Vom Tier bleibt das Leder, vom Mann der Name

Alexander von Bronewski. Ein zurecht stolzer Name für einen Mann und dessen Ledermanufaktur.

Eine marineblaue Arbeitsjacke, ein korallfarbenes Halstuch und ein starker Gesichtsausdruck, in den Fingern ein Stück Leder: Das alles beschreibt den Mann, der keine Interviews gibt.
Es hat nichts gleich mit dem üblichen Spiel aus Fragen und Antworten. Man wird einfach so zu Tisch gebeten. Zu Kaffee und selbstgebackenem Brot, um sich über Inhalte von Zeitlosig- wie Zeitgeistigkeit zu unterhalten. Mit dem Finger an der Türglocke warte ich. Bronewski öffnet, empfängt und lädt zum Eintreten. Es riecht ganz wunderbar nach Kaffee, Brot und frischem Leder.

Karten und einzelne Photos zieren die Wand. Allerlei wundersame Gerätschaften stehen in den Regalen. Alles wirkt reduziert gehalten, nicht auf das Notwendigste, viel mehr auf Ausgewähltes. Man nimmt Platz an dem Tisch in der kleinen, langgezogenen Küche. Tillmann, der Hund, der nicht nach Hund riecht, stupst mich ans Bein. Bronewski bietet mir Kaffee oder Tee und das »Du« an. »Kaffee«, antworte ich und ein »Du« das von ganz weit weg kommt, während Alexander dies und jenes arrangiert. Er schneidet das frische Brot auf, erzählt mir dieses und jenes über das Messer in seiner Hand, dessen Klinge aus Solingen stammt, und schiebt mir eine Scheibe Brot, Butter und Käse zu. Er streckt sich nach oben. Die Handgelenke rutschen aus den Ärmeln und greifen nach einer Kaffeemühle. Alexander lässt geröstete Bohnen ins Mahlwerk fallen. Heißes Wasser entlöst dem entstandenen Pulver die Aromen und macht Kaffee daraus. Und dann, einfach, weil es so zu sein hat, geht das mobile Telefon auf Flugmodus und die Zeit hält an.

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Alexander von Bronewski

Bei Persönlichkeiten wie Alexander von Bronewski eine ist, lesen sich Lebensläufe wie Horoskope. Egal, was sie zuvor machten, man scheint überall das Wesen und die Züge dessen zu erkennen, was man im Jetzt, als Ergebnis der vielen Stationen, vor sich hat. Man möchte verstehen oder erfassen wie ein Mensch zu Alexander von Bronewski geworden ist.

Bronewski erblickte 1973 am deutschen Bodenseeufer das Licht der Welt. Er wuchs, trotz des überaus mondän klingenden Namens, gutbürgerlich heran.
Alexanders Schüler-Ich gab sich dem Wissen hin, bemüht und aufrichtig interessiert und wenn das System gewillt war, ihm Antworten zu geben, auf die Fragen, die ihn tatsächlich interessierten, war es gut. Der Pflicht folgend absolvierte er seinen Militärdienst, eine Ausbildung zum Kaufmann in einem informationstechnologischen Unternehmen bevor er dann im Auktionshaus Zeller die Verantwortung für informationstechnologische Belange übernahm. Weil er es konnte, erdachte und realisierte er für seinen Arbeitgeber einen Onlinekatalog. Heute nicht spektakulär, jedoch revolutionär, wenn man sich in die Anfangszeiten des Internets zurückdenkt. Unzählige Stücke aus dieser und jener Epoche fanden den Weg über seinen Schreibtisch.
Verschiedenste Handwerke galt es zu erfassen, Stilistiken und Handgriffe internetsprachlich auszudrücken und für die Versteigerung zurecht zu rücken. Nur ein Beruf, ein Teil der Arbeit? Vielleicht. Wie schon gesagt, man versucht zu erfassen, wie aus Alexander von Bronewski jener Ledermanufakteur wurde, der er heute ist.

Und dann?

Zehn Jahre vergingen bis Bronewski entschied, dass es das nun mit der Digitalisierung gewesen sein sollte. Er sagte auf Wiedersehen, packte seine Sachen und ging auf Reisen, nahm sich die Zeit sein Ziel zu finden oder sich von seinem Ziel finden zu lassen.
Er zog nach Lindau zurück, verdingte sie hier und da. Er schnitzte beispielsweise Holzlöffel, schrieb einen Blog der Feingeistigkeit, wurde für ein Jahr zum Bootsbauer und stellte Feinschmuck her, bevor die Sache mit den Gürteln kam.
Die Sache mit den Ledergürteln ist schnell erklärt. Ein Freund, der wusste was Bronewski konnte, sah in ihm den Mann, den er brauchte um sein Projekt, die Herstellung von Gürteln im großen Stil, abzuschließen. Einer dieser Schritte mit denen er betraut wurde, war das Vernähen der Lederriemen mit den Gürtelschließen. Als alle Gürtel fein gearbeitetet waren, saß Bronewski so da. Geist und Hände vermissten den Geruch nach Leder, das Anziehen des Fadens und das Hantieren mit den Häuten. So nähte er iPhone-Hüllen und Kleinwerk. Seine Schwester fand Gefallen am Werken ihres Brudes. Eine Tasche stellte sie sich im Geiste vor. Eine schöne Tasche gefertigt im Stile der Kleinwaren – nur eben in groß. Sie war die erste, doch folgten viele ihrem Beispiel. Denn so manch einer, und das ist bis heute so, sah in den Fertigkeiten von Bronewski ein Handwerk, für das man selbst hier und da Bedarf hätte. Weil es hochwertig und effektiv gearbeitet war. Und so kam es, dass Leder zu Bronewskis Alltag wurde – als Wegbegleiter und Wegbereiter gleichermaßen.

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Feine Lederwaren

»Du bist dem Material Respekt schuldig, weißt du?«, sagt Bronewski mehr als Aussage, denn als Frage.
Er wickelt das übrige Brot zurück in sein Brotpapier, legt es auf seinen Platz und geht voraus in den Raum mit dem schönen Holzboden. Dieser ist Werkstatt, Lagerraum und Verkaufsort. Prototypen von Handtaschen hängen an der einen Wand. »Das sind Greta, Maria und Rosa«, stellt mich der Handwerker den Handtaschen vor: »Sie sind nach ihren Auftraggeberinnen benannt.« Ich nehme »Greta« auf den Arm, fühle das weiche glatte Leder und erspähe im Inneren Details, wie Platz für ein Taschenmesser, die Möglichkeit Stifte zu transportieren und andere. Auf Regalen und Aufbauten darunter hängen allerlei Lederwaren. Gürtel, ein Pferdesattel. Gegenüber unterhalb des Fensters liegen Kleinwaren, wie in Leder verkleidete Flachmänner, eine Ablage für Klebehaftzettel und Federmäppchen.

Es scheint nichts zu geben, das es nicht verdient hätte beledert, aus Leder oder in Leder zu sein. »Hüllen für Smartphones, Laptops und Tablets«, wird mir Bronewski später widersprechen und mich belehren, sind tabu.
Deren Lebensdauer ist beschränkt und daher seien sie die zeitlos gefertigte Arbeit eines Manufakteurs nicht wert.

Auf der Werkbank liegt gut gepflegtes Handwerkszeug zur Bearbeitung bereit und nach Arbeitsschritten sortiert. Unter der Werkbank lagert das Leder. Alles cognacfarben ganz konsequent und ohne irgendeine schwarze oder gar bunt eingefärbte Alternative.
In aufwändiger Recherchearbeit wurde der Lagerbestand zusammengestellt. Und wenn ich an dieser Stelle von Recherche spreche, heißt das, dass der Ledermanufakteur seine Hersteller und ihre Arbeitsweisen kennt, weil er sie besucht hat. Er weiß, dass die Gerber wissen, was für ein Tier sie gerade wie bearbeiten, woher es kommt und wie es gestorben ist. Neben aller ethischen Gedanken und Bedenken ist es eine Frage von Respekt. Respekt vor dem Tier, Respekt vor dem Material und Respekt vor seiner eigenen Arbeit. »Ich stecke Stunde um Stunde in das Handwerk, setze hochwertige Ergebnisse voraus, was würde es da für einen Sinn machen, würde ich billige Leder beziehen?« Es wäre ein Kontrast zur Nachhaltigkeit.

Keine Naht zu viel, jede hat ihren Sinn, ihren Platz.

Bronewski steht auf und geht auf die andere Seite des Raumes. Erst jetzt fällt die Flicke ins Auge. Weiße Stiche, ähnlich der Nähte an den Taschen. Mein Alles-Außer-Mode-Blogger-Herz gluckst und der Manufakteur antwortet. Er habe kürzlich seine Hose geflickt, jetzt hätte er wieder drei Hosen, und ob ich denn wisse wie stressig es sei, Morgen für Morgen entscheiden zu müssen, welche der drei man denn nun anziehen soll. Und außerdem hätte er erst neulich eine Kundin gehabt, die zwei Taschen wollte, einfach so, weil sie es könne und er habe sie weggeschickt. Denn was wäre die Folge, würde man zwei gleiche und völlig idente Taschen kaufen, deren Lebensdauer ein Leben dauert? Und was hätte es zur Folge, würde Bronewski so viele Taschen herstellen, so viele, dass zwei idente Taschen einfach so, ganz ohne die Warteliste, die es gibt, bei ihm rumstehen? Wären diese Stücke dann noch Lieblingsstücke, solche Lieblingsstücke, wie Bronewski sie anzufertigen pflegt? Ich erröte und fühle mich als etwas naiv ertappt und lenke meine Frage auf ein sehr alt aussehendes Stück Tasche eines anderen Meisters aus offensichtlich vergangenen Tagen. Es ist eines der vielen Lehrstücke, die es gezielt in den Besitz von Bronewski schafften. »Sieh Mal«, sagt der Manufakteur und deutet auf eine versteckte Naht an einer Verbandtasche des Schweizer Militärs. »Siehst du, wie schön?« Die Augen strahlen, ich nicke, streiche über eine versunkene Naht, über glatte Stiche und über unsterbliche Nieten. »Oder da, die Kanten. Und keine Naht zu viel, jede hat ihren Sinn, ihren Platz.« Und hier ist sie wieder, die Zeitlosigkeit. Dieses und jenes Stück erklärt er mir, wird dem Respekt und der Zeitlosigkeit nicht müde, versinkt viel mehr in den Worten über Nieten und Stiche bis sich Tillmann erhebt und Bronewski mit dem Kopf anstupst.

Es ist Zeit, denke ich mir und bedanke mich für den Kaffee.

Hier gehts zu Alexanders Website.
Fotos: Alexander von Bronewski, Mia Feline, Philip Bruederle

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