Selber machen lassen! Wie man Technik mit Ablaufdatum wieder ganz kriegt.

geplante Obsoleszenz-Beitrag

Bauen Unternehmen bewusst Schwachstellen in Produkte ein, um die Lebensdauer der Geräte zu verringern und so Kunden zum Kauf neuer Ware zu animieren?

Wer kennt das nicht: Kaum ist die Garantie der Waschmaschine abgelaufen, geht sie kaputt. Nur reiner Zufall? Die These der »geplanten Obsoleszenz« sieht das anders. Oft soll es geplant sein, dass Produkte frühzeitig den Geist aufgeben, indem bewusst Schwachstellen eingebaut werden. Also eine absichtliche Verkürzung der Lebensdauer, die dazu führen soll, dass wir neue Produkte kaufen. Der Begriff »geplante Obsoleszenz« (von lat. obsolescere – sich abnutzen, alt werden) geht zurück auf die Veröffentlichung des Brokers Bernard London, der 1932 in »Ending the Depression Through Planned Obsolescence« beschrieb, dass durch den Einbau von Fehlern neue Produkte gekauft werden müssten und damit die Wirtschaft angekurbelt würde. Den Konsum anregen und damit der Wirtschaft aus der Depression helfen. Es scheint, diese Lösung kommt auch heute noch zum Einsatz.

Schneller kaufen – schneller wegwerfen

Axel Mayer, Regionalgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland, bringt es in einer Rede zum Thema »geplante Obsoleszenz« auf den Punkt: »Ich glaube nicht daran, dass hinter ›Schneller kaufen – schneller wegwerfen‹ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht. Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in Krisen und einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums.«

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Mehr arbeiten, schneller kaufen, noch schneller wegwerfen – das passt perfekt in unsere heutige Konsum- und Leistungsgesellschaft. Habt ihr euch nicht auch schon einmal gefragt: »Wie viele Dinge besitze ich eigentlich und was davon brauche ich wirklich?« Unser Streben nach Wohlstand und schnellem Wachstum treibt uns zum Kauf immer neuer Dinge. Axel Mayer fragt sich zudem zu Recht: »Wohin mit den ganzen Produkten? Wer soll den ganzen Scheiß eigentlich kaufen und woher sollen die Energie und Rohstoffe für diese Produktflut eigentlich kommen?« Jährlich kommen in Deutschland 1,7 Mio. Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte auf den Markt, das sieht bei uns ähnlich erschreckend aus. Gerade in diesem Bereich stellt sich oft die Frage: »Ist neu automatisch besser?« Wer ein Handy länger als fünf Jahre besitzt, gehört oft schon zum »alten Eisen«. Gerade Smartphones oder Computer gehen schnell kaputt und auf viele Geräte folgt nach wenigen Monaten bereits ein Nachfolgemodell.

Schlechte Reparierbarkeit verkürzt Lebensdauer

Viele Geräte sind kurz nach Ablauf der Garantiezeit defekt, eine Reparatur »lohnt sich nicht mehr« oder ist von vornherein gar nicht erst möglich. Ein Beispiel sind Drucker, die nicht aufgrund der tatsächlichen Abnutzung das Ende ihrer Lebenszeit erreichen, sondern weil es der Hersteller so will. Bei manchen Druckern werden beispielsweise Zähler-Chips eingebaut, so dass der Drucker nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten nicht mehr funktioniert. Die einfache Lösung: Chip auf Null stellen und der Drucker funktioniert wieder einwandfrei. Aber wer weiß das schon?

Ein wahrer Klassiker der »geplanten Obsoleszenz« ist die Waschmaschine. Bei Oma hielt da so manch eine noch 30 Jahre lang, davon können wir nur träumen. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Waschmaschine lag im Jahr 1998 immerhin noch bei rund zwölf Jahren. Heute hält sie maximal sechseinhalb Jahre, manche Billigprodukte sogar nur drei Jahre. Hier sind zum Beispiel zu schwach dimensio-nierte Dämpfer eine Ursache, die zu einer Materialermüdung im Kugellager führt und somit die Waschmaschine frühzeitig ins Jenseits schickt.

Ein weiteres Beispiel sind auch alle technischen Geräte mit fest eingebauten Akkus. Geht der Akku unseres heiß geliebten Smartphones kaputt und kann nicht ausgetauscht werden, ist zumeist auch das ganze Teil nicht mehr zu gebrauchen. War der Akku unseres Nokia-Handys auch durch stundenlanges »Snake« spielen damals nicht kleinzukriegen, reichen heute schon ein paar WhatsApp-Nachrichten aus, um das Smartphone zwei Mal pro Tag aufladen zu müssen. Klar »kann« das mobile Endgerät heute viel mehr als in den 90ern zu Nokia-Zeiten. Aber heißt das deshalb nicht auch automatisch, dass mit dem Fortschritt der Technik auch die Akkus länger haltbar gemacht werden könnten? Bei neuen Smartphones lässt sich der Akku nicht oder nur mit Spezialwerkzeug ausbauen und reparieren. Für die Hersteller ganz schön »smart«, so ein »phone«, und eben auch für unsere Wegwerfkultur.

Es gibt viele weitere Produkte, wie Kopfhörer, Mixer oder Textilien, bei denen der bewusste Einbau von Schwachstellen oder die Verwendung »billiger« Rohstoffe auf »geplante Obsoleszenz« schließen lassen. Oft fehlt jedoch der objektive, nachprüfbare Beweis – gerade die Politik, Umweltverbände, Verbraucherzentralen, Medien und der Druck der Gesellschaft sind hier gefragt, damit sich die Dinge ändern.

Weg von der Wegwerfgesellschaft

»Ein Ansatz, gegen die ›geplante Obsoleszenz‹ anzugehen, wäre die Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Wenn wir die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Zahnbürsten, Jeans, Strumpfhosen und Computern einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle und reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen, nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen«, meint Axel Mayer über den Kampf gegen die Wegwerfkultur.

Do-it-yourself

Dafür braucht es aber vor allem Menschen, die etwas dagegen tun. Stefan Schridde gründete in Deutschland die Plattform Murks? Nein danke!.
Auf seiner Internetseite können Menschen Produkte melden, bei denen ihrer Einschätzung nach die Lebensdauer durch Manipulation der Hersteller absichtlich verkürzt wird. Er rät auch jedem Einzelnen, sich beim Kauf von Produkten vorab ein paar grundlegende Fragen zu stellen: »Brauche ich das unbedingt? Kann es nicht auch ein gebrauchtes Produkt sein? Kann es überhaupt repariert werden? Aus welchen Materialien bestehen die regelmäßig belasteten Teile?« Oft können Dinge ganz leicht wieder repariert werden, man muss sich dessen nur bewusst sein und etwas Zeit investieren. Wer das gern selbst in die Hand nehmen will, der findet dazu beispielsweise beim Unternehmen iFixit zahlreiche Hilfestellungen. Die US-Firma löst ein bekanntes Problem: Es wird zu wenig repariert, weil zu wenige Menschen Zugang zum nötigen Wissen haben und Hersteller das oft auch nicht mit uns teilen. Die Philosophie von iFixit ist, neben dem Verkauf von Spezialwerkzeugen und Ersatzteilen zum Reparaturhandbuch für alles und jeden zu werden. Das aufstrebende Unternehmen stellt seine Handbücher online und kostenlos zur Verfügung. Reparaturanleitungen für Smartphones, Laptops oder Spielkonsolen werden hier Schritt für Schritt erklärt. Neben eigens im Haus angefertigten Anleitungen gibt es bei iFixit auch eine wachsende »Fixer-Community«, wo Bastler neue Reparaturmöglichkeiten aufzeigen, bestehende korrigieren und auf aktuelle Fragen der Anwender antworten. Ziel ist es eben, einfache Anleitungen für »Otto Normalverbraucher« anstatt komplizierter Reparaturleitfäden ins Netz zu stellen. Denn nur so werden sich die Leute auch an der Reparatur versuchen.

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Hilfe zur Selbsthilfe

Dieser Devise folgen auch die zahlreichen Reparatur-Cafés, die sich von den Niederlanden aus über Belgien, Frankreich und Deutschland bis nach Österreich und auch Vorarlberg verbreitet haben. In solchen Reparatur-Cafés helfen fachkundige, meist ehrenamtliche Mitarbeiter den Menschen, ihre kaputten Dinge selbst zu reparieren. Und dieser Service ist meist kostenlos! So auch im carla Reparatur-Café in Altach – einem Projekt der Caritas Vorarlberg. Jeder kann mit seinem defekten Elektrogerät kommen und es gemeinsam mit den Fachleuten vor Ort reparieren. In Altach stehen einem ein Mitarbeiter der Caritas und zwei rüstige Rentner, die noch viel Freude am Basteln haben, mit Tipps und Werkzeug zur Seite. An verschiedenen Terminen, meist freitagnachmittags, werden hier kostenlos und ohne Anmeldung Kaffeemaschinen, Radios oder Küchengeräte fachmännisch repariert. Die beiden Pensionisten Walter Fritz und Erich Hämmerle und Caritas-Mitarbeiter Fritz Fuchs-berger sind Reparaturfachmänner und helfen bis zu 40 Leuten an einem Nachmittag, ihre Geräte wieder in Schuss zu bringen. Sie machen das gerne, weil es ihnen Spaß macht und sie sich für eine nachhaltige Umwelt einsetzen wollen. Ihrer Meinung nach, spielt beim Kauf vieler Produkte der Kostenfaktor eine entscheidende Rolle. Unabhängig davon, ob Hersteller nun »absichtlich« Schwachstellen oder Fehler in ihre Produkte einbauen, versuchen sie zumeist ihre Produkte so günstig wie möglich herzustellen. Aber nicht nur für Hersteller, sondern auch für Konsumenten ist die bewusste Entscheidung für eine höhere Qualität nicht immer leicht. Der Preis spielt eine große Rolle beim Kauf von Produkten. Ausschlaggebend sollte jedoch immer mehr die Reparierbarkeit sein – denn egal ob günstig oder teuer, wenn es nicht zu reparieren ist, dann ist es auch nicht mehr zu gebrauchen. Die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiter des Reparatur-Cafés finden eben auch, dass es genau hier Aufklärungsbedarf gibt: »Wer nicht weiß, was kaputt ist und ob und wie man es reparieren kann, der wird das auch nicht tun.« Die beiden engagierten Bastler wissen, wovon sie reden und hauchen auch weiterhin alten Geräten neues Leben ein – hingehen lohnt sich!

Handeln, nicht nur reagieren

»Reparaturwerkstätten sind ein guter individueller Ansatz«, meint auch Axel Mayer. »Aber es ist auch die berühmte individuelle Nische. Wir brauchen die Nische, wir brauchen aber auch den politischen Ansatz«, ist er überzeugt. Wie Gandhi schon sagte: »Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.« Deshalb reicht laut Mayer auch der Appell an das Gewissen und an den guten Menschen »Ändert euer Leben: Kauft langlebige Produkte« nicht aus. Im Kampf gegen die geplante Obsoleszenz braucht es ein gesellschaftliches und politisches Umdenken und vor allem müssen wir uns informieren und reparieren!

Illustrationen: Chris Feurstein

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