Sting: Ein Weltstar in der Kleinstadt

Sting in Rankweil

Die Veranstalter des Rankweiler Open Airs dürfen sich auf die Schulter klopfen: Zum 30. Jubiläum fragten sie Sting an. Mutig. In einem Interview hieß es, es war ein langer Prozess bis der Termin bestätigt werden konnte. Wie schön, dass es Menschen gibt, die groß träumen.

Stimmung komm raus – du bist umzingelt!

Joe Sumner, Sohn und Support-Act von Sting, betrat mit dem Glockenschlag um 20 Uhr die Bühne. Wer nicht wusste, wer der Mann da oben war, dachte bestimmt einen Moment lang, er hätte aller Pünktlichkeit zum Trotz den Beginn des Hauptacts versäumt. Schräg. Die Stimme hat der Herr eindeutig von seinem Vater Gordon Matthew Thomas Sumner aka Sting geerbt. Trotzdem unterscheidet er sich eindeutig von ihm, Sting Jr. stand alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne und performte Songs, die immer ein bisschen nach Jamsession klangen. So als hätte Joe Sumner vergessen, dass er vor einem Publikum steht. Sympathisch. Trotzdem waren seine Songs etwas zu ruhig, um als Einheizer zu funktionieren.

Sting in Rankweil

Nach dem Konzert wurde zügig umgebaut und Sting betrat mit Band die Bühne. Aber hallo, wer steht denn da als Backgroundsänger? Ist das nicht … ja, er ist es: Joe Sumner war nicht nur vor, er war auch MIT seinem Papa auf der Bühne. Lieb. Schade, dass das Konzert nicht gleich mit einem Gassenhauer begann. Selbst als »Englishman in New York« losgeht, ging das Publikum nicht richtig mit. Hinter uns ärgerte sich ein Mann mit starkem Dialekt über seine faden Landsleute. Was ist nur los mit diesen Vorarlbergern? Ich bin normalerweise eine zurückhaltende Konzertgängerin, aber aus Mitleid mutiere ich zum Woo-Girl. Peinlich. Aber irgendwer musste ja anfangen. Leider brachte mein Engagement nicht viel, außer dass mir nicht mehr kalt war.

Was ist nur mit diesen Vorarlbergern los?

Das gemeine Volk im Westen Österreichs ist auf Konzerten äußerst höflich. Da wird nicht einfach so zwischenrein geklatscht. Auch nicht, wenn die Darbietung gerade grenzgenial war. Außer sie wird eindeutig als Solo gekennzeichnet: Musiker xy geht ein paar Schritte auf das Publikum zu, die restliche Musik tritt in den Hintergrund und nach dem Solo ist eine kleine Pause, die anzeigt, dass man nun applaudieren darf. Nett.

Contenance!

Sting selbst hatte wohl keine Probleme mit dem Publikum. Er schaukelte die Stimmung gemächlich nach oben, bis sie nach ca. einer Stunde verhältnismäßig kochte. Langsam zweifelte ich an meiner Einschätzung. Vielleicht lag das ja auch am Durchschnittsalter der Besucher und nicht am Ort der Austragung. Es muss an der Zielgruppe liegen: Bilderbuch-Fans sind ein bisschen dynamischer als Sting-Fans. Logisch. Mit dem Publikum reden, das kann der Bilderbuch-Maurice übrigens ausgezeichnet, Sting-Sting ist da eher der ruhige Typ. Könnte auch ein Grund für die strammstehende Menge gewesen sein.

Sting in Rankweil

Irgendwann suchte der Weltstar seinen Nachwuchs: »Wo ist mein Sohn?« – »Hier!« – »Ich bin müde.« – »Gute Nacht!« Sting überließ für einen Moment Joe die Bühne. Ich dachte erst, er würde nun einen Hit seines Vaters zum Besten geben. Doch er ehrte lieber David Bowie und sang »Space Oddity«. Am Ende des Songs kam Sting wieder dazu und sie sangen gemeinsam weiter. Zuerst kam es mir komisch vor, dass Joe mit seinem berühmten Vater tourt, doch je fortgeschrittener der Abend wurde, umso stimmiger fand ich das Familienunternehmen. Die beiden waren sichtlich stolz aufeinander und hatten gemeinsam Spaß. Schön.

Kurz vor 22 Uhr wurden auch die Vorarlberger lockerer, sie tänzelten zu »Desert Rose« und beim Solo des Harmonikaspielers wooten sie sogar ein bisschen. Es machte richtig Spaß. Wahrscheinlich ging es nicht nur mir so: Die Zurückhaltung minderte in keinster Weise das gelungene Konzert. Die große Sause hatte Sting bestimmt am nächsten Tag in der Wiener Stadthalle. Bei »Next to you« von The Police feierte das Publikum Sting endlich gebührend und bei »Roxeanne« stand kein Fuß mehr still. Nach der letzten gespielten Note gingen viele glückliche Menschen nach Hause. Großartig. Wir summten bis zum Auto das Abschlusslied »Fragile«.

Kommentar verfassen