«. Heißt: Der Unterhaltungswert des Frauenfussballs steigt. Und das, obwohl Männer mehr Theatralik an den Tag legen, wie sie sagt. »Aber der Kampf, das Spiel, die Regeln sind die gleichen. Und netter gehts bei den Frauen auch nicht zu, gefoult wird hier wie da, gewinnen wollen immer beide Seiten. Da gibts keinen Geschlechter-Unterschied«.

Obs irgendwann gemischte Mannschaften geben wird? »Ich hoffe nicht, warum auch!? Jedem sein Ding. Frauen und Männer sind unterschiedlich, das kann so bleiben. Ich sehe da keine Veranlassung zu«. Wo sie demnächst aber Handlungsbedarf sieht: Beim Einkaufen. Für das richtige EM-Fuball-TV-Equipment, wenn ihre Mädels zum EM-Schauen und Mitfiebern kommen. »Darauf freue ich mich riesig!«.

Wordrap

Frauenfußball: Für Idealistinnen!
Mannschaftskoller: Hatte ich nie.
Ballkontrolle: Wichtig, denn das heißt die gegnerische Mannschaft muss viel laufen.
Teamgeist: Kann das Unmögliche möglich machen.
Richtungswechsel: Verlangt Mut und Selbstvertrauen!
Vorbildfunktion: Schärft das Bewusstsein.
Erwartungsdruck: Sehr individuell, den mach ich mir oder nicht!

Fotos: Headerfoto © Michaela Erne – Rock the Public, restliche Fotos – Handout Sonja Spieler

Kommentar verfassen